Die Angeklagte, die sich der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) im Irak angeschlossen haben soll, hält sich beim Betreten des Gerichtssaals einen roten Aktendeckel vors Gesicht. Foto: dpa

Die Jesidin, deren fünfjährige Tochter im Irak verdursten musste, erkennt im Münchner IS-Prozess ihre deutsche Peinigerin wieder. Das ist entscheidend für das Verfahren, kam aber erst im zweiten Anlauf zustande.

München - Es ist 10.27 Uhr an diesem Donnerstag, da geht der entscheidende Moment im Münchner IS-Prozess schief: Mehr als drei Verhandlungstage hat die 47-jährige Jesidin Nora T. nun schon erzählt, wie sie misshandelt wurde im irakischen Falludscha, im Haus eines IS-Kämpfers und seiner jungen, gleichfalls IS-begeisterten Frau „aus Alamanya“. Geschlagen worden, sagt Nora T., seien sie und ihre Tochter fast jeden Tag. „Und ich weiß nicht, warum. Der Mann hat immer nur gesagt, wir seien Ungläubige, und deshalb habe er das getan.“ Geprügelt habe zwar nur der Mann, aber „immer“ auf Betreiben oder gar auf Anordnung seiner deutschen Ehefrau.

Zeugin erinnert sich zunächst nicht

„Und jetzt“, sagt der Vorsitzende Richter zu Nora T.: „Jetzt drehen Sie sich mal nach links und schauen sich die Frau dort zwischen den beiden Verteidigern in Ruhe an.“ Dann stellt er die Frage dieses Verfahrens schlechthin: „Ist das die Frau, von der Sie uns erzählt haben?“ Nora T. dreht sich nach links, schaut zum ersten Mal überhaupt in diesem Verfahren der 28-jährigen Angeklagten Jennifer W. ins Gesicht und sagt: „Sie sieht ihr ähnlich.“ Worin?, fragt der Richter, und Nora T. antwortet: „Die schwarzen Haare, das hübsche Gesicht. Und sie war jung.“ Der Richter bohrt nach: „Handelt es sich bei dieser Frau hier um die aus Falludscha?“ Und Nora T: „Es ist lange her. Ich kann Ihnen nicht sagen, ob sie es ist oder nicht.“

Jennifer W. zeigt erstmals ihr Gesicht

Jennifer W. ihrerseits hat in diesen spannungsgeladenen Sekunden zum ersten Mal die Jesidin angeschaut, die bei ihr Sklavin gewesen sein soll im Haushalt und deren fünfjährige Tochter vor ziemlich genau vier Jahren unter der glühenden Sonne von Falludscha verdursten musste, ohne dass Jennifer W. – so die Anklage – eingeschritten wäre. Jetzt senkt die junge, heute ganz in Schwarz gekleidete Frau ihren Blick wieder, und als der Richter in die Verhandlungspause geht, fasst ihre Verteidigerin sie sanft am Unterarm.

In der Pause dreht sich der Wind, ohne dass das im Saal noch jemand erwartet hätte. Die Übersetzerin teilt dem Richter mit, Nora T. habe in der Angeklagten nun doch die Deutsche aus Falludscha wiedererkannt. Ob sie Jennifer W. noch einmal anschauen dürfe? Der Richter erlaubt es, Nora T. dreht sich noch einmal in Richtung Anklagebank, so weit nach links, dass auch die Zuschauer zum ersten Mal ihr Gesicht unverschleiert sehen. Dann sagt Nora T. ganz laut, und alle können es hören: „Ja. Sie ist es.“

Vor allem der Mann hat mit Nora T. gesprochen

Rein äußerlich konnte ein Wiedererkennen nicht schwierig sein. Nora T. hatte schon zuvor erzählt, die außerhalb des Hauses immer tief verschleierte Deutsche habe daheim „T-Shirts und Shorts“ getragen und das hüftlange schwarze Haar offen, „ohne Zöpfe“. Hüftlang ist Jennifer W.s Haar auch heute; im Gericht trägt sie es aber fast immer hochgesteckt. Auch die Körpergröße könnte passen. Nora T., die mit Zahlen und Maßen und vielen anderen Erinnerungen ihre Schwierigkeiten hat, sie sollte dem Gericht mal mit der Hand anzeigen, wie groß die Frau in Falludscha war. Sie stand auf und zeigte: „Noch kleiner als ich.“

Wenig scheint gesprochen worden zu sein in Falludscha. Die als Sklavin gekaufte Jesidin hatte die Hausarbeiten zu erledigen, „die Wäsche hat mir der Mann gebracht zum Waschen“. Und die Ehefrau, deren Namen Nora T. nicht einmal kannte? „Die war fast immer in ihrem Zimmer und hat nichts gemacht.“

Jennifer W. war scheinbar schwanger

Die Staatsanwältin will wissen, wie das Verhältnis war zwischen dem Iraker und der Deutschen, von der er laut Nora T. sagte, er habe sie sich geholt. „Die beiden haben sich geliebt“, sagt Nora T. Woher sie das weiß: „Na ja, sie waren im Zimmer – und miteinander auf dem Sofa. Die beiden waren sehr glücklich miteinander.“ Und dann, so Nora T., habe sie von dem Mann erfahren, die Deutsche sei schwanger. Aber wieso erzählt ein IS-Kämpfer, der sonst so hart war gegen die „Ungläubige“, dieser genau das? „Er hat zu mir gesagt: ‚Ich freue mich, dass meine Frau schwanger ist. Ich bin glücklich.‘“

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