Das Tablet ist inzwischen in etlichen Schulen genutztes Lernmittel. Im Bild Schüler aus dem hessischen Rüsselsheim. Foto: dpa

Das erste Jahr ist um: Der Computer hat den Unterricht an der Theodor-Heuglin-Gemeinschaftsschule in Ditzingen stark verändert – und zwar positiv. Ein Gespräch mit dem Rektor Jörg Fröscher über Musik, Altersunterschiede und überraschende Erfahrungen.

Ditzingen - Muss jeder Schüler sein Tablet haben? Ja, sagt der Schulleiter. Der Gemeinderat hatte heftig darüber diskutiert, ehe er den Kauf billigte.

Herr Fröscher, was haben Ihnen die Schüler im abgelaufenen Schuljahr beigebracht?

Sie haben mir ein paar Kniffs gezeigt, wie ich mein Tablet besser nutzen kann.

Zum Beispiel?

Ich habe jetzt einige Apps auf dem Gerät, die ich vorher nicht hatte. Ich bin in den Sozialen Netzen selektiver geworden. Auch die Schüler wissen in der Zwischenzeit recht genau, wo ihre Daten völlig offen liegen und wo diese etwas geschützter sind. Mit Facebook muss man vorsichtig umgehen und auch WhatsApp ist kritisch. Die Schüler kennen Alternativen.

Verlief das Jahr wie erwartet?

Ich war schon etwas überrascht über die Verantwortungsbereitschaft der Schülerinnen und Schüler, wie sorgfältig sie mit den Geräten umgehen. Auch werden die Regeln, die wir gemeinsam zur Nutzung des Geräts im Haus aufgestellt haben, zu 99 Prozent eingehalten.

Um was geht es?

Es geht darum, ob man mit dem Gerät chattet oder chillt oder in verbotene Bereiche geht. Es hat mich überrascht, dass die Schüler unterscheiden zwischen einem Gerät zuhause, dem Handy und dem Unterrichtsmedium Tablet. Ich hatte zunächst gedacht, wir hätten größere Probleme mit spielenden Gruppen. Doch sie sind absolute Ausnahmen.

Sollten die Tablets nicht ohnehin nur das enthalten, was die Schule zentral lädt?

Kennen Sie die technischen Fähigkeiten der Schülerinnen und Schüler?

Haben Sie die Schüler zu Nerds gemacht, die nicht mehr davon lassen können?

Die Schülerinnen und Schüler haben ihr Tablet meistens dabei, aber ich sehe hier keine rechteckigen Augen vor mir. Es wird eingesetzt, wenn es notwendig wird oder es die Lehrer angeordnet haben. Sie sind sehr selbstständig im Umgang mit dem Gerät. Das ist für mich sehr erfreulich.

Was ersetzt das Tablet?

Es kann recherchieren, dokumentieren. Und es kann für die Schüler im Bereich der Förderung und Individualisierung ein Medium sein, um einfach an Material heranzukommen, das für den einzelnen das ist, was er im Moment benötigt. Ein in sich geschlossenes Buch ist ein Durchgang von Seite 1 bis 150, während wir über das Tablet gezielt Material einsetzen können. Ich muss als Lehrkraft dafür sorgen, dass der Schüler an dem Punkt, an dem er angekommen ist, weiterlernen kann – für sich, aber auch in der Gruppe. Außerdem kann man damit kreativ tätig sein.

Inwiefern?

Ich erlebe, wie die Schüler mit dem Tablet Musik machen, wie sie mit Midifiles erstmals komponieren. Dass sie komponieren, habe ich vorher noch nicht erlebt. Das heißt nicht, dass wir hundert Schüler haben, die nur auf dem Tablet Musik machen. Wir legen sehr viel Wert auf das Erlernen eines Instruments. Aber es ist ein schönes Hilfsmittel für die, die keinen Zugang zum Instrument gefunden haben, um sie über das Tablet zur Musik zu bringen. Ähnliches gilt für die Kunst: Inzwischen bietet ein Tablet durch die hervorragenden grafischen Oberflächen jede Möglichkeit, künstlerisch tätig zu werden.

