John Cryan: Der Brite soll die Deutsche Bank zu ihrer alten Stellung zurückführen. Foto: dpa

Die Anteilseigner der Deutschen Bank sind sauer, sie werfen dem alten Vorstand Missmanagement vor und sind über das Bild der Bank erschüttert. Alle Hoffnung ruht nun auf John Cryan.

Frankfurt - Langweilig seien die Hauptversammlungen der Deutschen Bank in den vergangenen Jahren nie gewesen, sagte Klaus Nieding, der als erster Sprecher der Aktionäre in der Frankfurter Festhalle ans Rednerpult treten durfte. Für einen „Eintrittspreis“ von unter 15 Euro (dem aktuellen Kurs einer Deutsche-Bank-Aktie) werde schon sehr viel Unterhaltung geboten, scherzte der Vizepräsident der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW).

Das war’s dann aber auch schon mit Scherzen. Die gut 5000 Aktionäre, die nach Frankfurt gekommen waren, waren schlicht und einfach wütend. Und das nicht nur, weil der Aktienkurs in den Keller gerauscht ist und sie für das vergangene und auch für das laufenden Jahr auf eine Dividende verzichten sollen. Mindestens zehn Jahre Missmanagement hätten die Bank zu einem Sanierungsfall gemacht, urteilte der Fondsmanager von Union Investment, Ingo Speich. Auch jetzt, knapp ein Jahr nach dem (fast) kompletten Vorstandswechsel sei noch nicht klar, wie das einst so stolze Geldhaus wieder aus dem Schlamassel kommen soll. John Cryan, der Brite, der seit dem Ende der Hauptversammlung die Bank allein leiten wird, räumte ein, dass die Bank nicht mehr in der Mitte der Gesellschaft sei, dass viel Vertrauen zerstört und nicht nur die Aktionäre, sondern auch Mitarbeiter und Kunden verunsichert seien. Immer wieder erinnerten Aktionärssprecher an die Zeiten, als ein Alfred Herrhausen oder noch früher ein Hermann Josef Abs wie ein Fels in der Brandung standen, als die Stimme der Deutschen Bank nicht nur in der deutschen Wirtschaft, sondern auch in der deutschen Politik noch etwas wert war.

Lage des Instituts

Heute geht es auf den Aktionärstreffen der größten deutschen Bank nicht mehr um die große Weltpolitik, nicht einmal mehr um die finanzielle Lage des Instituts. „Ich muss meine ganze Redezeit damit vergeuden, mich um Corporate-Governance-Themen zu kümmern, kann keine einzige Finanzfrage stellen“, klagte einer der Aktionäre. Eine solide Unternehmensführung sieht in der Tat anders aus. Denn nicht nur der rigide Wechsel im Vorstand im vergangenen Sommer, sondern auch ein jüngst in die Öffentlichkeit getragener Streit im Aufsichtsrat sorgte unter den Anteilseignern für sehr viel Redebedarf. Um kurz vor 15 Uhr standen noch 45 Redner auf der Liste, Aufsichtsratschef Paul Achleitner musste die Redezeit auf fünf Minuten verkürzen, damit das Treffen noch vor Mitternacht zu Ende gehen könnte. Mit dem Verlust von fast sieben Milliarden Euro hatten sich die Aktionäre schon abgefunden, diese Zahl stand schon länger fest. „Aber wir sehen noch kein Ende“, schimpfte ein Sprecher. Schon über zwölf Milliarden Euro hat die Bank für teure Vergleiche in den zahlreichen Rechtsstreitigkeiten gezahlt, weitere 5,4 Milliarden sind bereits zurückgestellt und „es werden noch mehr Belastungen kommen“, wie der neue Konzernchef einräumte.

Gerade in dieser Frage hat der Aufsichtsrat und auch sein Vorsitzender Paul Achleitner sich aus Sicht der Aktionäre nicht gerade mit Ruhm bekleckert. Achleitner, der ehemalige Allianz-Vorstand und Goldman-Sachs-Manager, hatte zwar mit Georg Thoma einen Vertrauten in das Kontrollgremium geholt, der sich vor allem um die Aufklärung der Verfehlungen der Vergangenheit kümmern sollte. Doch dabei stieß Thoma nicht bei allen Aufsehern auf Gegenliebe, er habe zu viel Eifer entwickelt, klagte unter anderen der ehemalige SAP-Co-Chef Henning Kagermann. Der Streit wurde öffentlich, Thoma trat von seinem Amt zurück. Dazu wollten die Aktionäre mehr wissen, aber Aufsichtsratschef Achleitner blockte ab. Es sei mehr um das „Wie“ als um das „Ob“ gegangen. „Das Vertrauensverhältnis war derart belastet, dass der Rücktritt von Herrn Thoma schließlich im Interesse des Unternehmens war“, sagte der Österreicher, der sich gerne im kommenden Jahr zur Wiederwahl stellen würde – die Menge schwieg dazu.

Beifall für Fitschen

Lang anhaltenden Beifall gab es auf dem Aktionärstreffen nur für den scheidenden Co-Vorstandschef Jürgen Fitschen, der nach 30 Jahren in den Ruhestand geht, der Bank aber noch beratend zur Verfügung stehen wird. Verhaltener war der Applaus für John Cryan, dem zwar viele Aktionärssprecher ihr Vertrauen versicherten, der es aber dennoch versäumte, eine klarere Strategie vorzustellen. Nicht wenige Anteilseigner haben Zweifel daran, dass der Brite auch noch der Richtige ist, wenn die Bank in einigen Jahren das Gröbste hinter sich hat. „Wenn irgendwann wieder Licht am Ende des Tunnels erkennbar wird, erwarten wir von ihnen auch eigene strategische Impulse zur Weiterentwicklung der Bank“, forderte Fondsmanager Speich. Cryan betonte, er sehe sich nicht ausschließlich als Sanierer. „Wir, dieses Team hier vorne, werden mit Rückendeckung des Aufsichtsrats die Deutsche Bank wieder auf die Wachstumsstraße bringen.“ Beim Umbau der Bilanz habe das Geldhaus bereits einen Großteil des Weges hinter sich. „Wir sind besser als unser Ruf. Viel besser sogar!“ Das muss er aber erst noch beweisen.

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