Ute und Rudolf Scharpff Foto: Staatsgalerie

An diesem Freitag wird im Kunstmuseum Stuttgart unter dem Titel „Cool Place“ eine Schau mit Hauptwerken der Sammlung Ute und Rudolf Scharpff eröffnet. Im Exklusivinterview spricht Rudolf Scharpff über sein Selbstverständnis und wirbt für einen neuen Aufbruch in der Landeshauptstadt.

An diesem Freitag wird im Kunstmuseum Stuttgart unter dem Titel „Cool Place“ eine Schau mit Hauptwerken der Sammlung Ute und Rudolf Scharpff eröffnet. Im Exklusivinterview spricht Rudolf Scharpff über sein Selbstverständnis und wirbt für einen neuen Aufbruch in der Landeshauptstadt.
 
Stuttgart - Herr Scharpff, welche Bedeutung hat für Sie die Ausstellung „Cool Place“?
Zu sehen ist der wesentliche Teil der Sammlung Ute und Rudolf Scharpff. Es war immer unser Thema, dass die Deutungshoheit von Kunst in öffentlichen Museen liegt, nicht in Privatmuseen.
Wie bewerten Sie Diskussionen , ob Privatsammler diese öffentlichen Museen nicht als ,Durchlauferhitzer’ benützen?
Das war und ist Unsinn. Erst einmal ist das Zusammenspiel für beide Seiten interessant. Und dann werden die Preise der internatonalen Gegenwartskunst in den USA gemacht, nicht in deutschen Museen.
Was erwartet uns in „Cool Place“?
Unsere Sammlung beginnt in der Generation nach Gerhard Richter. Im Kunstmuseum sind damit – von dem jüngeren André Butzer abgesehen – Werke von Künstlerinnen und Künstlern zu sehen, die jetzt zwischen 50 und 60 Jahre alt sind. Das Spannende für das Publikum wird sein, dass etwas zu sehen ist, was sonst wenig gezeigt wird.
Was meinen Sie?
Augenblicklich stehen Konzept orientierte und installative Arbeiten im Vordergrund. „Cool Place“ aber rückt die Malerei in den Fokus.
Was interessiert Sie an der Malerei?
Es gibt ungeheuer spannende Linien. Nicht nur in der deutschen Kunst. Nehmen Sie die britische Malerei – da spannt sich der Bogen ganz klar von Francis Bacon bis hin etwa ­aktuell zu Glen Brown. Oder auch die Art und Weise, wie Andy Warhol Malerei verstanden hat. Das findet sich bei Christopher Wool wieder. Wool steht auf den Schultern von Warhol un d hat die bildnerische Gestaltung weiterentwickelt. Durch die Entfernung der Farbe, den Einsatz des Schwamms, und auch mit Elementen des Spray Paintings. Wool ist der wichtigste Künstler in der Sammlung – in der Zahl und auch über die Entwicklung. Und er ist ein wirklich guter Freund – wie übrigens auch Albert Oehlen.
Seit 2008 ist die Sammlung Scharpff für vier Museen für die jeweilige Sammlung als auch für Ausstellungen als „offenes Depot“ nutzbar. Gilt dieser Vertrag noch?
Ja.
Das heißt, das Kunstmuseum Stuttgart hatte für die Auswahl und die Konzeption von „Cool Place“ Entscheidungsfreiheit?
Aber sicher. Wie ich zu Anfang gesagt habe – die Kunst muss sich im Museum bewähren. Wir bieten Werke, aber was ein Museum ­daraus macht, entscheiden allein die je­weiligen Häuser.
Ulrike Groos, Direktorin des Kunstmuseums Stuttgart, hat das Ausstellungskonzept von „Cool Place“ erarbeitet. Haben Sie die Hängung der Schau miterlebt?
Ja – und das war sehr spannend. Bilder reagieren auf einen Ort, auf Zusammenhänge, die geschaffen werden. Man sieht damit Werke auch neu – und ich glaube, das ist für jeden, der mit Kunst zu tun hat, das Interessante an einer Ausstellung.
Wie lange haben die Vorbereitungen ­gedauert?
Zwei Jahre. Wir haben für die Ausstellung alle wichtigen Werke, die als Leihgabe in einem Museum hängen, zurückgeholt.
Ist es aber nicht verwunderlich, dass Sie für eine solch umfassende Ausstellung Stuttgart wählen?
Warum? Das Kunstmuseum hat gefragt und mich haben Idee und Konzept überzeugt.
