Am Sonntag muss der VfB um 13.30 Uhr zum Derby beim KSC ran. Wir haben vorab mit Trainer Winfried Schäfer gesprochen. Foto: FR168006 AP

Winfried Schäfer spricht vor dem Derby am Sonntag in der zweiten Fußball-Bundesliga über seine Erfolgsära beim KSC, die enttäuschende Zeit beim VfB, über Badener und Württemberger und seine Erfahrungen als Nationalcoach in aller Welt.

Stuttgart – - Vor dem Derby am Sonntag (13.30 Uhr) ist Winfried Schäfer der einzige Trainer, der den KSC und den VfB in der Ersten Bundesliga trainiert hat. Seit 2013 ist der 66-Jährige der Nationalcoach von Jamaika, stand mit den Reggae-Boyz 2015 im Halbfinale des Gold Cup. Zuletzt aber gab es aber Zoff, weil Schäfer die Qualifikation für die WM 2018 in Russland verpasste.
Hallo Herr Schäfer, von Mittag an, sagten Sie einmal, höre man in Ihrer Wohnung in Kingston von oben, unten und von der Seite nur Reggae von Bob Marley. Wie sehr fehlt einem da das Badener-Lied?
In punkto Musikalität und Stimmung wurde ich den letzten zwanzig Jahren außerhalb Deutschlands so sehr verwöhnt, da ist das Badener-Lied eine eher fade Erinnerung. Es fehlt also nicht besonders.
Am Sonntag steht in der zweiten Liga das 56. Derby zwischen dem KSC und dem VfB an. Können Sie das Spiel in Jamaika verfolgen – für wen schlägt Ihr Herz?
Meine Zeit beim KSC war sicherlich etwas Besonderes, so viele Erfolge zu feiern, bei einem Verein, der zuvor alles andere als erfolgsverwöhnt war. Ich verfolge den deutschen Fußball noch immer sehr genau, aber eine emotionale Bindung besteht so nicht mehr. Der KSC hat sich nach meiner Zeit grundsätzlich verändert und wenig dafür getan, Begeisterung zu erhalten oder neu zu entfachen. Mein Verhältnis zum VfB ist noch einmal ganz anderer Natur.
Sie sind der einzige Trainer, der beide Clubs in der Fußball-Bundesliga betreut hat. Ist dies etwas, auf das Sie mit Stolz zurück blicken, etwas Spezielles in Ihrer Vita?
Es ist tatsächlich etwas Außergewöhnliches. Es war die schlechteste professionelle Entscheidung meiner Karriere, zum VfB zu wechseln. Sicher auch, weil ich die Rivalität unterschätzt hatte.
Sie sind in Mayen in der Vulkaneifel geboren, die Familie lebt aber seit über 25 Jahren in Ettlingen. Was macht den Badener Ihrer Meinung nach aus. Was verbindet Ihn mit dem Württemberger, wo gibt es Trennendes? Der verstorbene VfB-Ehrenpräsident ­Gerhard Mayer-Vorfelder sagte einmal: „Der Schwabe ist schon gerne grundsätzlich und streng – der Badener ist da etwas ­lockerer“.
Auf den ersten Blick sind die Menschen in Baden gelassen – und man genießt das Leben, ganz klar ein großes Plus. Durch den eher ambitionierten Schwaben ist man allerdings hin und wieder etwas eingeschüchtert, das kann ärgerlich sein – und spiegelt sich auch in der andauernden Konkurrenz zwischen VfB und KSC wider.
Beide Clubs vereint die Tradition, wo aber liegen die Unterschiede in Sachen Selbstverständnis und Erfolg?
Die Triumphe des KSC liegen sehr viel weiter zurück als die des VfB, da liegt der offensichtlichste Unterschied. Der KSC bestach zu meiner Zeit durch ein sehr intimes, familiäres Umfeld. Wir konnten auf eine Art und Weise arbeiten, die bei einem Verein wie dem VfB nicht möglich war. Darin lag unsere Stärke. Es ergaben sich aber auch Probleme durch diese etwas provinzielle Geisteshaltung.
Welche?
Als wir uns in der ersten Liga etablierten, internationale Erfolge feiern konnten, drängte ich darauf, die Strukturen zu professionalisieren und sich etwas selbstbewusster aufzustellen. Dies wurde mit viel Skepsis und vielleicht sogar ein bisschen Angst vor der eigenen Courage aufgenommen. Der VfB hatte und hat noch immer dieses enorme Potential einer der führenden Clubs Deutschlands und Europas zu werden – weil man im weiteren Umfeld enorm erfolgreiche, kreative Menschen hat, die sich sicher sehr gerne in den Verein einbringen würden, wenn man denn den richtigen Weg finden würde.
Inzwischen ist der VfB dem KSC in die zweite Liga gefolgt. 2007 war man noch Deutscher Meister. Wo sehen Sie die Gründe für den Niedergang der Stuttgarter?
