Gemeinsam für die Kunst – Ute und Rudolf Scharpff 2011 in Stuttgart Foto: dpa

„Sammeln ist uns eine Existenzform geworden“, sagt Rudolf Scharpff 2004 über das gemeinsame Kunst-Engagement mit seiner Frau Ute. Es ist ein Weg mit Brüchen und Antritten. Ein Blick zurück.

Stuttgart - Manche Sätze von Rudolf Scharpff haben eine eigene Schärfe. Etwa seine dieser Zeitung gegebene Antwort auf die Frage „Wie sehen Sie Ihre Rolle als Privatsammler?“: „Ich sehe da gar nichts.“ Sondern? „Ich möchte den ­Museen die Chance geben, nach vorne zu blicken, sich mit der Gegenwartskunst zu beschäftigen.“

„Die Sammlung wäre nicht denkbar ohne meine Frau“

So wie 2008. Ute und Rudolf Scharpff schenken der Staatsgalerie Stuttgart zur Wiedereröffnung des sanierten Altbaus ein Großformat des Malerstars Neo Rauch. Es ist ein Bekenntnis, eine Aufforderung zur Nachahmung, ein Statement im besten Sinn. Im Dezember 2008 wird das Großformat „Ordnungshüter“ den Freunden der Staatsgalerie übergeben. „Man muss etwas tun“, sagt Rudolf Scharpff seinerzeit, „die Museen brauchen Hilfe.“ Die Scharpffs hoffen auch auf einen Impuls für vergleichbares Bürgerengagement – vergebens. „Sicher“, sagt Scharpff später, „wir wollten ein Zeichen setzen“. „Wir“ – das sind Rudolf und Ute Scharpff. „Die Sammlung“, sagt Rudolf Scharpff, „wäre so gar nicht denkbar ohne das Engagement meiner Frau, ohne die Diskussionen mit ihr“.

Immer auf der Suche

Eine unbestimmte, nicht wirklich greif­bare Unruhe bestimmt sie beide – Ute und Rudolf Scharpff. Ob auf offizieller Bühne oder im kleinen Kreis – immer scheinen sie auf der Suche, betont kritisch und in eigener Ernsthaftigkeit. Nein, darstellen will dieses Paar nichts, es will etwas bewegen.

„Die Kunst ist das größte Abenteuer“

„Die Kunst“, schreiben Ute und Rudolf Scharpff in ihrer 2004 veröffentlichten Sammlerautobiografie „Der Mann mit der Postkarte“ (Verlag Hatje Cantz), „ist das größte Abenteuer, verlangt den größten Spürsinn, den engsten Kontakt mit den Produzenten, die sorgfältigste Abwägung.“ Folgerichtig heißt seinerzeit das Fazit der Beschäftigung mit Kunst: „Sammeln ist uns eine Existenzform geworden.“

Han Jürgen Müller schärft den Sammler-Blick

Mit Werken des Hamburger Realisten Horst Janssen beginnt die Folge von Begeisterung, ­Brüchen, Neuansätzen und konsequenter Begleitung. Der Stuttgarter Galerist Hans Jürgen Müller, betont Rudolf Scharpff 2009 als Gast bei „Über Kunst“, Gesprächsreihe unserer Zeitung in der Stuttgarter ­Galerie Klaus Gerrit Friese, habe 1967 den Blick geschärft. Für Werke der Nouveaux Réalistes um Jean Tinguely, Daniel Spoerri und Yves Klein.

Engagement für Robert Gober

1973 wird das Engagement öffentlich. „Mit Kunst leben. Ausstellung aus württembergischem Privat­besitz“ nennt Uwe M. Schneede, seinerzeit Direktor des Württembergischen Kunstvereins Stuttgart, die Schau. 25 Jahre später und als Direktor der Hamburger Kunsthalle setzt Schneede erneut auf die Scharpffs – vor allem auf ein Ensemble des US-amerikanischen Objektkünstlers Robert Gober.

