Der nach vier Jahren scheidende BDI-Chef Ulrich Grillo (links) und der neue BDI-Spitzenmann Dieter Kempf. Foto: Christian Kruppa

Dieter Kempf ist der neue BDI-Chef. Er löst Ulrich Grillo ab, der vier Jahre an der Spitze des Verbands stand. Neu ist, dass ein ehemaliger Manager der Dienstleistungssparte künftig den traditionsreichen Bundesverband der Deutschen Industrie führt.

Berlin - Es ist kein Zufall, dass sich der neue Verbandschef in einem Berliner Gründerzentrum den Journalisten präsentiert. Im „Open Innovation Space“ im hippen Stadtteil Prenzlauer Berg will der 63-Jährige zeigen, wie er die Zukunft der deutschen Wirtschaft sieht. Dort kommen Erfinder und Gründer zusammen, entwickeln Ideen und entwerfen Prototypen an 3-D-Druckern. Als eine junge Tüftlerin einen klassischen Webstuhl aus Holz vorführt, der digital gesteuert wird, ist Dieter Kempf begeistert. In der Zeit von 2011 bis 2015 führte Kempf als Präsident den Bundesverband Informationswirtschaft, Telekommunikation und neue Medien (Bitkom). Dieser Verband organisiert mit der Bundesregierung zusammen die IT-Gipfel. Das ist Kempfs Welt.

Dass ein ehemaliger Manager der Dienstleistungssparte künftig den traditionsreichen Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) führt, ist neu. In früheren Jahren leiteten die Chefs von Unternehmen den Verband, in denen es kochte, brodelte und spritzte. Der Exmanager eines Baukonzerns war ebenso dabei wie die Chefs von weltweit bekannten Maschinenbauern. Kempfs Vorgänger Ulrich Grillo, der vier Jahre an der Spitze des BDI stand, leitet eine Unternehmensgruppe, die in der Metallherstellung tätig ist. Die Nöte von Produktionsbetrieben kennt Kempf nicht aus erster Hand. Er war 25 Jahre lang Vorstandsmitglied des Softwareunternehmens Datev in Nürnberg, davon 20 Jahre lang als Vorstandsvorsitzender. Datev hat immerhin 7000 Beschäftigte und stellt Software für Steuerberater her. Der Betriebswirt Kempf kennt sich in der Steuerpolitik aus, was für den BDI von Vorteil ist. Im Frühjahr 2016 trat er in den Ruhestand, schon wenige Wochen später wurde er für den BDI nominiert.

Kempf ist sich bewusst, dass er künftig in einer anderen Liga spielt

Auch Kempf ist bewusst, dass er künftig in einer anderen Liga spielt. Der Präsident eines Branchenverbandes steht nicht so stark im öffentlichen Fokus wie ein BDI-Chef. In dieser Funktion wird er die Kanzlerin bei Reisen ins Ausland begleiten und bei internationalen Gipfeln mit dabei sein. Das Amt nötige ihm Respekt ab, sagt Kempf. Schon Grillo merkte schnell, dass ein großer Teil der Arbeitszeit auf Auslandsreisen entfällt. Für einen aktiven Manager keine leichte Aufgabe. Der neue BDI-Chef bringt jedenfalls Zeit mit.

In den Topetagen der meisten deutschen Großunternehmen muss sich Kempf erst noch bekannt machen. Auch ein Netzwerk, das frühere BDI-Chefs ins Amt mitbrachten, muss er sich noch aufbauen. Der Kontakt zur Politik ist aber schon da. Die Kanzlerin kennt er aus seiner Zeit als Bitkom-Präsident. Kempf hat sich eine umgängliche, bescheidene Art bewahrt. „Lassen sie sich durch mein Gerede nicht stören“, sagt er, bevor er zu einer kleinen Tischrede ansetzt. Die Industriebelange will er vertreten, indem er sich einmischt.

Kempf will wie sein Vorgänger sachlich und verbindlich auftreten

Der Lobbyist ist überzeugt davon, dass die Wirtschaft stärker deutlich machen muss, was wichtig für sie ist. „Wir müssen die Wirtschaft im 21. Jahrhundert anders erklären als im 20. Jahrhundert“, sagt Kempf. Die Gesellschaft habe höhere Ansprüche als früher und wolle genau wissen, warum bestimmte Gesetze und Abkommen wichtig sind. Hier sieht Kempf seine Stärken. Er will wie sein Vorgänger sachlich und verbindlich auftreten. „Ein Lautsprecher hat auf Dauer nicht mehr Erfolg“, meint er. Hinhören zu können betrachtet er als Tugend. Dass ein Teil der Bürger zunehmend verdrossen auf das politische System und die Wirtschaft reagiert, sieht er mit Sorge. Hier will er gegensteuern. Der Wirtschaft könne nicht gleichgültig sein, dass immer mehr Menschen der EU mit Ablehnung begegnen. Hier will er mit Beispieldeutlich machen, wie wichtig der gemeinsame EU-Binnenmarkt für Verbraucher und Unternehmen ist. „Wir müssen erklären, wie die Regale im Supermarkt ausschauen würden, gäbe es in Europa keine Freizügigkeit mehr“, sagt Kempf.

Wenig überraschend ist, dass Kempf in der Steuerpolitik vor Gefahren warnt. Die Grünen, die die Vermögensteuer einführen wollen, schadeten damit dem Mittelstand. Er hält es für unvereinbar, den Mittelstand fördern zu wollen und gleichzeitig die Vermögensteuer zu erheben. Für einen Industrievertreter bringt Kempf aber auch erfrischende Ansichten mit sich. Er scheut sich nicht davor, Tabus anzusprechen. Dass viele Leute über die horrenden Spitzengehälter in einigen Großkonzernen den Kopf schütteln, kann Kempf verstehen. Er mahnt dazu, dass die Verantwortlichen die öffentliche Debatte als Appell begreifen. Auch er ist der Meinung, es gebe einige Fälle, in denen „besonders über die Stränge geschlagen worden ist“.

Ein differenziertes Bild hat er auch in der Lohnpolitik. Dass junge Leute nach der Ausbildung erst einmal ein Praktikum angeboten wird oder sie oft nur befristete Anstellungen erhalten, hält Kempf für falsch. Es ist nahezu zur Gewohnheit geworden, nur noch Zeitverträge zu vergeben, sagt er. „Da muss die Industrie Selbstreinigung betreiben.“

Als er gefragt wird, wie er die Alternative für Deutschland (AfD) beurteilt, sucht er keine Zuflucht in diplomatischen Floskeln. Dass in der deutschen Politik mit Parteien wie der AfD mehr Populismus einziehen könnte, sieht er als Gefahr für den Standort. „Deutschland braucht Offenheit.“