Der Einzelhandel ist ein Teilbereich, mit dem sich der Verein befasst. Foto: factum/

Örtliche Unternehmen, Handel und Dienstleistung haben sich zusammengeschlossen. Seit mehr als einem Jahr ist dieser Verbund, der bewusst kein Bund der Selbstständigen sein möchte, ohne Vorsitzenden. Wie notwendig ist ein Verein für die Wirtschaft, wenn niemand dessen Chef werden will?

Ditzingen -

Der Vorstand der Aktiven Wirtschaft Ditzingen (AWD) bangt um die Zukunft des Vereins. Guido Braun und Martin Böpple sind zwei von drei Mitgliedern, die den Verein kommissarisch führen. So dürfe es nicht bleiben, fordern sie und finden deutliche Worte.

Herr Braun, seit mehr als einem Jahr hat die AWD keinen Vorsitzenden mehr. Ist der Wirtschaftsverein so unattraktiv?

Guido Braun: Das ist kein AWD-spezifisches Problem, sondern ein allgemeines. Im Vereinsbereich, ob Sport, Kultur oder Wirtschaft, gibt es auch in anderen Städten und Gemeinden zunehmend Probleme, qualifizierte Leute zu finden, die sich für die Ziele eines Vereins engagieren. Wir werden die Mitgliederversammlung wahrscheinlich wieder ohne ersten Vorsitzenden beenden. Aber wir müssen ein Signal setzen, dass es so auf Dauer nicht weitergehen kann und darf.

Was sind denn die Ziele der AWD?

Braun: Grundsätzlich hat der Wirtschaftsverein zum Ziel, Sprachrohr und Interessensvertreter aller Wirtschaftsbereiche der Stadt zu sein. Wir sind nicht der klassische Bund der Selbstständigen (BDS). Die Struktur ist bewusst gewählt, um für Handel, Handwerk und größere Unternehmen eine Anlaufstelle zu sein. Er soll für Wirtschaftsthemen und Standortgestaltung gleichermaßen ein guter Partner zu sein.

Um welche Themen geht es derzeit?

Martin Böpple: Wir wollen den Einkaufsgutschein digitalisieren, das Projekt läuft sehr gut und er bindet auch Kaufkraft.

Mitglieder sind aufgefordert, sich einzubringen

Guido Braun: Um Handel alleine geht es nicht, es gibt auch andere Wirtschaftsthemen. Wir verstehen uns aber nicht als einziger Impulsgeber örtlicher Unternehmen. Die Mitglieder müssen schon auch ihre Themen einbringen. Ich habe immer wieder betont, dass das Interesse der Unternehmen größer sein könnte. Wir wünschten, es gebe deutlichere Signale, dass man den Wirtschaftsverein auch benötigt.

An was machen Sie das fest?

Braun: Es kommen zwar ab und zu Anregungen. Aber wir hören immer wieder von Unternehmen die Frage, was es bringe, in der AWD zu sein. Ich frage stets zurück: Welche Themen interessieren Euch, was sollen wir auf die Agenda setzen?

Die Zeiten, in denen namhafte Unternehmer im Vorstand vertreten waren, sind vorbei.

Braun: Der Grundgedanke war, dass wir nicht nur als ein Verein für Handel und Handwerk gesehen werden. Das Ziel war unter anderem, mit den größeren mittelständischen Unternehmen in Kontakt zu treten, um Projekte anzugehen, über das Übliche hinaus. Es wäre schön, wenn größere Unternehmen wieder Vertreter in den Verein schicken würden. Und wenn sich der Unternehmer vor Ort als Persönlichkeit in den Verein einbringt.

Der verstorbene Trumpf-Chef verkörperte die Aufbruchstimmung

Professor Leibinger saß einst im Präsidium. Ihm folgte kein Unternehmer nach.

Braun: Mit Professor Leibinger wurde der Wandel vom BDS zur AWD gestaltet, er stand auch für diese Aufbruchstimmung. Dass Trumpf, Thales und Bürger beispielsweise nicht den Verein brauchen, um ihre wirtschaftlichen Interessen zu vertreten, war schon immer klar. Darum ging es nicht, sondern darum, zu zeigen, dass es eine große Klammer gibt. Dass sich unter demselben Dach alle wiederfinden.

Die Theorie klingt gut, funktionierte das wenigstens zu Beginn auch in der Praxis?

Braun: Weniger. Wir waren sehr dankbar, dass sich Professor Leibinger dafür eingesetzt hat, zusammen mit Horst Brose und Oberbürgermeister Michael Makurath, sodass aus verschiedenen Bereichen Repräsentanten im Verein waren, um ein Signal zu setzen. Aber auf der Arbeitsebene sind wir nicht sehr weit gekommen, etwa um übergeordnete Themen umzusetzen.