Als Unternehmerpersönlichkeit geschätzt

„Man muss sich entscheiden“, sagt Rudolf Scharpff. Auch für den Bruch. 1979 – zeitgleich mit Scharpffs Antritt als Generalbevollmächtigter (von 1980 bis 1993 als persönlich haftender Gesellschafter) in der Leitung des Weinheimer Technologieunternehmens Freudenberg – geht der Nouveau-Réalisme-Block an die Kunsthalle Mannheim. Als Dauerleihgabe zunächst, dann als Ankauf. Die Scharpffs wollen vorne sein, Anfänge erspüren, etwas mit durchsetzen. Werke der Maler Martin Kippenberger, Werner Büttner, Georg Herold und Albert Oehlen zunächst. Dann lockt das noch Ungestüme der Straße – US-Graffiti-Kunst.

Besonderer Einsatz für Michel Majerus

Das Schwergewicht aber bildet anderes, Arbeiten späterer Stars wie Robert Gober, Jeff Koons, Mike Kelley, Christopher Wool und Cady Noland. Die Scharpffs bleiben neugierig – und entscheiden sich in den 1990er ­Jahren für deutsche Malerei. Arbeiten von Franz Ackermann, dem 2002 früh verstorbenen Michel Majerus (Absolvent der Stuttgarter Akademie wie auch André Butzer) und Daniel Richter bestimmen den Kurs.

In Stuttgart selbst halten sich die Scharpffs – wie auch die Kollegen vom Gewicht Josef W. Froehlichs, Uli Knechts oder Thomas Grässlins – lange zurück. Sollten Scharpff-Sätze wie „Ich fühle mich für die Künstler, mit denen ich arbeite, verantwortlich. Ihre Werke müssen in den öffentlichen Raum, sie müssen in Ausstellungen, in Kunstvereine, Kunsthallen und natürlich in Museen, sie müssen gesehen und diskutiert werden“ vor Ort weniger Bedeutung haben?

„Heißkalt“ – 2004 der große Auftritt in der Saatsgalerie Stuttgart

2004 aber der Coup. Unter dem Titel „Heißkalt“ präsentiert Gudrun Inboden in der Staatsgalerie Stuttgart „Aktuelle Malerei aus der Sammlung Scharpff“ – ein subjektiver Parforceritt durch die jüngste Gegenwart. Während der Ausstellung ist Scharpff nahezu überall in der Staatsgalerie zu finden. In der Folge legt er sich Zurückhaltung auf, was aber bleibt, sind seine jugendlich wirkende Neugier und seine Verlässlichkeit.

Einmalig: Museen können Sammlung als „offenes Depot“ nutzen

Vier Museen – darunter die Staatsgalerie Stuttgart und das Kunstmuseum Stuttgart – können seit 2008 die Sammlung als „offenes Depot“ nutzen. Und 40 Jahre nach dem Kunstvereins-Auftritt und zehn Jahre nach dem Staatsgalerie-Gastspiel verwandeln Ute und Rudolf Scharpff 2014 das Kunstmuseum Stuttgart in eine erste Adresse internationaler Gegenwartskunst. „Cool Place“ heißt denn auch die Schau.

Tochter Carolin Scharpff-Striebich entwickelt das Profil weiter

In der Folge forcieren die Scharpffs die Arbeit der Rudolf und Uta Scharpff Stiftung – und lassen Raum für die nächste Generation. Die Tochter Carolin Scharpff-Striebich entwickelt das Profil weiter.

Scharpff Vermächtnis für Stuttgart: „Mich regt das auf, diese Stille.“

Am vergangenen Dienstag ist das „Wir“-Band von Rudolf und Ute Scharpff gerissen. Im Alter von 89 Jahren ist Rudolf Scharpff gestorben. Was bleibt, ist seine Aufforderung: Für die Kunst und mit der Kunst etwas zu wagen. Und ein Satz. Ein Scharpff-Satz für und über Stuttgart: „Mir fehlt einfach die Begeisterung, mir fehlt die Vision. Niemand spricht über ein neues Lindenmuseum, über die neue Philharmonie, über den Erweiterungsbau der Staatsgalerie, die „Galerie der Gegenwart“. Da denke ich, was ist los mit Dir, ­Stuttgart? Sehen wir denn die Chancen nicht, die das Projekt Stuttgart 21 über den Flächengewinn für die Stadtentwicklung und die Verkehrsanbindungen bietet? Mich regt das auf, diese Stille.“

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