So sehen Verlierer aus: Gummersbachs Ivan Martinovic Foto: Baumann

Die Handball-Welt ist nicht mehr, wie sie einmal war. Der VfL Gummerbach fehlt künftig in der Bundesliga. Wie lange? Mitabsteiger SG BBM Bietigheim hat schon ein klares Ziel: Wir kommen nächstes Jahr wieder.

Bietigheim - Was für ein Wahnsinn! So ein Wochenende hat die deutsche Handball-Welt wohl noch nicht erlebt. Und wird es auch so schnell nicht mehr bekommen. Dabei lag der Fokus nicht mal auf dem Meisterschaftsfinale, sondern dem Abstiegskampf. Der brachte Spannung pur. Und am Ende Tränen, Tragik, Trauer. Der Blick richtete sich dabei zunächst einmal auf die Egetrans-Arena in Bietigheim (und nur mit einem Auge nach Ludwigshafen zum Parallelspiel der Eulen gegen Minden), wo der Aufsteiger SG BBM im direkten Duell der punktgleichen Mannschaften (13 Zähler) auf den VfL Gummersbach traf. 25:25 stand es nach den dramatischen 60 Minuten im entscheidenden Saisonfinale am Sonntag gegen Viertel vor Fünf. Und so viel stand fest: Der SG reichte der Punktgewinn oder besser -verlust nicht zum Klassenverbleib, wegen des schlechteren Torverhältnisses.

Aber was passierte mit dem Traditionsclub aus Gummersbach? Das hätten die 500 mitgereisten Fans in der mit 4715 Zuschauern erstmals ausverkauften Arena auch gerne gewusst. Der Haken: Während in Bietigheim alle Beteiligten zum Nichtstun verurteilt waren, wurde gut 100 Kilometer nordwestlich in der altehrwürdigen Eberthalle noch gespielt. Und gekämpft. Die Hoffnung lebt, das spürte auch Ludwigshafens Trainer Benjamin Matschke. Und tatsächlich passierte dort das Wunder, Teil zwei. Nach dem zwingend nötigen Remis in Bietigheim, gewannen die Eulen, die zeitweise schon mit drei Toren zurückgelegen hatten, 31:30. 28 Sekunden vor Schluss kam Jonathan Scholz (ein Ex-Bietigheimer übrigens) am Kreis eher zufällig an den Ball, verwandelte eiskalt – und die Halle in einen Hexenkessel. Jubel hier, Entsetzen dort.

Als der Hallensprecher der Egetrans-Arena das Ergebnis des Parallelspiels bekannt gegeben hatte, war endgültig klar: So sehen Verlierer aus. Die SG und der VfL steigen gemeinsam ab. Wie heißt es so schön: Wenn sich zwei streiten, freut sich der Dritte.

Drei Teams – zwei Verlierer

VfL Gummersbach Der Blick in die Gesichter verriet alles in der Egetrans-Arena, in der man hätte Spiegeleier braten können – so heiß ging es in der Nervenschlacht her. Stellvertretend sei hier ein gestandener Handball-Profi genannt wie Drago Vukovic, 35, der nur noch sagte: „Wir haben es leider nicht geschafft. Aber wir haben es nicht in Bietigheim verspielt, sondern schon in den Partien davor. Meine Karriere mit einem Abstieg zu beenden, fühlt sich einfach total schlecht an.“

53 Jahre lang war der VfL ein fester Bestandteil der Bundesliga, so wie der Hamburger SV im Fußball, jetzt ist auch dieser Dino in der zweiten Liga verschwunden und eine Rückkehr zumindest kein Selbstläufer. „Es ist das eingetreten, was ich befürchtet habe“, sagte Ex-Bundestrainer Heiner Brand, das Gummersbacher Urgestein, der sich die Fahrt vorsichtshalber geschenkt hatte. Im Gegensatz zu vielen Fans, die noch lange nach dem Spiel fassungslos auf den Stufen der Bietigheimer Arena verharrten. Das alles zehrte an den Nerven. Zumal die Zukunft nicht allzu rosig aussieht; Identifikationsfigur Carsten Lichtlein zieht es zum HC Erlangen.

Immerhin hat der VfL zuletzt die Lizenz (die 2011 schon mal kurzzeitig entzogen war) für die zweite Liga bekommen. Brand: „Es fällt schwer, sich die Bundesliga ohne den VfL vorzustellen.“ Wie lange? Ein anderer Altmeister, der TV Großwallstadt, ist ja ebenfalls abgestiegen – in die dritte Liga. Das ist Warnung genug.

Was wird aus Michael Kraus?

