Bunt und originell sind die Produkte, modern und flexibel muss der Handel sein. Foto: Messe Frankfurt GmbH/Pietro Sutera

Auf der Konsumgütermesse Ambiente ist noch kein Konjunktureinbruch zu spüren, aber Händler und Aussteller müssen sich auf die Digitalisierung einstellen.

Frankfurt - Die Hotels rund um das Frankfurter Messegelände sind wieder einmal bestens gefüllt. Rund 140 000 Fachbesucher aus aller Welt kommen, wie jedes Jahr, zu einem Einkaufsbummel, den der Kunde erst in ein paar Monaten machen kann. Über 4400 Aussteller aus 90 Ländern zeigen das Neueste aus der bunten Konsumgüterwelt – von Möbeln und Lampen bis hin zu Porzellan und Bestecken. Die Messe ist ein Muss für all jene Händler, die ihren Kunden in diesem Jahr die neuesten Trends rund ums Wohnen in ihren Geschäften zeigen wollen. Seit Jahrzehnten ist die Ambiente die Leitmesse für die Branchen, die mit Küche und Wohnkultur zu tun haben. Seit 800 Jahren ist Frankfurt als Messeplatz für Händler ein fester Anlaufpunkt. Und daran solle sich auch nichts ändern, betont Messe-Chef Wolfgang Marzin.

Aber die Messe muss sich auch wandeln, wenn sich die Umwelt wandelt. Früher traf sich in den Messehallen am Main die Konsumgüterwelt zur Frühjahrs- und Herbstmesse, heute sind es die Ambiente und die Tendence im Sommer. Und nun steht die nächste Herausforderung an. „Wir sehen, dass die voranschreitende Digitalisierung die Konsumgüterbranche verändert. Die digitalen Geschäftsmodelle führen zu ­massiven Konsolidierungen im Handel. Zwischen 2000 und 2017 haben allein in Deutschland 100 000 Einzelhandelsgeschäfte zugemacht“, sagt der Geschäftsführer der Messe Frankfurt, Detlef Braun. Der Online-Handel boomt, in den Innenstädten steigen eher die Mieten für die Läden als die Kundenzahlen. Das ist auch auf der Ambiente an diesem regnerischen Wochenende sichtbar. „Wir haben immer mehr Großeinkäufer, die hohe Stückzahlen ordern“, erzählt ein Aussteller. Früher waren vor allem die Wochenenden in gewisser Weise auch eine Art „Familientreffen“. Man kannte sich, sprach über die Kinder – und stellte beinahe nebenbei ein individuelles Sortiment zusammen.

Auch kleinere Geschäfte müssen sich umstellen

Und früher war es auch einfacher, auf der Messe ein Stimmungsbild der Branche einzufangen. Die Großeinkäufer für die Online-Versender strahlen vor Zuversicht, sie kaufen und kaufen, von Abschwung oder Stimmungseintrübung ist bei ihnen nichts zu spüren. Die kleineren Einzelhändler dagegen sind mit ganz speziellen Problemen beschäftigt. „Wir werden jetzt den ganzen Sommer eine Großbaustelle vor der Tür haben. Wie sollen uns da die Kunden erreichen?“, klagt eine Frau aus dem Hunsrück. Auch auf solche Fragen möchte die Messe Antworten geben. „Wir sehen Handlungsbedarf, aber auch konkrete Stellhebel für den zukünftigen Erfolg. Deshalb möchten wir als Messe Frankfurt Aussteller und Handel mit einem neuen, digitalen Projekt im Netz unterstützen“, verkündet Messe-Mann Braun.

Auch kleinere Geschäfte müssen sich umstellen, so lautet jedenfalls die Botschaft, auf die man auf der Messe immer wieder trifft. Große Wachstumsraten erwarten die Branchen nicht, im vergangenen Jahr stand sogar ein leichtes Minus in den Büchern, wie die Handelsverbände errechnet haben. Das Umsatzniveau sei aber immer noch hoch, betont Braun. Und damit das so bleiben kann, sollten Analog und Digital im Kundenservice Hand in Hand gehen. Wie das geht, wird auf mehreren Sonderschauen gezeigt: individuelle Beratung, die durch digitale Abwicklung des Bestell-, Liefer- und Rechnungsprozesses abgerundet wird – so etwa die Kurzfassung. „Der Verbraucher wird auch in Zukunft das Bedürfnis haben, etwas anzufassen, möchte jedoch auch die grenzenlose Vielfalt und das perfekte Produkt zur richtigen Zeit haben“, meint Nikolai Gruschwitz, Geschäftsführer der Waketo GmbH, die Einzelhändler bei diesem Verknüpfungsprozess zwischen Analog und Digital berät.

Schön soll es sein, bezahlbar, aber auch ausgefallen und luxuriös

Auch wenn sich der Vertriebsweg durch die Digitalisierung ändert – an den Wünschen der Kunden und Kundinnen hat sich nichts geändert. Schön soll es sein, bezahlbar, aber auch ausgefallen und luxuriös. Für jeden etwas also – und da hat das diesjährige Partnerland Indien alles zu bieten. Am Montag kommt die Bollywood-Schönheit Kanika Kappor auf die Messe. Und sie will noch einen Trend aufzeigen, der sich in den Messehallen überall zeigt. Die Schauspielerin hat ein eigenes Modelabel, bei dem eleganter Stil im Vordergrund steht, mit dem sie aber Kunsthandwerkerinnen in ihrer Heimat in Uttar Pradesh dabei unterstützt, die Kunst der Stickerei und Textildekoration zu entwickeln. „Nachhaltigkeit ist aus allen Bereichen nicht mehr wegzudenken“, sagt Nicolette Naumann von der Messe. „Die Trends sind viel langlebiger als früher. Es ist zunehmend eine Verschiebung des Themas und nicht ein völlig neues Thema. Jedem Trend liegt eine gesellschaftliche Entwicklung zugrunde,“ sagt Naumann. Aktuell heißt das zum Beispiel, dass die bevorzugte Farbpalette der Wohndesigner sich von dunklen Rosatönen in Richtung Koralle verschiebt. Seit einiger Zeit setzt die Branche auch wieder mehr auf die handwerkliche Qualität der Produkte und auf sichtbare Zeichen der Bearbeitung.

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