Freut sich auf das Abenteuer zweite Liga: Spielmacher Michael „Mimi“ Kraus vom Absteiger SG BBM Bietigheim. Foto: Pressefoto Baumann

Michael „Mimi“ Kraus hat im Handball so gut wie alles gewonnen, was es zu gewinnen gibt. Nun spielt er erstmals in seiner Karriere in der zweiten Liga – und der 35-Jährige ahnt, was ihn dort mit der SG BBM Bietigheim erwartet.

Bietigheim-Bissingen - Champions-League-Höhepunkte gegen den FC Barcelona, Bundesliga-Duelle mit dem THW Kiel – das war einmal. Die Gegner von Michael „Mimi“ Kraus heißen nun HSG Krefeld, TuS Ferndorf, Rimpar Wölfe oder, wie zum Saisonauftakt an diesem Sonntag (17 Uhr/Ege-Trans-Arena), ASV Hamm-Westfalen. Willkommen in der Zweiten Handball-Bundesliga! Willkommen in der Provinz. Dort ist Weltmeister Kraus nun der Prinz. „Da kommt der Superstar wird es überall heißen. Und den Superstar jagt man“, ist sich Jochen Zürn, der Sportliche Leiter der SG BBM Bietigheim, sicher. Kraus stellt sich darauf ein, dass er mit allen erlaubten und manchmal auch unerlaubten Mitteln von den Gegnern bekämpft wird – und drückt sich drastisch aus: „Es wird Stimmen geben, die sagen, dem hauen wir aufs Maul – aber damit muss ich leben, ich bin nicht zart besaitet.“

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Warum aber tut sich das einer an, der so gut wie alles gewonnen hat, was es im Handball zu gewinnen gibt? Die Weltmeisterschaft 2007, die Deutsche Meisterschaft 2011 und die Champions League 2014 jeweils mit dem HSV Hamburg, den EHF-Pokal mit dem TBV Lemgo (2010) und Frisch Auf Göppingen (2016). Warum tut sich so einer das noch mit fast 36 Jahren an? Klar flatterten ihm nicht mehr langfristige Angebote von Weltclubs ins Haus, aber für ein, zwei Jahre lagen durchaus lukrative Offerten aus dem Ausland vor. Aus Frankreich (HBC Nantes), Spanien, Polen, Portugal, Griechenland – auch aus Dubai und Katar. Doch Kraus entschied sich für Bietigheim. Für die zweite Liga. Für die Familie. Kraus ist mit seiner Ehefrau Bella und den drei kleinen Kindern Zoe (4), Marlo (2) und Maddox (drei Monate) in seiner Heimat Göppingen verwurzelt. Und dann gab es vor kurzem noch ein trauriges Ereignis, das ihn in seiner Entscheidung bestärkte: Sein Vater verstarb mit 67 Jahren. Michael Kraus ist der einzige von fünf Kindern, der in der Region wohnt. „Ich will möglichst nahe bei meiner Mutter sein“, sagt der sonstige Strahlemann mit ernster Stimme.

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Hinzu laufen die Pläne des Spielmachers, sich ein zweites Standbein neben dem Handball aufzubauen längst auf Hochtouren: Im Crossfit-Bereich wird er in der Region ein weiteres Studio eröffnen. Doch auch bei der SG BBM bringt er sich im Marketing bereits mit ein. „Sein Wissen und sein Netzwerk im Handball sind für uns Gold Wert“, sagt Bietigheims Sportchef Zürn.

Doch zu allererst soll Kraus den Absteiger aus der Bundesliga und eingespielten Topfavoriten wieder in die Beletage zurückwerfen. Wenn er fit ist, wenn sein Körper in Form ist und sein Kopf bei der Sache ist, wird er ein Garant dafür sein. Mit seiner Wucht, seinem Mut, seinem Instinkt, dem die ansatzlosen Würfe entspringen, gehört der Hochveranlagte immer noch zu den Besten der Branche. Zur Erinnerung: Vergangenen Herbst erzielte er innerhalb von zehn Tagen 18 Tore im Spiel gegen die TSV Hannover-Burgdorf (der Bundesligarekord liegt bei 21 Treffern) und elf gegen die Füchse Berlin. Damals noch im Dress des Erstligisten TVB Stuttgart.

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Im Februar wechselte er zur SG BBM. Den Abstieg konnte der 1,87 Meter große Rückraum-Allrounder nicht verhindern, genauso wenig wie der neue Trainer Hannes Jon Jonsson. Am Ende fehlte beim 25:25 gegen den VfL Gummersbach am 9. Juni ein Tor. Den letzten Wurf hatte sich Kraus genommen, der Mann für die besonderen Momente. Er scheiterte. Die zweite Liga war damit Realität. „Doch unser graues-Maus-Image haben wir abgelegt“, betont Zürn. Dank Michael „Mimi“ Kraus. Dem Prinz in der Provinz.

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