Auf dieser Drohnenbrut (männliche Bienen) haben sich zwei Varroa-Milben festgebissen. Milbenbefall, Krankheiten und Pflanzenschutzmittel machen den Bienen besonders schwer zu schaffen. Foto: dpa

Rettung für Bienen? Wissenschaftler der Universität Hohenheim haben ein Mittel gegen die Varroa-Milbe entdeckt. Ob Lithiumchlorid die Erwartungen erfüllt und den gefürchteten Bienen-Parasit abtötet, müssen nun weitere Forschungen zeigen.

Stuttgart - Es könnte der lange ersehnte Durchbruch sein. Forschern der Universität Hohenheim in Stuttgart ist es erstmals gelungen, ein potenzielles Medikament gegen die für Bienen lebensbedrohliche Varroa-Milbe zu entwickeln.

Der Einsatz der Substanz Lithiumchlorid erfolge durch Fütterung und erfordere nur einen geringen Arbeitsaufwand, sagt Bettina Ziegelmann von der Landesanstalt für Bienenkunde der Universität Hohenheim. Wir sprachen mit der Biologin und Varroa-Expertin über die Chancen, die mit diesem Wirkstoff verbunden sind.

„Bis zu einem fertigen Produkt werden noch Jahre vergehen“

Frau Ziegelmann, Sie haben zusammen mit dem Hohenheimer Bienenforscher Peter Rosenkranz entdeckt, dass Lithiumchlorid gegen die Varroa-Milbe wirksam sein könnte. Ist damit ein Heilmittel gegen diesen gefürchteten Bienenparasiten gefunden worden?
Die Meldungen in den Medien klingen sehr euphorisch. Mit Lithiumchlorid haben wir tatsächlich einen ganz neuen Wirkstoff entdeckt, der in den bisherigen Versuchen ausgezeichnet gewirkt hat. Das Potenzial für ein „Heilmittel“ gegen die Varroa-Milbe ist also vorhanden, bis ein Mittel auf den Markt kommt, ist es aber noch ein weiter Weg.
An welchen Zeitraum denken Sie?
Wir werden jetzt zwei bis drei Jahre weiter forschen, bevor an eine Zulassung gedacht werden kann. Wir müssen Nebenwirkungen des Wirkstoffes auf Bienen und ihre Brut ausschließen oder reduzieren. Rückstände im Honig wollen wir auf jeden Fall vermeiden. Ein durchschnittliches Zulassungsverfahren dauert anderthalb Jahre, wahrscheinlich sogar noch ein bisschen länger.
Und was bedeutet das?
Dass bis zu einem fertigen Produkt, wenn es überhaupt klappt, noch Jahre vergehen werden.
Seit wann forschen Sie an diesem Anti-Varroa-Mittel?
Das Hohenheimer Projekt läuft intensiv seit Mai 2016 und wird von der Bayerischen Forschungsstiftung gefördert. Wir haben aber bereits zwei Jahre vorher mit unserem Münchener Partner damit begonnen.
Könnte das Genehmigungsverfahren schneller abgeschlossen werden, weil sich Lithiumchlorid in der Humanmedizin zur Behandlung von Depressionen und Manien seit mehr als 70 Jahren bewährt hat?
Das haben wir auch schon diskutiert. Aber wir können es noch nicht einschätzen. Dieser Umstand könnte sehr hilfreich sein, da bereits zahlreiche Studien zur Wirkweise vorliegen. Andererseits könnte dies auch ein Problem darstellen, wenn Spuren von Lithiumchlorid im Honig gefunden würden. Davon gehe ich aber nicht aus, da die eingesetzten Mengen sehr gering sind und wir an einer Behandlungsmethode arbeiten, die eine Anreicherung im Honig von vornherein vermeiden soll.

„Varroa ist der Hauptfeind Nummer eins der Honigbiene“

Das öffentliche Interesse am Thema Bienen und Varroa-Milbe ist gewaltig. Wie erklären Sie sich den Hype um den Parasiten?
Varroa ist nach wie vor das Thema Nummer eins für Imker. Die Milbe ist der Hauptverantwortliche für die Winterverluste bei den Bienenvölkern. Was derzeit an Gegenmitteln verfügbar ist, sind die alten Substanzen in neuen Kombinationen.
Auf die chemische Keule wird heute weniger gesetzt – vor allem wegen Resistenzen bei den Milben. Wie effektiv ist die gängige Behandlung der Bienenvölker mit den anorganischen Substanzen Ameisensäure im Spätsommer und Oxalsäure nach den ersten Nachtfrösten im Dezember/Januar?
Auch diese Mittel haben Vor- und Nachteile. Wir sehen Lithiumchlorid deshalb als ein mögliches zusätzliches Mittel in der Behandlungspalette. Der Vorteil von Lithium ist, dass es nicht witterungsabhängig ist und im Gegensatz zu anderen Mitteln systemisch wirkt. Wie es in der Praxis angewandt werden kann, müssen wir noch genauer herausarbeiten.
Die Varroa-Milbe ist nur ein Schädling, der den Bienen weltweit zusetzt. Hinzu kommen Umweltgifte, Pestizide, Pilze,Viren und Bakterien. Welche Rolle spielt die Varroa-Milbe für die Gesamtverfassung der Bienenvölker?
Varroa ist weiterhin der Hauptfeind Nummer eins der Honigbiene. Wenn wir von Imkern Waben bekommen, die ihre Völker über den Winter verloren haben, ist fast immer Varroa schuld. Natürlich kann sich das aufgrund von Pflanzenschutzmitteln drastisch verschlimmern. Aber die Varroa-Milbe ist das Hauptproblem. Wenn wir das in Griff bekommen, können wir uns auch um die anderen schädlichen Faktoren kümmern.
Wie lautet Ihr Zwischenfazit?
Es wäre schön, wenn wir ein zusätzliches Mittel gegen die Varroa-Milbe zur Verfügung hätten. Aber erst die weiteren Versuche werden ergeben, ob Lithiumchlorid die anderen Behandlungsmethoden ergänzen oder sogar ersetzen kann.

Zur Person: Bettina Ziegelmann

1983 geboren in Stuttgart

2003-2008 Studium der Biologie an der Universität Hohenheim

2012-2015 Promotion über die Identifikation der Sexualduftstoffe der Varroa-Milbe an der Landesanstalt für Bienenkunde

Seit 2008 wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Landesanstalt für Bienenkunde der Universität Hohenheim; seitdem auch mit dem Thema Bekämpfung der Varroa-Milbe beschäftigt.

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