Der Musicalstar Jonas Hein erklärt den Musikschülern, was für einen reibungslosen Ablauf der Show alles zu beachten ist. Foto: Claudia Leihenseder

Für 27 Musikschüler gehen beim „Glöckner von Notre Dame“ im Stage Apollo Theater in Stuttgart-Möhringen im Normalfall verbotene Türen auf. Zusammen mit dem Musicalstar Jonas Hein haben sie einen Blick hinter die Kulissen geworfen.

Filder - Bim, bam, bim, bam: Die großen, braunen Glocken läuten, als ob sie nicht über der Musical-Bühne im Stage Apollo Theater in Möhringen, sondern im fernen Paris hängen würden. Das macht die ausgefeilte Technik, wie Jonas Hein erklärt. Der 30-Jährige ist Hauptdarsteller im Musical „Der Glöckner von Notre Dame“ und hat sich an diesem Freitag fast eine Stunde Zeit genommen, um die aus Leinfelden-Echterdingen angereisten Musikschüler hinter die Kulissen – und auf die Bühne zu führen.

Und da stehen die Jugendlichen: Mitten auf der Bühne, dort, wo sonst gesungen und getanzt wird, dort, wo Schwertkämpfe stattfinden, die Schauspieler herumrennen – und Jonas Hein sich als Quasimodo an die Seile hängt, um die Glocken zu läuten. Gebannt hören sie zu, als etwa Jonas Hein sich den Klöppel einer tief hängenden Glocke nimmt und ihn an den mit Glasfasermatten und Acrylharz beschichteten Glockenkörper hält. „Dong“, schallt es durch das ansonsten leere Stage Apollo Theater wie aus Zauberhand. „Da sind Sensoren eingebaut, die das Signal für den Glockenton auslösen“, erklärt der Darsteller.

Die Kacheln auf dem Boden helfen beim Finden der richtigen Position

Viel einfacher und profaner funktionieren da andere Dinge auf, unter und hinter der Bühne. Jonas Hein macht eine große Klappe im Bühnenboden auf: Eine steile Treppe führt in die Tiefe. „Da kommt Esmeralda heraus“, erzählt er. Dass sie dann außer Puste wirkt, sei auch tatsächlich so. Denn die Darstellerin muss davor von der Bühne verschwinden und innerhalb von 30 Sekunden von unten wieder auftauchen. Das geht nur im Rennen. Eine andere Klappe im Bühnenboden weiter hinten ist viel flacher und gleich eher einem Geheimversteck. Dort offenbaren sich zwei Dolche, die an der Stelle im Boden für eine bestimmte Szene bereitliegen.

Die schwarzen und weißen Kacheln auf dem Boden, die nicht nur den Kirchenboden von Notre Dame nachempfinden sollen, helfen auch den Schauspielern, die richtige Position auf der Bühne zu finden. „Das hier ist die Kachel vier vier“, sagt Jonas und zeigt auf die Zahlen am Rande der Bühne. Dann geht er weiter und steht auf „acht 16“. Die richtigen Positionen sind enorm wichtig für das Stück, denn: „Es gibt vier Quasimodos und drei Esmeraldas.“ Wenn also einer der Darsteller krank ist oder Urlaub machen möchte, so springt ein Kollege ein. Trotzdem muss das Bühnenstück sitzen, muss alles präzise ablaufen, damit die anderen Schauspieler nicht aus dem Takt kommen – und die Darsteller auch zur richtigen Zeit und am richtigen Ort sind, um im Spotlight zu stehen. „Das ist ein sehr komplexes System“, sagt Hein.

Haben Stars noch Lampenfieber

Die angereisten Schüler sind erstaunt. Da meldet sich eine Jugendliche zu Wort: Sie singe auch im Schulchor und kenne das Lampenfieber vor Auftritten. „Wie ist das als hauptberuflicher Darsteller? Hat man da auch jedes Mal Lampenfieber?“ Jonas Hein lächelt, überlegt kurz, und beginnt zu erzählen: Wenn mal seine Eltern im Zuschauerraum sitzen oder Freunde vorbeigekommen sind, dann sei er schon aufgeregt. „Aber wenn ich niemanden kenne, dann spiele und singe ich automatisch und ohne Lampenfieber“, sagt er. Schließlich sei das inzwischen seine 300. oder gar 400. Show: „Irgendwann kannst du das im Schlaf.“ Zwei vermeintliche Brandflecken auf dem Boden interessieren noch eine mitgereiste Mutter: „Was ist denn da passiert?“ Jonas Hein kann das leicht erklären: Das sind keine Brandflecken, dort stehen während des Stücks bewegliche Treppen. Und deren Stützen hinterlassen braune Flecken auf den Kacheln am Boden.

Die Zeit ist um: Schlag 17.30 Uhr muss die Gruppe die Bühne verlassen. Denn alles im Musical Theater ist streng getaktet. Vor 17 Uhr war noch eine Probe für neue Darsteller, ein „Walk Through“ in Jeans und T-Shirt. Nun wird die Bühne für die Vorstellung am Abend vorbereitet, damit auch wirklich alles an der richtigen Stelle steht oder liegt.

Beim Musical gibt es eine Blackbox

So findet sich die Gruppe mit den zwölf- bis 18-jährigen Musikschülern, die sonst Gesangsunterricht nehmen oder im Jugendorchester spielen, hinter den Kulissen wieder. Sie dürfen Schwerter anfassen, als Andenken Selfies mit dem Schauspieler machen und landen schließlich in der sogenannten Blackbox: Einem quadratischen, mit dünnen Wänden abgetrennten Raum im Nebenbereich der Bühne. Dort hängen säuberlich nebeneinander die Kostüme der Schauspieler. Griffbereit stehen Stiefel neben Stühlen, so dass die Schauspieler nur noch hineinschlüpfen müssen.

Wenn das Musical läuft, ist es sehr dunkel dort, dann helfen Ankleiderinnen mit Stirnlichtern den Darstellern in die Kostüme, reichen Requisiten für den sogenannten „Quick Change“. „Hier wird gerannt und auch mal geflucht, manchmal geht es drunter und drüber, doch die Zuschauer bekommen nichts davon mit“, erzählt Jonas Hein und plaudert aus dem Nähkästchen. „Für den Zuschauer im Saal sieht das Geschehen auf der Bühne sehr einfach aus, es ist aber harte Arbeit“, sagt er noch, bevor er sich verabschiedet. Auch Jonas Hein muss sich nun vorbereiten. Denn um 19.30 Uhr wird er wieder zu Quasimodo – und die Schüler aus Leinfelden-Echterdingen sitzen dann in den roten Theaterstühlen dürfen ihn live in Aktion sehen.

Wolfram Rieder, der stellvertretende Leiter der Musikschule in L.-E., ist mit dem Ausflug zufrieden: „Man sieht, dass die Schüler total interessiert sind“, sagt der Gesangslehrer für Pop, Rock und Jazz. Er selbst hat Schüler, die inzwischen Musicaldarsteller sind. Mit dem Besuch in Möhringen kann er nun dem musikalischen Nachwuchs vermitteln, was alles dazu gehört.

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