Ich habe den Eindruck, dass sich seit meiner Zeit nicht allzu viel verändert hat. Es scheint keine in sich geschlossene Führung zu geben, die eine Vision teilt und diese mit der nötigen Ruhe und Professionalität verfolgt.
Gerhard Mayer-Vorfelder hat Sie ja einst zum VfB geholt. Eine gute Idee?
Die Idee war hervorragend. MV überzeugte mich damals mit seinem Wunsch, den VfB völlig neu aufzustellen. Seine Vision teilte ich, von der Jugendarbeit bis hinauf zu den Profis neue, zukunftsorientierte Strukturen zu schaffen, den damals alten Kader über die kommenden Jahre durch Talente aus den eigenen Reihen zu verbessern. Das war vernünftig und notwendig.
Beim VfB arbeiteten Sie in der Saison 1998/99 lediglich bis Ende November. Was waren die Gründe, dass der nahtlose Übergang vom KSC nicht geklappt hat?
Das Drama begann, als ich meine Visionen umsetzen wollte. MV erwies sich als nicht ganz so stark und unabhängig wie gedacht. Die Machtkämpfe hinter den Kulissen, an denen vom Ersatzspieler, einer Handvoll Spielerberater bis zu Sponsoren und Vorstand eigentlich der ganze Verein beteiligt war, machten die Arbeit, vor allem einen sinnvollen Umbruch, unmöglich. Wie gesagt, im Nachhinein meine schlechteste Entscheidung.
In Ihren 13 Jahren beim KSC reiften dagegen Profis wie Oliver Kahn, Mehmet Scholl oder Jens Nowotny zu Bundesliga- und später zu Nationalspielern. Es gab die Zeit der „Eurofighter“ vom Wildpark. War dies Ihre schönste Phase als Trainer?
So denkt man als Profi nicht. Ich hatte auch großartige Erfolge in Thailand, den Vereinigten Arabaischen Emiraten, mit Kamerun und Jamaika. Den Afrika-Cup zu gewinnen, das war ebenso großartig wie nun mit Jamaika die Fußballwelt im Gold Cup zu begeistern. Ohne Zweifel war die KSC-Zeit etwas Besonderes, gerade auch im Rückblick. 13 Jahren Bundesliga mit internationaler Anerkennung unter mir steht nun eine sehr lange, erfolglose Zeit des KSC in Liga zwei und drei gegenüber. Das macht mich immer etwas traurig, weil der KSC natürlich nach wie vor sehr viel Potential hat.
Die Stuttgarter setzen mit dem 35-jährigen Hannes Wolf aktuell auf einen Frischling, der seine erste Zweitliga-Station erlebt. Was halten Sie vom Trend, auf jüngere Trainer zu setzen – oder gibt es nicht jung oder alt, sondern nur gut oder schlecht?
Als ich damals zum KSC kam, war ich ebenfalls ein junger Trainer, der keine nennenswerte Erfahrung hatte. Der Idee, einem jungen, ehrgeizigen Menschen eine Chance zu geben, stehe ich natürlich sehr positiv gegenüber. Allerdings muss man den Mangel an Erfahrung durch ein starkes, vertrauensvolles und loyales Umfeld ausgleichen.
Sie persönlich stehen inzwischen für Reife und internationale Erfahrung.
Was mich immer wieder verwundert, ist diese Mär, als erfahrener, älterer Trainer sei man nicht mehr offen für neue Erkenntnisse, für Innovation und Wandel. Das stimmt natürlich nicht. Es ist interessant, dass beispielsweise in den USA im Football anders gedacht wird, dort findet man immer wieder ältere Trainer in Schlüsselpositionen, ergänzt um ein junges Team. Das scheint ideal zu sein – und entspricht ganz meiner Arbeitsweise.
Sie zuletzt viel auf dem Fußball-Globus herum gekommen. Würde Sie eine Trainertätigkeit in Deutschland reizen? Oder ist es zu schwer, wieder in der Bundesliga Fuß zu fassen, wenn man einmal raus war?
Ich kann es mir vorstellen. Sie haben Recht, es gibt diese Idee, man habe Schwierigkeiten, sich wieder in die Bundesliga einfinden zu können, wenn man eine Weile in anderen Ländern gearbeitet hat. Das ist Unsinn. Vielmehr bereichern die internationalen Erfahrungen jeden Trainer. In den meisten der Länder, in denen ich gearbeitet habe, musste ich wesentlich flexibler und kreativer arbeiten als es in Deutschland nötig wäre. Man muss sich auf Gegebenheiten einstellen, die man sich in Deutschland nur sehr schwer vorstellen kann.
Mit Jamaika haben Sie nach großen Erfolgen Probleme. Zuletzt war bei einem Vertrag bis 2018 von einer Suspendierung auf unbestimmte Zeit zu lesen.
Ich befinde mich in Verhandlung mit dem Verband. Die Umstände sind chaotisch – und um ehrlich zu sein, nur sehr schwer zu beschreiben. Gehen Sie davon aus, dass ich bald in einem anderen Land tätig sein werde.
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