SG BBM Bietigheim Der Abstieg war noch kaum Realität, da versprühten die Verantwortlichen schon wieder Optimismus. Sportdirektor Jochen Zürn: „Wir kommen wieder!“ Zurück soll das heißen. Dabei hätte sich die Mannschaft die Prozedur zweite Liga sparen können. Sie war angesichts des Vier-Tore-Vorsprungs nach gut 40 Minuten schon so gut wie gerettet, ehe sich unerklärliche Fehler einschlichen und die Gäste fünf Minuten vor Schluss plötzlich führten. „Wir müssen uns an die eigene Nase fassen“, sagte Michel Kraus, der sieben Sekunden vor Schluss mit dem letzten Wurf den Sieg vergab – und damit Klassenverbleib. „Kein Vorwurf, er hat Verantwortung übernommen“, sagte Trainer Hannes Jon Jonsson. Und sich in den Dienst der Mannschaft gestellt, trotz eines nicht ausgeheilten Muskelfaserrisses. „In so einem Spiel will jeder dabei sein“, sagte Kraus. Auch weiterhin? „Aktuell gibt es keinen Standpunkt, weil ich fest vom Klassenerhalt überzeugt war“, sagte er zwar, fügte aber: „Es wäre auch nicht korrekt, den Verein jetzt zu verlassen.“

Davon geht Zürn auch nicht aus und sagt: „Wir sind in guten Gesprächen.“ Sollten die zum Ziel führen, würde das seine These durchaus untermauern, die da lautet: „Wir haben einen stärkeren Kader als dieses Jahr.“ Zwar gibt es die Abgänge von Torhüter Domenico Ebner (Hannover-Burgdorf), von Felix König der wegen Knieproblemen seine Karriere beenden muss und als Sportkoordinator bei der SG einsteigen wird sowie des frenetisch gefeierten Urgesteins Robin Haller („ich wäre gerne noch geblieben“) zu verkraften, doch demgegenüber stehen die Zugänge von: Nils Boschen (TSB Heilbronn-Horkheim), Rückkehrer Tim Dahlhaus (Pays d’Aix UC) sowie den beiden Stuttgartern Max Oehler und Jonas Maier.

Nicht zu vergessen Trainer Jonsson, der erst in der Winterpause für Ralf Bader kam, und der Mannschaft zumindest Stabilität in der Abwehr und Struktur im Angriff verpasst hat. Zürn: „Er passt einfach zu uns.“ Deshalb wurde der Vertrag mit dem Isländer, der ursprünglich eigentlich in seine Heimat zurück wollte, auch verlängert. Und dass die ganze Familie dahinter steht, zeigte sich am Sonntag. Der kleine Sohn rannte sich mit seinem Schild „Stimmung“ quer durch die Halle die Lunge aus dem Leib. Die Stimmung war schon spitze, das Ergebnis dann aber nicht.

Zehn Pils für einen klaren Kopf

Eulen Ludwigshafen Ganz im Gegensatz zu der Partie in Ludwigshafen. Auch dort war die Halle mit 2300 Zuschauern nochmals ausverkauft, obwohl die Rettung einem Wunder gleichkommen musste. Und das trat ein. Kleiner Vorteil: Als das Ergebnis von Bietigheim bereits feststand, lief die Partie der Eulen noch. Trainer Benjamin Matschke bekannte: „Als ich den Endstand gehört habe, habe ich schnell noch eine Auszeit genommen, um etwas Ruhe reinzubringen.“ Das zahlte sich letztlich aus, auch wenn es mit der Ruhe kurze Zeit darauf endgültig vorbei war. Totgesagte leben länger, nachdem die Mannschaft aus den letzten drei Spielen sechs Punkte holte, darunter den 29:26-Überraschungssieg vor einer Woche beim Nachbarn Rhein-Neckar Löwen. Aber wie sagte die Ludwigshafener Oberbürgermeisterin Jutta Steinruck beim „RNF“ mit Blick auf ein Transparent in der Halle: „Eulen geben niemals auf.“

Dafür muss der Verein trotz des Klassenverbleib wichtige Spieler abgeben: Stefan Salger (MT Melsungen), Alexander Feld (HSG Wetzlar) und Torwart Matej Asanin (RK Zagreb). Bei den Zugängen ist noch Luft, aber nach dem unerwarteten Klassenverbleib werden sich auch da Spieler finden lassen. Wenn sich die Gemüter mal wieder beruhigt haben. Kai Deppe jedenfalls hatte nach dem Spiel die Sprache verschlagen. „Mir fehlen etwas die Worte, vielleicht ändert sich das, wenn ich zehn Pils getrunken habe.“

Wie sich die Bilder gleichen: Das ein oder andere Bierchen floss auch in Bietigheim – aus Frust.

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