Lars Eidinger als Nikolaus II. in „Mathilde“ mit Michalina Olszanska in der Titelrolle Foto: Kinostar Filmverleih

In „Mathilde“ spielt Lars Eidinger die Zaren-Rolle. Jetzt hat er den in Russland heftig angefeindeten Historienfilm, der an diesem Donnerstag in die Kinos kommt, in Stuttgart vorgestellt.

Stuttgart - Der unsachgemäße Gebrauch eines Nahrungsmittels bringt manchen auf die Palme. Das musste Lars Eidinger auf erschreckende Art und Weise erfahren. In diesem Fall ging es um die Wurst, die sich der Mime, rein beruflich, in der Rolle des Alceste aus Molières „Menschenfeind“ in den Allerwertesten gesteckt hatte. Beim Youtube-Kanal „Diss-Like“ gibt es ein lustiges Video, in dem Eidinger charmant und in expliziter Sprache Menschen antwortet, die ihm unter seltsamen Pseudonymen Hass-Mails geschrieben hatten. Auch die Causa Wurst ist Thema. „Wenn man ein Wiener Würstchen hat, muss man es am Anfang nehmen, sonst bricht es sofort ab. Beim Knacker ist es viel leichter, Bockwurst würde ich keinem empfehlen“, sagt Eidinger grinsend in die Kamera.

Natalja Poklonskaja, die kremltreue Duma-Abgeordnete und frühere Generalstaatsanwältin der Krim, ließ sich von Eidingers Humor allerdings nicht entwaffnen. Das Würstchen im Hintern war der strenggläubigen Verehrerin von Zar Nikolaus II. ein Pfahl im Fleische, gar der Beweis, dass der Schauspieler ein „schwuler Pornodarsteller und Satanist“ sei – und definitiv kein Kandidat für die Rolle des Zaren in einem Spielfilm. Der Stein des Anstoßes, der Film „Mathilde“, der von einer Liaison des Zarewitsch mit mit einer Ballerina erzählt, ist inzwischen in der Welt und hat in Russland heftige Proteste orthodoxer Christen und Royalisten provoziert.

Der Hass der Orthodoxen

Der russische Regisseur Alexei Uchitel, ein seriöser älterer Herr, der zusammen mit Eidinger den Film jetzt in Stuttgart vorgestellt hat, wurde massiv bedroht, weil er den im Jahr 2000 heilig gesprochenen Monarchen als romantischen Liebenden zeigt: in den Augen der russischen Orthodoxie ein Sakrileg! Doch wie ist er ausgerechnet auf den Deutschen Lars Eidinger als Zaren-Darsteller gekommen sei?

Er habe, sagt Uchitel, Eidinger bei einem Gastspiel in Russland als Hamlet gesehen. Die Darbietung habe ihn beeindruckt. Eigentlich sollte Eidinger die Rolle des Dr. Fischel übernehmen, die nun aber der künstlerische Leiter der Berliner Schaubühne, Thomas Ostermeier, im Film verkörpert. „Beim Casting stellten wir fest, wie ähnlich Lars dem Zaren sah“, so Uchitel. Die Angriffe der Orthodoxen auf den Film habe er nicht erwartet. „Wir haben während des Drehs immer wieder die Presse eingeladen und waren sehr offen.“ Für Eidinger war der auf ihn gemünzte Hass beunruhigend. „Bisher war mir so etwas in der Form nicht begegnet. Mit mir als Person hat das aber nichts zu tun. Die Bilder, die bemüht werden, um mich anzuklagen, stammen alle aus theatralen Zusammenhängen.“

Auf seine Mitwirkung in den von Natalja Poklonskaja bewusst missverstandenen Arbeiten an der Berliner Schaubühne ist er stolz. „Ich wollte wegen Thomas Ostermeier an dieses Theater, habe aber zwei Jahre gar nicht mit ihm gearbeitet.“ Inzwischen sind Ostermeier und Eidinger ein Team, in einem Video sieht man die beiden beim Hackepeter-Schmaus im Berliner KaDeWe. Ostermeiers Aufmerksamkeit musste sich Eidinger allerdings erst erarbeiten. Eine kleine Rolle in Christina Paulhofers Inszenierung von „Macbeth“ brachte den Durchbruch. „Thomas war beeindruckt, dass jemand soviel aus einem kleinen Auftritt macht.“

Rollenangebote Schlag auf Schlag

Seitdem ist Lars Eidinger fast in sämtlichen Produktionen des renommierten Hauses vertreten, er spielt hochtourige, komplexe Charaktere wie Shakespeares Super-Schurken „Richard III.“ mit vollem Körpereinsatz und unbändiger Lust. Der Beruf habe etwas Rauschhaftes, man gerate schnell in eine Art Abhängigkeit, sagt der radikale Spieler Eidinger. „Man gewinnt eine Intensität im Leben, eine Euphorie in den Extremzuständen auf der Bühne, die will man ständig haben. Ich bin schon ein Getriebener.“

In der Tat, Eidingers Rollenverzeichnis ist nicht nur beachtlich lang, sondern auch bemerkenswert vielfältig. Bis 2009 trat er nur sporadisch in Filmen auf. Seitdem geht es aber Schlag auf Schlag: Neben Birgit Minichmayr spielte Eidinger in Maren Ades preisgekröntem Beziehungsdrama „Alle anderen“, es folgten Auftritte beim „Polizeiruf 110“ und beim „Tatort“, wo er dreimal den Mörder gab. Mit Kristen Stewart spielte er in Olivier Assayas Geisterdrama „Personal Shopper“. In der britischen Mini-Serie „SS-GB“, die vom 14. November an bei RTL Crime ausgestrahlt wird, gibt er an der Seite von Sam Riley den Nazi Dr. Huth. Die Serie schildert in Form eines alternativen Was-Wäre-Wenn-Szenarios die Verhältnisse nach dem fiktiven Sieg Hitler-Deutschlands über Großbritannien. Und auch in „Babylon Berlin“, seit Oktober beim Pay-TV-Sender Sky, wirkt Eidinger mit.

„Autistic Disco“ als Theatervergnügen

Gibt es denn unterschiedliche Herangehensweisen bei Theater-, Film- oder Serienstoffe? „Ich habe keine Spielweise für mich entwickelt, die ich jeder Figur überstülpen kann. Vom Format selbst mache ich mich jedenfalls nicht abhängig“, sagt Eidinger: Der Inhalt bestimme den Zugriff des Schauspielers auf seine Rolle.

Seit 2001 tritt er auch regelmäßig als DJ in seiner Heimspielstätte, der Schaubühne am Lehniner Platz, auf. „Autistic Disco“ heißt die Veranstaltung, die trotz des schrägen Titels keine Party für notorische Einzelgänger ist. „Inzwischen kommen über 1000 Leute. Sie sind froh, sich auch mal ein bisschen unter ihrem Niveau amüsieren zu dürfen.“ Gerade ist sein erstes eigenes Album „I‘ ll break ya legg“ von 1998 wiederveröffentlicht worden. Elf elektronische Stücke sind darauf, instrumentaler Hip Hop in angenehm schleppendem Tempo. Manchmal muss eben auch ein Lars Eidinger den Fuß vom Gas nehmen.

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