Auf einem Campingplatz bei Lügde soll es zu hundertfachem sexuellen Missbrauch von Kindern gekommen sein. Foto: Guido Kirchner/dpa

Nach dem Prozess-Auftakt im Missbrauchsfall Lügde macht sich das Gericht am Freitag ein Bild von einigen Opfern. Erste Kinder sollen als Zeugen aussagen und schildern, wie es ihnen heute geht. Um die konkreten Taten soll es ausdrücklich nicht gehen.

Detmold - Im Prozess um den hundertfachen sexuellen Missbrauch von Kindern auf einem Campingplatz bei Lügde sollen am Freitag (12.00 Uhr) Kinder als Zeugen aussagen. Nachdem am Donnerstag zum Auftakt vor dem Landgericht in Detmold alle Angeklagten Geständnisse abgelegt hatten, sollen die Opfer nach Aussage ihrer Anwälte aber nicht zu den Taten befragt werden. Es gehe mehr darum, dass das Gericht sich ein Bild machen wolle, wie es ihnen heute gehe.

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Vor Gericht stehen zwei Hauptangeklagte, ein 56-Jähriger aus Lügde und ein 34-Jähriger aus Steinheim. Ihnen wirft die Staatsanwaltschaft hundertfachen sexuellen und schweren sexuellen Missbrauch von Kindern vor. Die Deutschen sollen ihre Opfer auf dem Campingplatz an der Landesgrenze zu Niedersachsen auch wiederholt vergewaltigt haben. Ein 49-Jähriger aus dem niedersächsischen Stade soll an Webcam-Übertragungen teilgenommen haben und teilweise zu den Gewalttaten angestiftet haben.

Richtige Konsequenzen ziehen

Der unabhängige Beauftragte für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs, Johannes-Wilhelm Rörig, sagte der Deutschen Presse-Agentur: „Die Kinder und ihre Familien haben Schreckliches durchgemacht. Sie brauchen unser Mitgefühl und unseren Schutz.“ Und: „Ich hoffe sehr, dass es für die vielen betroffenen Familien vor Ort genug Unterstützungsangebote durch Fachberatungsstellen und spezialisierte Therapeuten gibt.“ Leider fehle es außerhalb der Großstädte an einer ausreichenden Versorgung. „Hier ist in den letzten Jahren zugunsten der schwarzen Null an falscher Stelle gespart worden.“

Die NRW-Landesregierung müsse jetzt die richtigen Konsequenzen ziehen, verlangte Rörig. „Der Missbrauchsfall Lügde hat gezeigt, dass das Bekanntwerden von sexuellem Missbrauch für zahlreiche Beteiligte vor allem eine ungeheure Überforderung ist. Bürgermeister, Jugendämter, Polizei, Staatsanwaltschaften und auch Ministerien sind darauf bis heute nicht gut vorbereitet.“ Der Experte kritisierte: „Missbrauch wird auch im Jahr 2019 von vielen Verantwortlichen noch immer nicht als tägliches Risiko im eigenen Zuständigkeitsbereich realisiert.“

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Alle Bundesländer seien herausgefordert, Defizite im Kinderschutz zu analysieren und eine bessere Zusammenarbeit aller Akteure zu schaffen. „Damit allen Kindern und Jugendlichen wenigstens künftig überall bester Schutz und beste Hilfe geboten werden.“ Jede Landesregierung solle einen Missbrauchsbeauftragten einsetzen, in einigen Ländern werde darüber bereits konstruktiv nachgedacht. 

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