Die Kosmetikerin Katja Huter zeigt einer Krebspatientin, wie der Augenbrauenstrich richtig gezogen werden muss. Foto: Bell

Wenn die Chemotherapie beginnt, fallen meist auch die Haare, Wimpern und Brauen aus. Ein Kosmetikseminar für krebskranke Frauen soll den Betroffenen wieder mehr Farbe ins Leben bringen.

Ludwigsburg - Nur zögernd kommen die Frauen ins Konferenzzimmer im Klinikum Ludwigsburg. Manche tragen ein buntes Kopftuch, manche eine Perücke; die meisten haben aufgrund ihrer Chemo- oder Strahlentherapie gegen den Krebs keine Wimpern und Augenbrauen mehr. Die zehn Frauen besuchen an diesem Nachmittag ein Kosmetikseminar, doch dieses Seminar ist keine gewöhnliche Veranstaltung dieser Art, sondern richtet sich speziell an Krebspatientinnen jeden Alters. Organisiert wird der knapp zweistündige Schminkkurs von der gemeinnützigen Gesellschaft DKMS Life, einer Tochtergesellschaft der Deutschen Knochenmarkspenderdatei (DKMS).

Die Kosmetikerinnen sind gut gelaunt

Doch auch wenn alle diese Frauen im Raum schwer krank sind und man als Beobachter vermuten könnte, dass es in diesen zwei Stunden möglicherweise nichts zu lachen gäbe: Bereits nach kurzer Zeit wird klar, dass auch in einem Raum voller kranker Menschen durchaus eine gelöste und heitere Stimmung herrschen kann. Das liegt zum einen an den gut gelaunten Kosmetikerinnen Anna Calamia aus Murr und Katja Huter aus Kirchheim/Neckar, die das Seminar mit der richtigen Mischung aus Charme, Witz und Ernst leiten. Zum anderen aber auch daran, dass die meisten dieser Frauen sich an diesem Nachmittag sagen: ja, ich bin krank – aber ich will mich auch nicht den ganzen Tag vor mir und meiner Umwelt verstecken, sondern im Gegenteil wieder etwas mehr Farbe in mein Leben bringen.

Die 54 Jahre alte Ingrid Wagner etwa ist solch ein Mensch. Seit sie ihre Diagnose im April erhielt, hat sie viel erlebt und durchgemacht; als sie aber einen Platz im Kosmetikseminar bekommen hat, war ihre Freude groß. „Ich bin zwar krank und habe keine Haare, Augenbrauen und Wimpern mehr, aber eitel bin ich dennoch und möchte mich auch hübsch machen, wenn ich ausgehe“, sagt sie und malt konzentriert und unter Anleitung von Katja Huter einen Lidstrich auf das untere Augenlid.

Das Seminar soll Lebensfreude vermitteln

Genau das ist auch das Ansinnen der Veranstalter: den Frauen in dieser schwierigen Zeit während oder nach der Chemo- oder Strahlentherapie wieder zumindest ein bisschen Lebensfreude zu vermitteln. Bundesweit finden in mehr als 290 Krankenhäusern pro Jahr über 1300 solcher Kosmetikseminare statt, meist gibt es Wartelisten. „Wir versuchen, allen Interessierten einen Platz anzubieten, zunächst werden aber die Frauen in Therapie bevorzugt“, sagt Angelika Luz-Bißmaier von der Brückenpflege Ludwigsburg. Sie betreut seit fünf Jahren die Seminare und ist immer wieder erstaunt und fasziniert, welche positive Wirkung die Veranstaltung auf die Teilnehmerinnen hat.

Tatsächlich macht dieses Seminar einiges mit den Anwesenden. Gespannt öffnen die Frauen die grauen Stofftaschen, die voller hochwertiger Kosmetikprodukte stecken und von diversen Firmen gespendet wurden. Neben einer Feuchtigkeitscreme sind das Makeup und Puder, Kajalstift und Concealer, Wimperntusche und Lidschatten, Rouge und Lippenstift. „Wir fangen mit dem Makeup an, denn wenn man etwas getönte Farbe im Gesicht hat, sieht man gleich schon viel besser aus“, sagt die Kosmetikerin Anna Calamia und macht vor, wie die Creme am besten aufgetragen wird, ohne dass die Patientin am Ende wie ein Grillhähnchen aussieht. Nun der Augenbrauenstift – für die Patientinnen eines der wichtigsten Utensilien. „Wenn der Augenbrauenbogen fehlt, macht es wirklich Sinn, ihn dezent nachzuziehen, denn die Augenbrauen verleihen dem Gesicht den nötigen Rahmen“, betont die Expertin und demonstriert es gleich.

Wichtige Schminktipps

Die 62 Jahre alte Helga Sonnenberg beweist Mut und trägt einen zarten Lippenstift auf. „Es ist toll, was man mit ein bisschen Farbe machen kann“, sagt sie und betrachtet zufrieden ihr Spiegelbild. Auch die 71 Jahre alte Gisela Schönberger (beide Namen von der Redaktion geändert) freundet sich immer mehr mit den Schminkutensilien an. „Ich wusste nicht, dass man bei den Augenbrauen oder beim Kajal eine bestimmte Linie beachten muss, ich finde die Tipps der beiden wunderbar“, sagt sie. Und für Ingrid Wagner ist klar: „Dieses Seminar ist eine tolle Sache und gibt neue Energie.“

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