Naegele-Ausstellung in Murrhardt Darum hat der New Yorker Künstler ein Faible für Schwaben

Von Martin Tschepe 

„Den Seiltänzer“ hat Thomas Naegele für seinen Vater gemalt, das Werk erzählt vom Leben Reinhold Nägeles. Foto: Jan Potente
„Den Seiltänzer“ hat Thomas Naegele für seinen Vater gemalt, das Werk erzählt vom Leben Reinhold Nägeles. Foto: Jan Potente

Die Galerie der Stadt Murrhardt zeigt Werke von Thomas Ferdinand Naegele. Der Künstler mit Murrhardter Wurzeln lebt seit Anfang der 1940er-Jahre in den USA. Eine Stippvisite der Ausstellung mit dem Freundeskreis des Künstlers.

Murrhardt - Murrhardt und New York – das sind die zwei wohl wichtigsten Pole im Leben des Künstlers Thomas Ferdinand Naegele. Die Besucher der Naegele-Ausstellung, die noch bis Anfang März in der Städtischen Galerie Murrhardt zu sehen ist, erkennen dies sogar bei einen Schnelldurchgang. Hier Ansichten der Stadt im schwäbischen Wald, gleich nebenan das Rockefeller Center im New Yorker Stadtteil Manhattan mit einem imposanten Christbaum davor. Dort das Häusle in Murrhardt, in dem sein Vater Reinhold Nägele gelebt und gemalt hat, dort Wolkenkratzer der US-Metropole.

Die Gruppe, die an diesem Tag zu Gast ist, nimmt sich besonders viel Zeit. Die Damen und Herren gehören zum Freundeskreis des 94-jährigen Malers mit Murrhardter Wurzeln, der seit Anfang der 1940er-Jahre in New York lebt. Damals entkamen er und sein Vater, ein bekannter Maler, seine jüdische Mutter und die Geschwister noch in aller letzter Minute aus Nazi-Deutschland.

Fast alle Bilder wurden bei Frölich in Stuttgart gerahmt

Hans-Peter Frölich (79), der Seniorchef der Frölich Buch und Rahmen GmbH aus Stuttgart, kennt Thomas Naegele seit 1960 und erzählt, dass der Freund und Künstler gerne in die alte Heimat gekommen wäre, zur Stippvisite seiner Ausstellung. Naegele sei aber von der Tochter überredet worden, er solle nicht noch einmal über den großen Teich fliegen. Ungezählte Male sei Naegele zu Gast in Murrhardt gewesen, letztmals 2014, anlässlich seines 90. Geburtstags. Immer wieder haben sich Frölich und Naegele getroffen, in Murrhardt und in New York, in Stuttgart und im Schwarzwald, wo Frölich lebt.

Letzterer strahlt beim Gang durch die Ausstellung und sagt: „Alle Bilder hier, außer einem, wurden bei uns gerahmt.“ Viele der jetzt gezeigten Werke gehören den Mitgliedern des Freundeskreises Thomas Naegele. Eva Scheulen, eine Nichte des Künstlers, hat das Bild „Der Seiltänzer“ zur Verfügung gestellt, das Thomas Naegele für seinen Vater gezeichnet hat. Es erzählt die Lebensgeschichte Reinhold Nägeles, der 1884 im Traditionsgasthaus Engel am Murrhardter Marktplatz das Licht der Welt erblickt hat. Auf dem Bild balanciert er als Seiltänzer vom Gasthof Engel über den Marktplatz. Er schwebt, getragen von seiner Frau, über ein großes Hakenkreuz und kommt schließlich als alter Mann am eigenen Grab in Murrhardt an.

Von New York bis nach Murrhardt ist es ein weiter Weg – die 94-jährige Charlotte Isler hat ihn auf sich genommen. In Vertretung von Thomas Naegele, wie sie sagt. Sie sei, genau wie der Künstler, gerade noch rechtzeitig aus Nazi-Deutschland geflohen. Der kleine Thomas und sie hätten anno dazumal in Stuttgart den selben Kinderarzt gehabt. Persönlich kennengelernt haben sich die beiden aber erst vor ein paar Jahren in New York. Naegele, erzählt Charlotte Isler, sei nach wie vor aktiv. Und er pflege den schwäbischen Dialekt. Hans-Peter Frölich erzählt, dass sein Freund Thomas regelmäßig schreibe, Briefe versteht sich, keine E-Mails. Und diese „ganz tollen Briefe“ seien immer kleine Kunstwerke.

Die letzte Jahreskarte für die Nägele-Realschule Weinstadt

In der Murrhardter Ausstellung sind auch viele Jahreskarten zu sehen, die Thomas Naegele seit Mitte der 1980er für die Reinhold-Nägele-Realschule in Weinstadt angefertigt hat. Rudolf Berkenhoff war Rektor dieser Schule und erzählt, dass er als junger Schulleiter einen Namen für die Schule gesucht und gefunden habe, ein „Künstler und Zeitzeuge“ sollte es sein. Der Sohn Thomas Naegele habe sich überzeugen lassen – und halte seither die Treue. 2018 erscheine – leider, leider – die letzte Jahreskarte aus der Feder Naegeles, eine Zeichnung, die Weinstadt-Schnait aus der Vogelperspektive zeigt.

Mit seinen Bilder demonstriert Naegele, dass er zeitlebens ein politischer Kopf war – und es noch immer ist. Er verballhornt das Bahnprojekt Stuttgart 21, kritisiert US-Präsident Donald Trump, erinnert an die Schrecken des Ersten Weltkriegs und kommt immer wieder zurück nach Murrhardt. Die Zeichnung „Murrhardter Zeitgeschichten“ zum Beispiel erzählt unter anderem von der dunklen Nazizeit in der Stadt und von der Befreiung durch die Amerikaner 1945. Der Thomas, sagt sein Freund Hans-Peter Frölich, interessiere sich auch sehr für die Stuttgarter Stadtpolitik, frage etwa mit Blick auf den Stuttgarter OB Fritz Kuhn, ob „das“ wirklich habe sein müssen, „das mit dem Fritzle“.

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