Die Gottesdienste sind keineswegs immer gut besucht. Foto: dpa

Die beiden großen christlichen Kirchen büßen Mitglieder ein. Doch der Trend schwächt sich ab, und sehr viele treten sogar wieder in die Glaubensgemeinschaften ein.

Stuttgart - Der Mitgliederschwund der beiden großen christlichen Kirchen in Deutschland durch Austritte hat sich verlangsamt. Laut der am Freitag veröffentlichten Statistik der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) und der Deutschen Bischofskonferenz verließen im vergangenen Jahr rund 190 000 Menschen die evangelische und etwa 162 000 Menschen die katholische Kirche. Im Jahr davor waren die Zahlen deutlich höher. Die Entwicklung zeigt sich auch im Südwesten. Hatten der evangelischen Kirche Württembergs 2015 noch 18 410 Mitglieder den Rücken gekehrt, waren es im vergangenen Jahr lediglich noch 16 700. Die katholische Diözese Rottenburg-Stuttgart wiederum verzeichnet jetzt 13 580 Austritte und damit rund 1300 weniger als 2015.

„Der Verlust bleibt aber stattlich“, sagt der Sprecher der Diözese, Uwe Renz, dazu. „Wir dürfen uns nicht an diese Zahlen gewöhnen.“ Er freue sich über alle, die der Glaubensgemeinschaft die Treue halten, betonte auch der evangelische Landesbischof Frank Otfried July. „Dass die Austritte weiter zurückgegangen sind, stimmt mich froh. Trotzdem ist jeder Austritt ein Austritt zu viel“, meinte der Geistliche. Bundesweit hat die evangelische Kirche erstmals seit drei Jahren wieder mehr Menschen durch Taufen (180 000) und Aufnahmen (25 000) gewonnen als durch Austritte verloren, betonte die EKD. Bei der katholischen Kirche ergab sich ein ähnliches Bild: Die Zahl der Taufen (171 000), Eintritte (2600) und Wiederaufnahmen (6500) übertraf im vergangenen Jahr die der Austritte deutlich.

Die Alterung der Gesellschaft wirkt sich aus

Unter dem Strich büßten die Kirchen dennoch an Mitgliedern ein, weil die Alterung der Gesellschaft ihnen zu schaffen macht. Es sterben wesentlich mehr Menschen, als zum Beispiel durch Taufen in die Glaubensgemeinschaft aufgenommen werden. In der Folge sinkt der Anteil der Christen an der Gesamtbevölkerung. Die EKD registrierte für ihre 20 sogenannten Gliedkirchen bundesweit einen Rückgang von 22,7 auf rund 22 Millionen Gläubige. Die Bischofskonferenz wiederum meldete einen Rückgang von 23,76 auf 23,6 Millionen im Vergleich zu 2015. Damit gehören noch 28,5 Prozent der Gesamtbevölkerung zur römisch-katholischen Kirche und 26,5 Prozent zur Evangelischen Kirche in Deutschland.

Die katholische Kirche profitiert dabei stärker von der Zuwanderung aus den jüngeren EU-Ländern, etwa Polen, Kroatien, Ungarn oder Rumänien. So können sich einige Bistümer sogar über einen Zuwachs freuen. Zum Beispiel meldeten Berlin, Hamburg und Görlitz ein Plus. Andererseits ist der protestantische Glauben attraktiver für Leute, die in die Kirche eintreten wollen. In Württemberg kamen so 1900 Personen zur evangelischen Landeskirche, in Baden waren es immerhin noch 1180. Hingegen verbuchte das Erzbistum Freiburg nur 540 Eintritte und Wiederaufnahmen, Rottenburg-Stuttgart kam auf 580.

Die Reformer verlangen eine mutige Erneuerung

Jeder Austritt zeige, „dass die Weitergabe des kirchlichen Glaubens nicht vollständig gelungen ist“, erklärte der Sekretär der Bischofskonferenz, Hans Langendörfer. „Wir müssen den Menschen, die weggehen, aktiv nachgehen, um ihre Beweggründe zu verstehen und unser Handeln danach kritisch zu überprüfen, um es da – wo notwendig – auch neu auszurichten“, betonte der Theologe. Die katholische Reformbewegung Wir sind Kirche bezeichnete die Verluste als „immer noch erschreckend hoch“. Eine Trendumkehr sei nur möglich, wenn die Zusammenlegung von Pfarreien zu immer größeren Einheiten endlich gestoppt werde. Außerdem sollten die deutschen Bischöfe mutig Erneuerungen anstoßen, die Eucharistiefeiern in den Gemeinden auch dann ermöglichten, wenn kein zölibatär lebender Priester vor Ort sei.

In gewissem Gegensatz zu dem Verlust an Mitgliedern steht die Entwicklung bei den Einnahmen. Die beiden großen Kirchen haben 2016 Rekordergebnisse bei den Kirchensteuern verzeichnet. Die Katholiken verbuchten 6,1 Milliarden Euro, die Protestanten kamen auf 5,5 Milliarden. Dies liegt daran, dass die Wirtschaft floriert und die Beschäftigtenzahlen hoch sind. Allerdings erwarten die kirchlichen Haushalter, dass der Trend nicht anhält. Spätestens, wenn die geburtenstarken Jahrgänge in Rente gehen und deren Steuerzahlungen sinken, wird es zu Einbrüchen kommen.

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