Milan Gather (25) liebt die direkten, ehrlichen Reaktionen eines jungen Publikums. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Der Schauspieler Milan Gather ist neues Ensemblemitglied am Jes. Er ist überzeugt, dass Kinder und Jugendliche im Theater den Umgang mit Gefühlen lernen und Halt finden können.

Stuttgart - Auf der Bühne ist Milan Gather, der mit dem Beginn der Spielzeit 2018/19 neues festes Ensemblemitglied am Jes ist, in seinem Element. Mühelos schlüpft er in seine Rolle, er spielt, singt, tanzt und lacht. Er wirkt offen und freundlich. Kurzum: Gather versteht es, das junge Publikum mitzunehmen.

Abseits der Bühne gibt es aber noch einen anderen Milan Gather. Den, der nachdenklich wirkt, der sich über die pädagogischen Facetten seines Berufs Gedanken macht, dem es nicht reicht, nur die Anweisungen eines Regisseurs zu befolgen und dem die Arbeit für und mit Jugendlichen und Kindern am Jes mehr bedeutet, als im Abendprogramm irgendeines anderen Theaters zu spielen.

Denn Gather hatte die Wahl. Nach dem Abschluss der Schauspielschule in Stuttgart habe er sich bewusst für die Arbeit am Jes entschieden, obwohl er auch Angebote von anderen Häusern gehabt habe, berichtet der 25-Jährige. Es ist die Arbeit mit den Jugendlichen, die ihn reizt. Als Schauspieler schätzt Gather vor allem die Ehrlichkeit der Kinder. „Ihnen fehlt noch die anerzogene Achtung vor der Bühne. Die Reaktionen sind deshalb sehr direkt“, fasst er seine Eindrücke zusammen. Daraus könne man für sein Spiel enorm sehr viel lernen.

Zum anderen liegt Gather aber auch die Stückentwicklung gemeinsam mit den Jugendlichen besonders am Herzen. Denn diese mache es möglich, das junge Publikum bei den Aufführungen auf besonders starke Weise emotional zu berühren. „Das sind dann wirklich großartige Momente, in denen man sich sagt: Genau das möchte ich erreichen.“

Der Schauspieler wünscht sich mehr Wertschätzung für das Kinder- und Jugendtheater

Theater könne in dieser Hinsicht auch eine wichtige pädagogische Funktion erfüllen. „Natürlich verstehen wir uns nicht als Ersatz für die Schule“, betont Gather. Aber das Jes könne ein Ort sein, an dem sich Jugendliche auf besondere Weise mit ihren Gefühlen auseinandersetzen und gerade auch in schwierigen Zeiten Halt finden können. Vor diesem Hintergrund wünscht sich der Schauspieler auch mehr Wertschätzung für das Kinder- und Jugendtheater, das zum Teil noch immer einen schweren Stand hat. Dabei hat das Schauspiel für Jugendliche in Gathers Augen einen Entscheidenden Vorteil: Es setzt sich mit sinnlichen Erfahrungen auf sehr direkte Weise auseinander. „Das würde ich gerne auch öfter in den Abendspielplänen anderer Häuser sehen“, so der Schaupieler.

Seine ersten Versuche auf der Bühne hat Gather in dem Alter gemacht, in dem heute viele seiner Zuschauer sind. „Während meiner Schulzeit in Dortmund habe ich mit der Schauspielerei angefangen“, berichtet Gather. Auch die ersten Versuche mit Inszenierungen ließen nicht lange auf sich warten. Daran, dass Gather über ein besonders Talent verfügt, bestand spätestens in dem Moment kein Zweifel mehr, als er eine Ausschreibung des Bochumer Schauspielhauses gewann. Immer konkreter wurde der Wunsch, die Schauspielerei zum Beruf zu machen.

So begann Gather, sich an verschiedenen deutschen Häusern zu bewerben, zog aber zunächst nach Leipzig, wo er „ein bisschen Germanistik“ studierte, sich aber auf verschiedenen Bühnen bereits hauptsächlich dem Theater widmete. 2014 bekam er dann die Zusage von der Stuttgarter Schauspielschule, zog um und lernte die hiesige Theaterszene – darunter natürlich auch das Jes – kennen. „Das Jes ist ein tolles Haus“, sagt Gather, der seine Leidenschaft für die Theaterarbeit mit Kindern und Jugendlichen bereits während seiner Ausbildung kennengelernt hatte. „Ich habe damals in einer szenischen Lesung für Kinder mitgearbeitet. Das hat riesig Spaß gemacht.“ Als das Jes dann eine vakante Stelle ausschrieb, sprach Gather vor und wurde genommen.

Milan Gather wird im Jes auch ein eigenes Stück aufführen

Seiner ersten Spielzeit im Jes, in der er zunächst die Rolle des Harry Haller im „Steppenwolf“ übernehmen wird, blickt er mit Vorfreude entgegen. „Auch Wir/Die wird interessant“, glaubt Gather. Das Stück schildert die Geiselnahme von Beslan aus der Sicht von Kindern. Das sei ein schwieriges, aber sehr wichtiges Thema, sagt Gather. „Und ich finde die Perspektive unheimlich spannend.“

Besonders freut er sich zudem auf das Stück „Astronauten“, einen Monolog, den Gather nicht nur spielt, sondern auch geschrieben hat. „Das Stück greift das Thema Mobbing auf“, berichtet der Schauspieler, der über den Inhalt aber noch nicht zu viel verraten möchte. „Astronauten“ sei ursprünglich ein kürzerer Monolog gewesen, den er bei seiner Bewerbung am Jes vorgetragen hatte. Dort kam sein Text so gut an, dass beschlossen wurde, den Stoff auf ein ganzes Stück auszuweiten. Eine riesige Chance, denn neben dem Schauspiel selbst reizt Gather vor allem das Inszenieren und Schreiben. „Ich habe schon ziemlich früh gemerkt, dass es mir nicht reicht, nur die Anweisungen eines Regisseurs auszuführen.“ Das sei zwar auch spannend und herausfordern, ihn habe es aber zur Mitgestaltung gezogen. Dafür stehen dem jungen Schauspieler am Jes nun alle Möglichkeiten offen.

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