„Im Jahr 2050 stammt jeder vierte Bewohner dieses Planeten aus Afrika“, unterstreicht Africom-Kommandeur Thomas Waldhauser die wachsende Bedeutung des Schwarzen Kontinents. Foto: Lichtgut/Leif Piechowski

Wenn es nicht gelingt, Afrika dabei zu helfen, Frieden und Wohlstand zu erlangen, werden die USA und Europa bald vor riesigen Problemen stehen, warnt US-Kommandeur Waldhauser.

General Waldhauser, wie beurteilen Sie die Lage in Libyen, wo Ihr Kommando seit vier Monaten Luftangriffe auf die Hafenstadt Sirte fliegen lässt?
Die libysche Einheitsregierung hat uns ­gebeten, den Islamischen Staat in Sirte loszuwerden. Der IS hatte seine Kämpfer angewiesen, nicht länger in den Irak und nach ­Syrien zu gehen, sondern nach Libyen. Das sollte die Rückfallposition werden, für den Tag, an dem Rakka und Mossul fallen. So versammelten sich im Sommer in Libyen rund 4000 Kämpfer, die Mehrzahl davon in Sirte. Wir haben bis heute fast 400 Luftschläge geflogen. Die Kämpfer der Einheitsregierung kämpfen am Boden für die Befreiung der Stadt. Wir wussten, dass das schwer wird. Und es dauert etwas länger, als wir uns das gewünscht haben. Der IS hält aber nicht mehr viel Gelände. Häuserkampf ist schwierig. Die verbliebenen IS-Kämpfer werden dort sterben. Sie wollen aber so viele Opfer wie möglich mitnehmen – in Tunneln oder mit Sprengfallen.
Werden Sie den IS-Kämpfern, die aus Sirte fliehen, nachsetzen?
Gemeinsam mit der Einheitsregierung kümmern wir uns darum, die Spur der Kämpfer aus Sirte weiterzuverfolgen. Denn es ist für sie von Vorteil, in Libyen zu bleiben, solange die politische Lage dort nicht geklärt ist. ­Gemeinsam mit unseren Partnern in der Region machen wir uns natürlich auch darüber Sorgen, dass die Terroristen in andere Länder ausweichen könnten.
Welche Rolle spielt dabei Ihre neue Drohnenbasis in Tunesien?
Wir müssen Aufklärung darüber betreiben, wen wir sehen und was deren Aktivitäten sind. Wenn wir außerhalb von Sirte Luftschläge fliegen wollen, brauchen wir Gewissheit. Und wir helfen beim Kampf gegen den IS nicht nur in Libyen, sondern auch in anderen Ländern der Region. Wir teilen un­sere nachrichtendienstlichen Erkenntnisse daher, soweit es geht, mit unseren Partnern.
Die Europäer machen sich große Sorgen über den Migrantenzustrom aus Afrika. Wie groß ist dieses Sicherheitsproblem tatsächlich?
Wenn Sie sich die Bevölkerungsentwicklung in Afrika anschauen, fällt sofort der sogenannte Jugendüberschuss auf. In Afrika leben heute 1,2 Milliarden Menschen. Einigen Schätzungen zufolge wird sich diese Zahl bis 2050 auf 2,4 Milliarden Menschen verdoppeln. Jeder vierte Bewohner dieses Planeten stammt dann aus Afrika. Vor einigen Wochen waren wir im Niger. Dort leben heute 19 Millionen Menschen, die Hälfte davon im Alter von unter 15 Jahren. Beim Kampf gegen den islamischen Extremismus in Afrika gehören Bildung, Arbeitsplätze, Hoffnung und Sicherheit untrennbar zusammen. Auch der Migrantenstrom gehört in diesen Zusammenhang.
Sie können sich also gar nicht vorstellen, dass sich die USA vor dem Hintergrund der Isolationismus-Debatte in ihrem Land einmal aus Afrika zurückziehen?
Ich verstehe, worauf Sie hinauswollen: Von Afrika geht keine existenzielle Gefahr für die USA aus. Die Entwicklung eines sicheren, stabilen und wohlhabenden Afrikas liegt aber in unserem nationalen Interesse, auch mit Blick auf Europa. Wir haben gerade über die Demografie gesprochen. Wenn Sie heute noch an diesem Trend zweifeln, werden sie spätestens in zehn, zwanzig Jahren davon überzeugt sein. Einige der Probleme, nehmen Sie Ebola, könnten bei einer weiter wachsenden Bevölkerung eine Dimension annehmen, die wir uns heute gar nicht vorstellen können. Dann wird es allein wegen der anderen Größenordnung ungleich schwieriger, derartige Probleme in den Griff zu bekommen.
Haben Sie da noch den richtigen Arbeitsschwerpunkt? Africom wurde ja einmal gegründet, um Afrikanern zu helfen, sich selbst zu helfen. Sie scheinen aber heute vor allem mit dem Antiterrorkampf beschäftigt.
Nicht Africom verändert sich, sondern die Welt hat sich verändert, und Africom musste sich anpassen. Vor zehn Jahren war das Thema vor allem die Ausbildung afrikanischer Kräfte, was heute immer noch einen großen Teil unserer Arbeit ausmacht. Damals existierten Al-Schabaab, Al-Kaida und der IS in Afrika noch nicht. Heute gedeihen diese Gruppen an Orten, wo Regierungen arm und schwach sind. Africom musste sich dem weltweiten Kampf gegen den islamischen Extremismus anschließen.
Wie tief geht die Kooperation zwischen der Bundeswehr und Africom, etwa in Mali?
Die kurze Antwort lautet ganz offen: Da gibt es nicht viel Kooperation. Und das, obwohl die EU viele Interessen in Afrika hat. Das ist sehr interessant. Denn es gibt andere europäische Partner, die in Afrika sehr präsent sind, mit denen wir gut zusammenarbeiten. Aber mit den deutschen Streitkräften gibt es bisher nicht viel Interaktion.
Ist das nicht seltsam? Deutschland hat doch in Afrika sehr ähnliche Interessen?
Darauf habe ich im Moment keine Antwort.
Wie lange bleibt Africom noch in Stuttgart? Der künftige US-Präsident Donald Trump hat doch das Motto ausgegeben: Amerikanische Steuergelder für Amerika.

Es gibt derzeit keine Pläne, Africom aus Stuttgart abzuziehen. Niemand hat mir mitgeteilt, dass sich daran etwas ändert. Dieses Thema wurde seit der Gründung von Africom vor bald zehn Jahren mehrmals geprüft.

Was spricht für Stuttgart?
Der afrikanische Kontinent ist eine riesige Landmasse: Die USA passen dreieinhalbmal hinein. Stuttgart ist ein hervorragender Standort. Zwar muss man mit dem Flugzeug stets noch einmal umsteigen, um in Afrika an sein Ziel zu gelangen. Aber Stuttgart ist mit Blick auf Zeitzonen und bequeme Reisemöglichkeiten praktisch.
Freuen Sie sich auf Ihre neuen chinesischen Nachbarn, die 2017 ihren allerersten Auslandsstützpunkt eröffnen – in Dschibuti?
Viele Länder haben ein Interesse daran, in Afrika Präsenz zu zeigen. Die Chinesen brauchten eine Logistikdrehscheibe für ihre Friedensmissionen und Anti-Piraten-Operationen. Wir werden die Chancen zur Kooperation ausloten. Man sollte das nicht durch die Brille der Gegnerschaft betrachten. Aber natürlich müssen wir wachsam sein, was China in der Region unternimmt.
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