Wie gewährleisten Sie bei der Vielfalt des Materials die Qualität des Unterrichts?

Es gibt inzwischen von der Landeszentrale Hinweise zu geprüftem Material. Das ist eine gute Hilfe, weil der Markt immer unübersichtlicher wird. Nicht jeder Lehrer kann stets alles genau kontrollieren. Aber auch die Lehrkräfte finden einen Blick dafür, welche Erklärvideo einsetzbar sind. Ein Kriterium ist die Zeit. Auch Schüler schauen sich kein Erklärvideo über zehn, 15 Minuten an. Es muss klar und knapp sein.

Machen Schüler auch Videos?

Ja. Die Schüler mögen diese Videos zum Teil lieber als die der Erwachsenen. Die Ansprache ist eine andere, das kommt bei den Schülern an. Es ist ein Hobby, sich mit der Medienkompetenz im Netz darzustellen. Die haben Lust dazu, aber auch Lehrer machen das.

Und wie wird das Material beurteilt?

Das war früher einfacher: Das Kultusministerium genehmigte es, es konnte somit eingesetzt werden. Heute ist die Verantwortung des Lehrers deutlich größer.

Auch der Schüler recherchiert. Wie wird gewährleistet, dass er das Richtige wählt?

Im Brockhaus gab es früher auch Fehler. Aus der Gefahr kommen wir nie heraus.

Medienkompetenz ist heute also mehr, als einen guten Film, einen Text herauszusuchen. Wie wird man darin kompetent?

Das ist noch unser Hauptproblem. Ich habe das Gefühl, dass in der Bildungspolitik sehr viele Dinge eingeführt werden und die Lehrer erst danach darauf vorbereitet werden. Man müsste es umgekehrt machen. Das gilt für die Medienkompetenz, das gilt genauso für die Inklusion. Man hat die Inklusion eingeführt und bildet jetzt die Lehrer fort. Die Lehrer müssten das Medium in dem Moment, in dem es verbreitet ist, verantwortungsvoll, zielgerichtet didaktisch einsetzen. Hier fehlt es noch. Die Erfahrung mit dem Einsatz der Laptops oder Tablets ist noch nicht so groß, dass es eine riesige Bandbreite an Fortbildungsangeboten gäbe. Der Lehrer ist stark gefordert, es selbst zu lernen. Das war, als der Computer kam, genauso. Man hat uns gesagt, so jetzt lernt’s mal.

Wie geht Ihr Kollegium damit um?

Überraschend ist für mich, dass die jungen Lehrkräfte nicht automatisch eine hohe Medienkompetenz haben. Ich habe sehr erfahrene Kollegen, die sich eingearbeitet haben in das Thema, die eine genauso hohe oder gar höhere Medienkompetenz haben als jüngere. Die Problematik liegt darin, dass ich als Lehrkraft davon überzeugt sein muss, dass dieses Medium mir in meinem Unterricht, im Umgang mit den Schülern, in der Vermittlung und andererseits dem Kompetenzerwerb der Schüler hilft. Es besteht die Gefahr, dass man dem Neuen nicht immer so aufgeschlossen ist. Man hat ja zehn bis 15 Jahre Erfahrung mit herkömmlichen Methoden und mag vielleicht nicht unbedingt Neues lernen. Der größte Teil der Lehrkräfte an unserer Schule steht dem aber sehr offen gegenüber und wendet es auch an, mit mehr oder weniger Engagement. Inzwischen sind alle hier eingebunden, weil das System im Haus so ist.

Eine neue Lernkultur entwickelt sich

Wie wird das Tablet neben der Recherche zur Dokumentation genutzt?

Ich kann die Leistung des Schülers einfacher dokumentieren, etwa durch die Fotofunktion. Da wir keine Noten geben, können wir nicht mehr auf Exceltabellen zugreifen, in die man Noten einträgt und am Ende ein arithmetisches Mittel erhält. Ich muss den Lernprozess des Schülers dokumentieren, und das ist über ein IPad, das der Lehrer direkt dabei hat, viel einfacher. Wir haben online ein Dokumentationssystem, auch ein Vertretungslehrer hat jederzeit Zugriff auf die Leistung der Schüler und weiß deshalb auch im individualisierten Unterricht genau, wo der Schüler steht und wie er ihm helfen kann.

