Hält nichts von einer Rückkehr zu G 9: Ulrich Trautwein Foto: factum//Andreas Weise

Gerade Kinder mit Migrationshintergrund bräuchten schon im Kindergarten mehr Hilfe, sagt Bildungsforscher Ulrich Trautwein. Die soll nun kommen – trotz aller Bedenken.

Tübingen/Stuttgart - In Baden-Württemberg soll künftig bereits im Kindergarten mit dem Lernen begonnen werden. Dies helfe besonders den Schwächeren, meint der Tübinger Bildungsforscher Ulrich Trautwein, der Kultusministerin Susanne Eisenmann (CDU) bei der Umsetzung von Reformen berät. Laut Trautwein könnte das Land so den Anteil schlechter oder bereits abgehängter Schüler verringern. „In erfolgreichen Bildungssystemen wird bereits in der Vorschule begonnen, Kindern das beizubringen, was sie für die Schule brauchen“, sagte er im Interview mit unserer Zeitung.

Den Einwand, man raube den Kindern dadurch die Kindheit, hält Trautwein für abwegig. „Das Gegenteil ist der Fall“, sagte er. „Ein Kind will spielerisch lernen, und wer ihm das verwehrt, macht sich an ihm schuldig.“ Laut Trautwein gibt es in Baden-Württemberg „viel zu viele Schüler, die am Ende der vierten Klasse immer noch nicht flüssig lesen können“. Andere Bundesländer würden diesbezüglich zum Teil besser dastehen. Ein Grund dafür sei zwar, dass der Südwesten überdurchschnittlich viele Schüler mit Migrationshintergrund habe. Eine Rechtfertigung könne dies aber nicht sein. „Wenn wir sagen, dass wir es nicht schaffen, Schülern mit Zuwanderungshintergrund gute Bildungschancen zu eröffnen, ist das eine Bankrotterklärung“, so Trautwein.Rund ein Drittel der Kindergarten-Kinder im Land hat laut Untersuchungen sprachlichen Förderbedarf. Kultusministerin Eisenmann hat bereits angekündigt, in den kommenden Jahren sehr viel mehr Geld in die Ausbildung von Erzieherinnen stecken zu wollen. Bis zum Endausbau im Jahr 2024 wolle man insgesamt 80 Millionen Euro mehr pro Jahr investieren. Außerdem soll ein neues Institut, das „Forum frühkindliche Bildung“, die Kindergärten wissenschaftlich darin beraten, wie man am besten frühkindliche Bildung macht.

Vom Rückkehr zu G9 hält der Bildungsforscher nicht viel

Laut den jüngsten Pisa-Ergebnissen, die Anfang Dezember vorgestellt wurden, kann jeder fünfte 15-jährige Schüler in Deutschland nicht richtig lesen. „Deutschland befindet sich wieder im Abwärtstrend“, so Trautweins Befund. Für Baden-Württemberg, das schon lange in Bildungsvergleichen auf dem absteigenden Ast ist, hat er Hoffnung, wenn die Reformen umgesetzt werden. Von populären Forderungen wie einer Rückkehr zum neunjährigen Gymnasium (G 9) hält der Forscher nicht viel. Er hätte G 8 vor 15 Jahren gar nicht erst eingeführt, so Trautwein „das war eine überflüssige Reform.“ Jetzt aber das Rad zurück zu drehen, „würde kaum etwas bringen und sehr viel Geld und Kraft binden, die wir für Wichtigeres brauchen, nämlich für mehr Qualität in Kindergarten, Schulen und beruflicher Ausbildung.“ In Baden-Württemberg ist G 8 politisch umstritten. Als Kompromiss gibt es inzwischen landesweit 44 Gymnasien, an denen wieder ein Abitur nach neun Jahren möglich ist.

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