Aber wurden Se nicht in Stuttgart schon ­ziemlich enttäuscht?
Was meinen Sie?
2008 haben Sie und Ihre Frau bei Neo Rauch ein großformatiges Bild in Auftrag gegeben, um es der Staatsgalerie Stuttgart zu schenken. Die erhoffte Initialzündung für das Engagement weiterer Sammler aber verpuffte.
Also das mit der Initialzündung habe ich nie so gesehen. Sie haben das damals so bewertet, aber das war für mich nicht der Antrieb.
Sondern?
Die Idee einer bildnerischen Antwort auf den Block von Bildern von Max Beckmann in der Staatsgalerie und der gesamte Prozess bis zur Übergabe lösten interessante Diskussionen aus. Auch über das Verhältnis zwischen Sammlern und Museen. Das hat mich interessiert. Und das war auch der Ausgangspunkt des Dialogs zwischen uns und dem damaligen Staatsgaleriedirektor Sean Rainbird.
Mit welchem Ergebnis?
Für mich war und ist völlig klar: Die öffentliche Hand muss sammeln, gerade auch in der jeweiligen Gegenwart, also zukunftsorientiert. Oder einfacher: für die jeweils nächste Generation. Hier hat Stuttgart ein Problem.
Inwiefern?
1991 war das Konzept für ein Museum der Gegenwartskunst fertig, der damalige Ministerpräsident Lothar Späth hat das mit wichtigen Privatsammlern im Südwesten und mit der Staatsgalerie gemeinsam erarbeitete Projekt bis zum Kabinettsbeschluss gebracht. Und das erste, was sein Nachfolger Erwin Teufel vor dem Hintergrund der Kosten für die deutsche Wiedervereinigung gemacht hat, war nicht etwa, das Projekt zu verschieben, sondern es zu streichen. Das war fatal.
Warum?
Stuttgart hatte die Kunst, Stuttgart hatte einen fertigen Entwirf – von Arata Isozaki –, und Stuttgart hatte damit einen Vorsprung. Den hat man verspielt. Alle Museen der Gegenwartskunst sind ja nach dem Aus in Stuttgart konzipiert und realisiert worden. Nach uns haben gebaut München, Hamburg, Köln und Düsseldorf. Die Städte haben erkannt, dass zeitgenössische Museen nötig sind. Auch jetzt sieht man das – in Basel etwa. Stuttgart steht jetzt recht ­alleine da.
Braucht es einen neuen Anlauf?
Wichtige Arbeiten und Werkblöcke, die jetzt in inzwischen gebauten Privatmuseen präsentiert werden, wären in einer öffentlichen Sammlung zu sehen. Da bin ich mir sicher. Die Künstler wollen in die großen Museen. Und das war für uns immer ein entscheidender Punkt der Sammlungsarbeit – den Künstlern den Weg in das Museum zu suchen. Aber irgendwie tut sich in Stuttgart aktuell ja i­nsgesamt nichts.
Wie meinen Sie das?
Mir fehlt einfach die Begeisterung, mir fehlt die Vision. Niemand spricht über ein neues Lindenmuseum, über die neue Philharmonie, über den Erweiterungsbau der Staatsgalerie, die „Galerie der Gegenwart“. Da denke ich, was ist los mit Dir, ­Stuttgart, was passiert da in unserer Stadt? Sehen wir denn die Chancen nicht, die das Projekt Stuttgart 21 über den Flächengewinn für die Stadtentwicklung und die Verkehrsanbindungen bietet? Mich regt das auf, diese Stille.
Machen Sie auch deshalb Freitags von 18 Uhr an und am Wochenende freien Eintritt in „Cool Place“ möglich?
Kunst muss gesehen werden. Dazu gehört der freie Eintritt. Wir müssen den Bürgerinnen und Bürgern, die kein Geld haben, die Möglichkeit bieten, eine solche Ausstellung sehen zu können, Museen besuchen zu können.
Der Ausstellungstitel „Cool Place“ suggeriert ein Stück Ereignis. Setzen Sie darauf?
Ich denke, ein Stück Unterhaltung gehört dazu. Aber nicht aufgesetzt. Die Bilder selbst sorgen dafür. Wenn Sie das Wort Ereignis durch Erlebnis ersetzen – darum geht es. Um ein wirkliches Erlebnis. Und das ist jetzt auch für mich das Spannende.
Hat Ihnen der Artikel gefallen? Jetzt teilen: