Über Wasserstrahlen belüftet das THW den bereits gekippten See. Foto: 7aktuell.de/Andreas Werner

Der Max-Eyth-See ist eines der beliebtesten Naherholungsgebiete in der Landeshauptstadt. Nach dem neuerlichen massenhaften Fischsterben ist er auch ein Stuttgarter Politikum.

Stuttgart - Die Bilder der vielen toten Fische haben Gudrun Bürkle aufgebracht. „Es tut mir weh, wenn ich das sehe“, sagt die ältere Dame am Telefon. Sie will einfach nur ihre Meinung sagen. Die Meinung einer Frau, die sich mit Fischen auskennt. „Ich habe Aquaristik von der Pike auf gelernt“, erzählt sie. In Fellbach hat sie lange ein Zoofachgeschäft geführt. Außerdem ist sie Autorin eines Buches über künstlich angelegte Gewässer: „Das funktionelle Naturbiotop Gartenteich“, Stuttgart 1989.

Gudrun Bürkle hat über Teiche aber nicht nur geschrieben, sondern auch etwa 100 Kleingewässer saniert oder angelegt. Im aktuellen Fall geht es um ein größeres Gewässer, den 1935 im Zuge der Kanalisierung des Neckars zwischen Mühlhausen und Hofen angelegten, heute etwa 17 Hektar großen Max-Eyth-See. Für Gudrun Bürkle macht das im Prinzip keinen Unterschied. Im Stil eines Rezepts listet sie auf, was ihrer Ansicht nach jetzt geschehen muss: „Den See von Grund auf sanieren. Den Schlamm raus, Kies und Zeolith, ein Vulkangestein, rein. Dazu kalkhaltige Steine von der Schwäbischen Alb. Dann alles fachmännisch anlegen mit Sumpfpflanzen, Rohrkolben, Minze und Unterwasserpflanzen. Ganz wichtig: die laufende Pflege.“ In regelmäßigen Abständen müsse wie bei einem Aquarium ein Teil des Wassers ausgetauscht werden. Erst wenn sich ein üppiger Pflanzenwuchs entwickelt habe, könne man wieder über Fische im Max-Eyth-See nachdenken: „Sie vorher einzusetzen, wäre eine Sünde“, sagt Gudrun Bürkle.

Klare Worte an die Adresse der Stadtverwaltung

Klare Worte. Daran fehlt es nach der Massensterben der Fische in dem beliebten Stuttgarter Naherholungsgebiet nicht. Die klaren Worte richten sich vielfach an die Adresse der Stadtverwaltung, die bisher so zurückhaltend agierte, als gehe sie der Max-Eyth-See nichts an. Oder nicht viel. „Die Fische zu hegen, ist Aufgabe des Pächters“ – des Württembergischen Anglervereins, ließ die Stadt zu Wochenanfang verlauten. „Als die Werte kritisch wurden, haben wir umgehend gewarnt.“

Für den Präsident des Württembergischen Anglervereins, Hans-Hermann Schock, und seine Anglerkollegen, gab es zu dem Zeitpunkt allerdings nicht mehr viel zu hegen. Bis zu 50 000 tote Fische, vom kleinen Bitterling bis zum großen Wels, zogen sie in den vergangenen Tagen aus dem Wasser. Giftige Blaualgen hatten sich ausgebreitet. Das führte zu Sauerstoffmangel. Der See kippte. Wieder einmal. Daran änderten auch die Bemühungen des Technischen Hilfswerks um Luftzufuhr nichts. In einer Mitteilung schrieben die Helfer: „Am Samstag wurde der Einsatz beendet. Viele Fische konnten leider nicht gerettet werden.“

„So schlimm ist es noch nie gewesen“

Inzwischen sind die meisten Kadaver geborgen und abtransportiert. Der Ärger der Bürger über das Fischsterben ebbt jedoch nicht ab. Im Gegenteil. Die Leserbriefspalten laufen voll. Die Tierschutzorganisation Peta fordert gar ein Mahnmal für die toten Tiere. Am See selbst herrscht Betroffenheit. Dieter Kupsch dreht dort regelmäßig seine Runden. Die Situation bedrückt ihn. „An anderen Seen gibt es zum Beispiel Sprühapparate, die dauernd laufen. So etwas hätte man hier auch problemlos installieren können“, sagt der Feuerbacher. Ihm tue es nicht nur für die Umwelt leid, auch für die Angler.

