Vorne die glanzvolle Superheldin (Gal Gadot) frisch von den Comicseiten, hinten das Elend des Ersten Weltkriegs: „Wonder Woman“ bietet eine gewagte Kombination. Foto: Warner Bros.

Die älteste Superheldin der Comcigeschichte wirkt auf der Leinwand ganz schön jung. Um nicht zu sagen, der Kinoneustart „Wonder Woman“ mischt das Genre auf. Hauptdarstellerin Gal Gadot hat mehr als nur gutes Aussehen zu bieten.

Stuttgart - Im Sommer dreht sich in Hollywood alles nur ums Geld. Die sündhaft teuren Megaproduktionen müssen innerhalb kürzester Zeit ihre Herstellungskosten wieder einspielen. Doch die sogenannten Eventmovies zünden nicht mehr richtig. Dennoch hält man in Hollywood weiter am Konzept Überwältigungskino fest.

Relativ gut stehen die Betreiber des Marvel Cinematic Universe da. Fast jedes dieser Projekte landete wie „Iron Man“ in den Jahres-Top-Ten. Ganz anders sieht das bei der Comic-Konkurrenz aus. Der Tonfall des DC Extended Universe fand bislang wenig Anklang. Nun soll eine Frau aus der Misere helfen: Wonder Woman.

Wunderfrau mit Armreifen

1941 tauchte die Figur im Heft „All Star Comics“ auf, als erste aller Superheldinnen, die den Weg für Kolleginnen wie Catwoman oder Supergirl ebnete. Vielleicht ein gutes Omen für den ersten Soloauftritt der Wunderfrau mit dem markanten, an ein Diadem erinnernden Kopfschmuck und den magischen Armreifen, mit denen sie Angriffe aller Art abzuwehren versteht.

Auf der versteckten Insel Themyscira wächst die Amazonenprinzessin Diana (Gal Gadot) auf. Von Kindheit an wird sie – zunächst gegen den Willen ihrer Mutter (Connie Nielsen) – auf dem idyllischen, nur von Frauen bewohnten Eiland von Antiope (Robin Wright) zur Kriegerin ausgebildet. Erst vom notgelandeten US-Piloten Steve Trevor (Chris Pine) erfährt sie von den fürchterlichen weltweiten Konflikten. Kurz entschlossen verlässt sie ihre Heimat, um Ares, Sohn des Zeus, zu besiegen, den sie als Verantwortlichen hinter allem Blutvergießen vermutet. In einem Krieg, der alle Kriege beenden soll, kämpft sie an der Seite der Menschen und entdeckt dabei ihre Kraft und Bestimmung.

Feminismus im Lederschurz

Eine Frauensache, ein feministisches Statement, bei dem Rollenmuster augenzwinkernd hinterfragt werden, ist dieser wüste Mythen-Mash-up, inszeniert von Patty Jenkins, die sich gleich mit ihrem Erstling „Monster“ (2003) einen guten Namen machte. In drei etwa gleich lange Blöcke gliedert sie ihr tosendes Epos, bei dem Produzent Zack Snyder („300“, „Batman v. Superman“) auch an der Story mitgewirkt hat. Von der relativen Ruhe auf Themyscira, wo die leicht- und lederbeschürzten Damen sich in der Kunst des Bogenschießens und Schwertkampfes üben, geht’s ins brodelnde London um 1910, wo mit gesellschaftlichen Außenseitern eine kleine Kampftruppe zusammengestellt wird, ehe auf den Schlachtfeldern der Westfront die Gewalt explodiert.

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„Nur“ knapp 150 Millionen Dollar soll dieses Spektakel gekostet haben. Augenfällig wird dies bei den Computereffekten, die man schon wesentlich besser gesehen hat. Hinzu kommt, dass die Story sich zu umständlich entwickelt. Dies ist wohl der Ambition der Regisseurin geschuldet, jenseits aller Action und Schauwerte ihre Geschichte mit Subtext zu füllen, von Selbstbestimmung und der schwierigen Suche nach der eigenen Identität zu erzählen. Gleich zu Filmbeginn erklärt Diana aus dem Off: „Ich wollte immer die Welt retten, diesen wunderschönen Ort. Doch je näher man kommt, desto deutlicher erkennt man die große Finsternis.“

Die perfekte Kampfmaschine

Hat man sich jedoch mit diesen kleinen Problemen arrangiert, steht kurzweiliger Popcorn-Unterhaltung, ein wenig Herzschmerz inbegriffen, nichts im Wege. Formschön, wie schon in ihren vier „Fast & Furious“-Auftritten, gibt das israelische Ex-Model Gadot die perfekte Kampfmaschine. Athletik ist eher gefragt als Schauspielkunst. Doppeldecker donnern über den Himmel und stürzen rauchend ab, fiese „Krauts“, wie die Nazis des Zweiten Weltkriegs gewandet, trachten, von einer entstellten, rachelüsternen Wissenschaftlerin (Elena Anaya) unterstützt, nach der Weltherrschaft. Mit einem elegantem Kopfsprung stürzt sich die Titelheldin von einer hohen Klippe ins azurblaue Meer, Kugeln fliegen in Zeitlupe durchs Bild, ebenso die Amazonen, die an Lianen hängend selbst kopfüber ihre Pfeile treffsicher ins Ziel bringen. Wenn Marvel „marvelous“ ist, ist Wonder Woman „wonderful“.

Wonder Woman. USA 2017. Regie: Patty Jenkins. Mit Gal Gadot, Chris Pine, Robin Wright, Connie Nielsen, Danny Huston. Ab 12 Jahren. 141 Minuten.

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