Die Hand am Gerät, der Blick auf dem Monitor: auch der OP-Roboter kann nicht ganz auf Menschen verzichten. Foto: factum/Granville

Im OP-Saal des Klinikums Ludwigsburg kommt neuerdings der Roboter Da Vinci zum Einsatz. Gerät und Methode sind einzigartig in der Region. Sie helfen, heikle Eingriffe sicherer zu machen – auch dank erstaunlicher Einblicke.

Ludwigsburg - Das erste, was ins Auge fällt, wenn man den OP-Saal betritt, ist ein gigantischer, grauer Oktopus aus Metall und Kunststoff. Allerdings nur einer mit vier Armen. Diese vier starren Tentakel stecken in einem aufgeblähten, runden, weißlich-rosafarbenen Etwas. Das ist der Bauch eines Patienten, dem gerade die Prostata entfernt wird, weil Krebs diagnostiziert wurde. Im Saal hängen drei große Monitore, auf dem die Details der Operation in (Fleisch-) Farbe gezeigt werden.

Hinten links im Raum sitzt Hans-Peter Gerbershagen. Der leitende Oberarzt der Urologie am Klinikum Ludwigsburg hat beide Hände an zwei Joysticks ähnlichen Steuerknüppeln, die Füße bedienen mehrere Pedale. Der Blick ist starr auf ein Display gerichtet, dessen Besonderheit man nur erkennt, wenn man selbst in die Maschine blickt. Zum Greifen plastisch, riesengroß und rund wölbt sich die eigentlich nur wenige Zentimeter große weißliche Prostata dem Betrachter entgegen. Rechts und links davon sind die drei Operationsgeräte sichtbar, umringt von glibberigem Fettgewebe – alles in perfekter 3-D-Optik.

„Wir sind der Überzeugung, dass es unseren Patienten hilft“

Das Gerät, das diese außerordentlich detaillierten Einblicke in den menschlichen Körper ermöglicht, heißt Da Vinci. Zwei Millionen Euro hat das Klinikum Ludwigsburg ausgegeben, um ein Gerät der neuen, dritten Generationen im Haus zu haben. „Wir mussten uns wirklich zu dieser Investition durchringen“, gesteht der für die Finanzen verantwortliche Regionaldirektor Matthias Ziegler. „Wir sind der Überzeugung, dass es unseren Patienten hilft.“

Tatsächlich lässt sich die Großinvestition des Klinikums eher nicht mit kurzfristigen finanziellen Erfolge begründen. Denn höhere Erlöse erhält ein Krankenhaus für die weit teurere Da-Vinci-Operation (allein die Materialkosten belaufen sich auf 1500 Euro pro OP) keineswegs. Bundesweit kommt Da Vinci in etwa 80 Kliniken zum Einsatz. Aber nirgendwo in der Region Stuttgart in dieser Spielart, heißt es in Ludwigsburg. Lediglich am Bundeswehrkrankenhaus in Ulm kann man laut Alexander Tsongas, Sprecher der kommunalen Kliniken im Kreis, auf ein solches Modell zurückgreifen.

„Durch die 3-D-Optik operiert man genauer“

Dabei gebe es zwei Besonderheiten. Erstens: kein zweites Krankenhaus im Großraum Stuttgart verfüge über die neueste Generation von Da Vinci. Und zweitens: es sei nirgendwo üblich, den Roboter interdisziplinär zu betreiben. Am Klinikum Ludwigsburg nutzen die Urologie, die Gynäkologie und die Chirurgische Abteilung gemeinsam das System. „Der Vorteil ist, dass man die stark vergrößerte 3-D-Optik hat, man operiert genauer“, sagt Andreas Jurczok, Chefarzt für Urologie am Klinikum.

Die Operation schreitet voran. Für den Laien sieht das virtuelle Hantieren mit den OP-Geräten auf dem Monitor zunächst reichlich planlos, je beinahe chaotisch aus. Doch Fachleute erkennen: da steckt ein Plan dahinter. Geschickt manövriert Oberarzt Hans-Peter Gerbershagen die Greifpinzette und die Schere im Bauchinneren, sodass er ein längliches, weiß schimmerndes Etwas an die Oberfläche befördert, das entfernt an ein längliches Shrimp erinnert. „Das ist der Samenleiter“, erläutert Thomas Schiedeck, Chefarzt für Chirurgie, „der muss jetzt abgetrennt werden.“ Jedes Mal, wenn die Schere schneidet, beginnt es direkt am Schnitt zu rauchen. Der Operateur setzt elektrische Impulse, die das Gewebe veröden und so Blutungen verhindern.

„Wir sind begeistert“

Die Ärzte gehen davon aus, dass der Patient wieder gesund wird. Er könne das Klinikum im Regelfall nach einer Woche wieder verlassen – eben, weil die Operation dank dem Da-Vinci-System mit einem vergleichsweise kleinen Eingriff verbunden sei. Die in diesem Fall sehr konkrete Gefahr, den Penis-Nerv in Mitleidenschaft zu ziehen oder den Schließmuskel am Anus zu verletzen, könne der Roboter minimieren. Auch bei Organentfernungen beispielsweise komme das Da-Vinci-System zum Einsatz – als Beispiele nennen die Ärzte Magen-OPs, Eingriffe an der Bauchspeicheldrüse oder Gebärmutterentfernungen. „Wir sind begeistert und hoffen, dass es die Patienten auch sind“, sagt Andreas Jurczok. Etwa 20-mal pro Monat könne der Roboter künftig zum Einsatz kommen. Zum Wohl der Patienten – und ein bisschen auch der Ärzte: „Mit Da Vinci zu arbeiten“, sagt Jurczok, „bringt richtig viel Spaß.“

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