Harald Allgayer, in Mühlhausen aufgewachsen, hat seine eigene Theorie. Er sieht das Hauptproblem am Seegrund in der dicken Schlammschicht aus der Zeit, als hier noch Kies gewaschen wurde. Bei der Neugestaltung des Gewässers vor der Bundesgartenschau 1977 sei darauf verzichtet worden, den Schlamm zu beseitigen. „Der Boden wurde damals nur planiert“, sagt Allgayer. Das räche sich jetzt.

Bei Angelika Löw aus Hofen sitzt der Frust ebenfalls tief. Sie ist mit ihrem Hund jeden Tag mehrfach am See. „So schlimm wie dieses Jahr ist es noch nie gewesen.“ Der Geruch von verwestem Fisch habe sich letzte Woche durch ganz Hofen gezogen.

Der Pächter der DLRG-Gaststätte am See, Konstantinos Papadopoulos, erlebt täglich, wie sehr das Thema die Leute beschäftigt. „Es ist traurig, das zu sehen. Vor allem, dass nichts gemacht wurde“, sagt er. Trotzdem sei am See weiterhin viel los. Das bestätigt auch Horst Bauer. Seit mehr als 20 Jahren betreibt er den Bootsverleih, der zuvor zehn Jahre seinem Vater gehörte. Bauer bemerkte das Fischsterben, als Krebse aus dem Wasser krabbelten. „Innerhalb von einer Stunde war es passiert“, sagt er.

Stadt verspricht ein „Gesamtkonzept“ bis Jahresende

Das Öko-Desaster entwickelt sich jetzt auch zum Politikum. Linken-Stadtrat Luigi Pantisano beklagt per Facebook eine „zynische“ Reaktion der Stadt. Gallig fällt die Reaktion der CDU in Mühlhausen aus: Sie wirft den „selbst ernannten ökologischen Herrschern“ im Stuttgarter Rathaus vor, für Vorschläge „taub zu sein“ und „unverantwortlich“ zu handeln. Besonders im Visier ist Umweltbürgermeister Peter Pätzold (Grüne). Dessen „Vertrösten“ empöre viele Bürger.

Die Verwaltung hat eine andere Sicht der Dinge: „Das Tiefbauamt arbeitet mit weiteren Fachämtern seit mehr als einem Jahr an dauerhaften Lösungen, um Extremsituationen vorzubeugen“, betont der Stadtsprecher Sven Matis auf Anfrage. Verschiedene Ansätze würden geprüft. Denkbar sei zum Beispiel eine stationäre Belüftungsanlage, die auch präventiv eingesetzt werden kann, um einen Abfall des Sauerstoffgehalts im See zu verhindern.

In der Diskussion ist auch eine Wasserausleitung, mit der Nährstoffe aus dem See geschwemmt werden könnten. „Daneben ist auch die gezielte Förderung von Wasserpflanzen ein Ansatz“, sagt Matis. Ebenso wie ein Fischgutachten, das klären könne, welche und wie viele Fische der See verträgt. Parallel bemühe man sich um Gespräche mit dem Württembergischen Anglerverein und der Stiphtung Christoph Sonntag, die sich für den See engagiert. „Bis Ende 2019 wollen wir ein Gesamtkonzept zur Sanierung in den politischen Gremien präsentieren“, so Matis. Mit ersten Maßnahmen könne im Frühjahr 2020 begonnen werden.

Online-Petition mit bisher 1000 Unterschriften

Mit solchen Ankündigungen gibt sich Hans Klapka nicht zufrieden. Der Stuttgarter hat viel Zeit am See verbracht und die Situation beobachtet. Nun ist er selbst aktiv geworden. In seiner Petition „Rettet den Stuttgarter Max-Eyth-See!“ fordert er Umweltbürgermeister Pätzold auf, eine nachhaltige Sanierung des Sees vorzunehmen. „Vier Fischsterben in den letzten fünf Jahren, das ist für einen grünen OB, einen grünen Ministerpräsidenten und ihre Abteilung eine Blamage“, heißt es in seiner am vorigen Freitag gestarteten Online-Petition, die bis Dienstagnachmittag mehr als 1000 Personen unterschrieben haben. „Ich hoffe, dass das Thema dadurch nicht vergessen wird“, sagt er.

Der Württembergische Anglerverein trägt derweil Trauer. Auf seiner Facebookseite hat er den See mit einer Todesanzeige bedacht: „Hier ruht der Max-Eyth-See. Alles Leben ist in den Tagen vom 3. – 5. September 2019 aus dem See entwichen. Todesursache: Kunstfehler der behandelnden Verantwortlichen“.

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