Bei Katharina Krenkel ist das Linoleum selbst das Kunstwerk. Foto:  

Die Deutschen Linoleum-Werke gibt es in Bietigheim-Bissingen nicht mehr. Die Stadt bleibt aber ein Mekka des Linolschnittes – und vergibt weiterhin ihren renommierten Grafikpreis.

Bietigheim-Bissingen - Mehr als 500 Bewerbungen aus allen Kontinenten, ein reicher Quell an Ideen, Techniken und Stilen: Eigentlich könnten sich Isabell Schenk-Weininger und Petra Lanfermann uneingeschränkt freuen über den Widerhall, den der alle drei Jahre ausgelobte Wettbewerb „Linolschnitt heute“ fand.

DLW fehlt – finanziell und ideell

Doch die elfte Auflage muss einen Wermutstropfen verkraften: Die Deutschen Linoleum-Werke (DLW), die einst den Anlass gaben, den Galerie-Schwerpunkt auf den künstlerischen Linolschnitt zu legen, und mit denen zusammen der Wettbewerb ins Leben gerufen wurde, gibt es in Bietigheim-Bissingen nicht mehr. „Die Insolvenz ist auch für uns jammerschade“, bedauert die Leiterin der Städtischen Galerie Bietigheim-Bissingen Isabell Schenk-Weininger. „Nicht nur finanziell, sondern ideell.“ Die 10 000 Euro Preisgeld, die der einstige Sponsor DLW seither stiftete, übernimmt jetzt die Stadt Bietigheim-Bissingen. Ihr Kunstpreis ist renommiert, spezifische Linolschnitt-Wettbewerbe gibt es sonst fast keine. Auf Kunst-Ausstellungen müssten sich Linolschnitte mit anderen Grafiktechniken messen, sagt Schenk-Weiningers Kollegin Petra Lanfermann.

Vielschichtig, überraschend, originell

Dass aber die Welt des Linolschnittes ungemein vielschichtig, überraschend, originell und auf jeden Fall ein eigenes Podium wert ist, zeigt die neue Ausstellung „Linolschnitt heute XI“ in der Galerie. Sogar Kollegen aus der Kuratorenszene, berichtet Schenk-Weininger, entfahre mitunter der erstaunte Ausruf: „Kaum zu glauben, dass so etwas Tolles in Linolschnitt möglich ist!“ Mit der Schau öffnet das Haus nach einer vierteljährigen Schließzeit wieder: Es ist jetzt technisch auf dem aktuellen Stand und wartet mit neu hergerichteten Wänden und einem generalüberholten Eingangsbereich auf, in dem die Besucher auch digitale Informationen zu den Ausstellungen erhalten.

Von den 503 Teilnehmern des Linolschnittwettbewerbs – „zum ersten Mal konnten sich die Künstler digital bewerben und mussten keine Mappe einschicken, wir müssen ja mit der Zeit gehen“, sagt Schenk-Weininger – kamen 128 in die engere Auswahl, die dann ihre Originale nach Bietigheim-Bissingen sandten und der Jury die Qual der Wahl bescherten. Überhaupt ist der Aufwand, den das Haus für diesen Wettbewerb betreibt, beträchtlich. Vor- und Nachbereitung inbegriffen, gehen jeweils zwei Jahre dafür ins Land – all das will neben dem normalen Ausstellungsbetrieb her bewältigt sein.

„Wahnsinnig beeindruckt“

Zu entdecken sind in der Galerie jetzt die Werke von 44 Frauen und Männern aus aller Herren Länder. Die einen sind von Fotografie und Filmen inspiriert, andere sind auf alten DDR-Schnittmusterbögen gedruckt. In einem Fall ist das bearbeitete Linoleum auch selbst als installative Arbeit ausgestellt. Die Entdeckungsreise führt zu großformatigen, bunten Collagen und winzig kleinen, zarten Blättern, zu surrealen Landschaftsszenen oder Portraits berühmter Philosophen. „Viele Einsendungen zeigten einen experimentelleren Umgang mit dem Material als in früheren Jahren“, stellt Isabell Schenk-Weininger fest. „Dem haben wir auch bei der Preisvergabe Rechnung getragen.“

So ist die drittplatzierte Künstlerin Sabine Ostermann für ihre texilartigen Reliefschnitte ausgezeichnet worden, die fast keinen Bildcharakter mehr, sondern eher eine objekthafte Wirkung haben. Mit dem zweiten Platz kürte die Jury Philipp Hennevogl und sein enorm aufwendig hergestelltes Werk „Neubau“, das die im Fensterglas gespiegelte Baustelle des Berliner Springer-Verlagsgebäudes von Rem Kohlhaas zeigt. Hauptpreisträgerin ist Ariane Fruit. Mit ihrem großformatigen, sich selbst in ihrem Atelier bei der Arbeit zeigenden Werk „Scène de crime“ hatte sie die Preisrichter „wahnsinnig beeindruckt“, wie Schenk-Weininger berichtet.

Sonderschau zu Rössing, Förch und Sartorius

Zu sehen ist die Ausstellung „Linolschnitt heute“ bis zum 6. Oktober. Komplementär zu den zeitgenössischen Künstlern zeigt die Galerie im Altbau in der Schau „Bekenntnis zum Gegenstand“, die bis 16. Februar 2020 läuft“, entdeckenswerte Linolschnitte aus dem eigenen Bestand. Im Fokus stehen dabei Karl Rössing (1897–1987), der als Professor an der Akademie der Bildenden Künste in Stuttgart wirkte und sich ab 1950 dem Linolschnitt zuwandte, und seine Schüler Robert Förch und Malte Sartorius. Die Ausstellung zeigt, wie der Lehrer die Schüler inspirierte, sie aber ihre eigenen Stile und Bildsprachen entwickelten.

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