Sie geben keine Noten. Sie beschreiben daher den Erkenntnisgewinn?

Ja, der Kompetenzerwerb ist ein Prozess, diesen zu verfolgen ist mitentscheidend, um dem Schüler dadurch zu helfen, weiterzukommen. Es ist nicht mehr das Entscheidende, am Ende eine Klassenarbeit zu schreiben. Diesen Prozess muss ich aber dokumentieren, weil ich nicht nur drei oder vier Schüler habe.

Ihr Fazit fällt nach einem Jahr positiv aus?

Ja. Ditzingen ist die erste Kommune im Landkreis, die so offensiv an das Thema in allgemeinbildenden Schulen herangegangen ist. Mein Dank gilt deshalb dem Schulträger und dem Gemeinderat. Wir werden jetzt auch die Grundschulen in Ditzingen einbeziehen, aber nicht in dem Ausmaß, wie wir es im der Sekundarstufe machen. Wir werden die Schüler langsam heranführen. Es besteht inzwischen eine große Offenheit in der Kommune, das gefällt mir sehr. Wir haben erfahren, dass das IPad ein Hilfsmittel ist, das die Schüler sehr verantwortungsvoll nutzen und das sie auch weiterbringt. Wichtig ist allerdings, dass man dazu eine gute technische Ausstattung benötigt. Sonst nützt das alles nichts. Man braucht einen Breitbandanschluss, muss im Zimmer die Möglichkeit haben, zu visualisieren, was ein Schüler macht. Wenn er etwas auf dem Laptop gemacht hat, kann er sich auf dem Beamer einloggen und es allen anderen Schülern zeigen. Das ist eine große Hilfe, weil sich auch Schüler untereinander etwas erklären, das muss nicht immer gleich der Lehrer machen. Es entwickelt sich ein neues System der Kommunikation und gegenseitigen Unterstützung.

Es entwickelt sich eine neue Lernkultur?

Ja, aber die ist nicht nur abhängig vom IPad. Ich brauche zunächst den individualisierten Unterricht in einer heterogenen Schülerschaft, die ich in Kompetenzen unterrichte. Auf diesem Weg ist das IPad eine Unterstützung.

Wo wird die Schule in fünf Jahren sein?

Sie muss da sein, wo die Gesellschaft ist, auch wo die technische Entwicklung ist. Das ist nicht immer so gegeben. Die Schule ist meist 20, 30 Jahre hintendrein. Aber wir bemühen uns, auf dem Stand der Technik zu sein. Denn unsere Schüler kommen ins Berufsleben – und wo findet Digitalisierung statt? Nicht nur im Privatleben, sondern hauptsächlich im Berufsleben, darauf muss ich meine Schüler vorbereiten, auch auf einen kritischen Umgang mit den Medien. Deshalb wollen wir immer auf dem aktuellen Stand sein. So lange der Schulträger das finanziell mitmacht, machen wir das.

Schulleiter
Jörg Fröscher leitet seit 1998 die Theodor-Heuglin-Gemeinschaftsschule im Ditzinger Ortsteil Hirschlanden. Der 65-Jährige hat die Schule von der Grund- und Hauptschule über die Werkrealschule zur Gemeinschaftsschule geführt. Er ist früh die Kooperation mit dem Laserspezialist Trumpf eingegangen, was ihm auch Kritik eingebracht hat.

Schulgebäude
Die Theodor-Heuglin-Schule hat vor drei Jahren ihr 50-jähriges Bestehen gefeiert. Seit einigen Jahren wird sie grundlegend erneuert, alte Gebäude wurden abgerissen, neue errichtet. Mit dem Neubau wurden auch die grundlegenden, technischen Voraussetzung für ein digitales Lernen an der Schule geschaffen.

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