Simone Biles hebt ab. Foto: AFP/Lionel Bonaventure

Der US-Superstar Simone Biles präsentiert bei der WM in Stuttgart den Triple-Double. Wie funktioniert das wohl spektakulärste Element der Turngeschichte eigentlich genau?

Stuttgart - In einer Sekunde lässt sich vieles erreichen. So schafft es der US-amerikanische Rapper Twista in einer Sekunde 14 Silben in seinen Texten unterzubringen. Der Antrieb des ozeanischen Tintenfisches ist erstaunlich – er bringt es auf ein Tempo von 11,2 Metern pro Sekunde. Ein Specht schafft es, seinen Schnabel in einer Sekunde 20 Mal in einen Baum zu hauen. Die Heavy-Metal-Band Napalm Death ficht das nicht an. Sie haben es mit dem kürzesten Musikstück der Welt ins Guinnessbuch der Rekorde geschafft – „You Suffer“ hat eine Spieldauer von 1,316 Sekunden. Oft also braucht es nicht lange, um die Welt zu rocken. Manchmal nur eine knappe Sekunde.

Wer wüsste das besser als Simone Biles.

Die Jahrhundertturnerin, die für die Ewigkeit 1,18 Sekunden braucht.

Simone Biles (22) hebt ab in andere Sphären. Das Biles-and-more-Programm geizt nicht mit atemberaubenden Höhenflügen. Air Biles, das ist die rasanteste Kurzstreckenlinie dieser Welt. Eine, die Sportgeschichte schreibt. Ihren hochspektakulären Triple-Double, den Doppelsalto gehockt mit integrierter Dreifachschraube, turnt die vierfache Olympiasiegerin und Rekord-Weltmeisterin aus Ohio offiziell am Boden.

Und hebt damit ab in eine andere Welt.

Erfahren Sie hier mehr über den Turn-Superstar Simone Biles.

Auch in der Qualifikation, ihrem ersten großen WM-Auftritt in der Stuttgarter Schleyerhalle, hob der US-Superstar am vergangenen Wochenende unter den Begeisterungsstürmen und Freudenschreien des Publikums ab. Nun, im Teamfinale der Frauen an diesem Dienstag (14.30 Uhr/SWR und ARD), ist es wieder so weit. Das Kraftpaket wird lossprinten auf der Matte, eine Radwende und einen Flickflack machen, um in Fahrt zu kommen und den richtigen Absprungwinkel zu erwischen. Und dann, ja dann, sollte man die Augen besser nicht schließen.

Dann beginnt die Biles-Sekunde.

Physiker hatten nach ihrem bei den US-Meisterschaften in Kansas City im August 2019 erstmals öffentlich präsentierten Triple-Double 1,18 Sekunden in der Luft berechnet.

Der Laie begreift den Wahnsinn nicht

Was da nun genau passiert? Viele Experten, aktive und ehemalige Turner, haben sich in Erklärungen versucht. Hunderte wurden befragt, und bei den meisten ging der Schuss nach hinten los. Man verstand den Wahnsinn als Laie noch weniger als vorher. Weil er kaum zu greifen ist. Weil er rational wohl nicht zu erklären ist. Und je mehr man versucht zu erklären, desto mehr verliert man sich offenbar im nicht verständlichen Fach-Chinesisch.

Fabian Hambüchen, der deutsche Turnheld, sagt: „Ich habe diese Übung selbst mal probiert – und nie geschafft.“ Hambüchen sagte kürzlich auch der „Welt“, als er den Sprung im Detail schildern sollte: „Man benötigt eine gewisse Überrotation in der Breitenachsendrehung, denn je mehr Längenachsendrehung, also Schrauben, man in die Saltobewegung packt, desto mehr Breitenachsendrehung – Saltodrehung – benötigt man.“

Alles klar?

Einfach und verständlich ist es da noch eher, dass Biles für ihre Jahrhundertübung eine hohe Anlaufgeschwindigkeit und eine enorme Sprung- und Explosivkraft benötigt. Dann braucht es den idealen Absprung, ehe die Show beginnt.

Nun macht Simone Biles zwei Drehungen rückwärts in der Luft. Während dieser Drehungen um ihre eigene Breitenachse macht sie noch drei um ihre Längsachse. Der Wahnsinn im Zwei-Drei-Eins-System: Zwei Drehungen, darin integriert drei weitere – in einer Sekunde.

Die wohl beste Turnerin der Geschichte

Warum Biles das schafft? Auch Sophie Scheder, deutsche Spitzenturnerin aus Chemnitz, ist ratlos. Sie sagt: „Ich weiß es nicht, es ist unfassbar.“ Dabei gibt es ja plausible Faktoren im Sprung-Kosmos der Ausnahmeathletin. Die körperlichen Anlagen sind ideal, Biles ist 1,42 Meter groß und 47 Kilogramm schwer. Sie ist ein Kraftpaket, manche sagen über sie, sie sei ein einziger Muskel. Andere nennen sie, ohne jede Abwertung, Flummi. Weil sie extrem schnellkräftig ist und einen famosen Absprung hat. Kurze, schnelle Hebel, dazu kommen Fleiß, Talent und Hingabe – fertig ist die wohl beste Turnerin der Geschichte. Und ihre unfassbare Übung.

Das Technische Komitee der Frauen des Weltverbands FIG verlieh dem Triple-Double den bislang noch nie vergebenen Schwierigkeitsgrad J. Der Triple-Double steht nun, da Biles ihn erstmals bei einer internationalen Großveranstaltung gezeigt hat, im „Code de Pointage“ des Weltverbands. Das Element trägt nun also offiziell den Namen „Biles“. Und das, so sagte es der US-Superstar selbst, sei noch wichtiger als jede Medaille.

Ihr Element, das war das Ziel der Simone Biles, sollte für die Ewigkeit bleiben. Sie hat es längst geschafft.

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