Nichts geht mehr: Das Energetikom ist Geschichte. Foto: StZ

Erst scheitert das Ludwigsburger Kompetenzzentrum, dann versagen die Verfasser des Nachrufs. Oder wie war das mit dem guten, alten Besinnungsaufsatz?

Ludwigsburg - Und wir dachten, den guten alten Besinnungsaufsatz gebe es gar nicht mehr. Wer sich erinnert: Jene Textsorte, in der man sich den Kopf über so schwerwiegende Themen wie „Stimmt es, dass unsere Gesellschaft einem Jugendlichkeitswahn verfallen ist?“ oder „Immer mehr Menschen lassen sich operieren, um besser auszusehen. Was halten Sie davon?“ zerbrechen musste. Und zwar mit der diktatorisch-strengen Gliederung in These, Antithese und so weiter. Es war die einzige Gelegenheit, bei der man auch in der alten Bundesrepublik ungestraft das ansonsten verpönte Wort Dialektik in den Mund nehmen durfte. Aber dieser Tage wurden wir eines Besseren belehrt. Es gibt sie noch, die gute alte Erörterung. Doch der Reihe nach, fangen wir von vorne an.

Loblied auf das Energetikom

Wir müssen von einem Trauerfall berichten: Ein Ludwigsburger Leuchtturmprojekt ist hingeschieden. Das berühmte Netzwerk für Klimakompetenz, das Energetikom, hat sich selbst liquidiert. Eigentlich ist das schon im vergangenen Herbst passiert, und es wäre sicher schon längst eine Ludwigsburger Mooswand über diesen schmerzlichen Verlust gewachsen, wäre da nicht die CDU im Gemeinderat.

Diese pietätlose Truppe verlangte doch tatsächlich, dass die nächsten Angehörigen – also die Mitarbeiter des Referats Nachhaltige Stadtentwicklung – selbst den Nachruf schreiben. Angeblich wollten die Christdemokraten Genaueres über die Todesursache wissen. Wer’s glaubt! In Wirklichkeit tobt ein Erbstreit: Die Ludwigsburger haben Angst, dass ihnen etwas aus der Konkursmasse – Pardon: dem Nachlass – flöten gehen könnte. Doch damit haben sie nur erreicht, dass nun der ganze Kummer noch einmal hochgekocht ist.

Die Verfasser des Berichts orientierten sich an der Form des dialektischen Besinnungsaufsatzes, aber – wir sagen es besser gleich – sie schrammten nur knapp an der Themaverfehlung vorbei. Denn sie haben sich in der These verhakt, die da lautet: Das Energetikom ist so ziemlich das Größte und Innovativste, was jemals in der Region auf die Beine gestellt worden ist. „Das Energetikom wurde als interdisziplinäres Netzwerk von Akteuren aus den Bereichen Energie, Mobilität und Klimaschutz errichtet.“ Ein Netzwerk, „von dem Impulse für die nachhaltige Entwicklung der Stadt, des Kreises und der Metropolregion“ ausgegangen seien. „Ludwigsburg gelang dadurch der Zugang zu kompetenten Experten, die wichtige Impulse“ gegeben und Projekte der Stadt unterstützt hätten. Und so geht das in einem fort, die Schreiber kriegen sich gar nicht mehr ein.

Falsche Frage

Bis sie in diesem rasenden Galopp plötzlich über den Satz stolpern: „Nun stellt sich also die Frage, warum wird dann der Verein aufgelöst?“ Hoppla! Ja, tatsächlich, diese Frage haben wir uns auch schon die ganze Zeit gestellt. Die Antwort der Autoren (sprich: die Antithese) fällt etwas dürr aus. „Ein Beweggrund ist, dass das zeitliche Engagement der Energetikom-Mitglieder in Projekten immer weniger wurde.“ So war das also! Aber da tut sich uns doch gleich die nächste Frage auf: Warum drücken sich die Leute, wenn doch alles so super ist? Eine Antwort darauf gibt es in diesem Bericht nicht, ebenso wenig wie eine abschließende Würdigung und Einordnung des zuvor erörterten Sachverhalts, wie es in jedem guten Deutschaufsatz verlangt wird.

Stattdessen kommt man endlich auf das Erbe zu sprechen. Und siehe da: Die Stadt darf sich Hoffnungen auf die Hälfte des Vermögens machen. Das dürfte die CDU freuen. Aber wir stellen die Themafrage neu: War es das wirklich wert? Musste man dafür die Ruhe des Energetikoms stören und alte Wunden aufreißen? Schreiben Sie dazu bitte einen Besinnungsaufsatz!

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