Böpple: Die Satzung gibt es her. Es wäre wichtig, dass wir uns breiter aufstellen, dass Vertreter aus anderen Wirtschaftsbereichen, auch aus Vereinen und Verbänden Interesse zeigen.

Warum ist die Umsetzung des Vereinsziels so schwierig?

Braun: Gegenwärtig floriert die Wirtschaft. Man hat nicht den Eindruck, der Verein fehle als Impulsgeber für die Wirtschaft. Sonst gäbe es mehr Rückmeldungen und Input. Den Standard – Einkaufsveranstaltungen, handelsbezogene Marketingveranstaltungen – machen wir seit vielen Jahren gut. Wirtschaft ist aber nicht nur Handel und Handwerk. Es geht auch darum, Netzwerke zu bilden. Da gibt es Ansätze, dann stockt es wieder.

Böpple: Wir verzeichnen jedes Jahr Eintritte. Wir haben konstant zwischen 80 und 100 Mitglieder. Es ist also nicht so, dass die Mitglieder verschwinden würden.

Ein Interessenvertreter gegenüber der Stadt

Braun: Es fehlt an Mitstreitern, die bereit sind, Verantwortung zu übernehmen und sich in ein Amt wählen lassen. Wenn wir nächstes Jahr wieder keinen Vorsitzenden finden, dann muss man schon fragen, ob die Wirtschaft den Verein noch braucht. Ich würde das sehr bedauern, weil ein gut funktionierender Wirtschaftsverein der Stadt weiterhin gut zu Gesicht stünde, der als Interessenvertreter gegenüber der Stadt und anderen auftritt.

Ist die Konzeption denn dann noch richtig?

Braun: Aus meiner Sicht unbedingt, weil es eine enge Kooperation mit kurzen Wegen ermöglicht. Die Stadt ist ein großer Motor, die AWD kommt aber auch mit eigenen Themen, wie etwa die Initiative zum Kunsthandwerkermarkt. Das Wirtschaftsgespräch aber, also der Austausch der Unternehmen mit der Stadt, hat seit vielen Jahren nicht mehr stattgefunden.

Woran liegt das?

Braun: Weil die Manpower fehlt. Es stellt sich die Frage, ob wir uns zur Unterstützung des ehrenamtlichen Vorstands neu aufstellen müssen, die Arbeit also nicht nur als Ehrenamt zu bewerkstelligen ist.

Professionalisierung des Ehrenamtes

Sie suchen einen Geschäftsführer?

Braun: Das wäre zu viel, wir benötigen eine Geschäftsstelle.

Herr Böpple, inwiefern profitieren Sie von der AWD?

Böpple: Für uns Handwerker ist die Ditzinger Messe eine elementar wichtige Präsentationsmöglichkeit. Wir haben außerdem die Einführung des Handwerkerausweises nachdrücklich unterstützt.

Das erlaubt das Parken an bestimmten Bereichen im Ort.

Braun: Das sind Einzelthemen. Generationsfreundliches Einkaufen etwa ist ein Projekt des Handelsverbands Baden-Württemberg. Wir wollen dafür werben, dass sich unsere Mitglieder dem anschließen. Mitglied David Matkovic vom E-Center wurde bereits ausgezeichnet. Wenn wir zertifiziert werden, ist das nicht nur ein Imagefaktor, sondern auch ein Service für die Bürger. Aber es müssen auch genügend mitmachen.

Das bringt dem Malerbetrieb wenig.

Böpple: Wir beobachten in Ditzingen, dass immer mehr Handwerksbetriebe aus den umliegenden Kommunen kommen. Wir könnten als AWD daran arbeiten, dass die ortsansässigen Betriebe mit ihrer Leistungsfähigkeit besser von den Ditzingern wahrgenommen und gegebenenfalls auch beauftragt werden.

Braun: Die Strohgäu-Handwerker sind ein guter Ansatz. Aber es ist eben nur ein Ansatz. Zur Vertiefung müsste man ins Gespräch mit den Handwerkern kommen. Dafür geworben ist schnell, aber für die Inhalte – was können wir den Kunden vermitteln – fehlt es an Konzepten und Projekten. Dazu brauchen wir die Fachleute, die Mitglieder. Wir sollten nicht nur alle fünf Jahre unsere leistungsfähige Wirtschaftskraft auf der Messe präsentieren.

Den Blick auf die Zukunft gerichtet

Das Vorhandene reicht nicht aus?

Braun: Der verkaufsoffene Sonntag ist traditionell und eingeführt, aber er ist nicht mehr der Weisheit letzter Schluss. Ditzingen mobil, eine Fachmesse für Zweiräder und Automobil die weiterentwickelt wurde, ist für mich ein Beispiel für eine gute Veranstaltung, die der Wirtschaft dient. Aber das ist ja nicht alles. Doch der Verein muss erst mal wieder eine stabile Struktur bekommen mit vollständigem Vorstand. Wir sind in einer komfortablen Situation, denn die AWD ist nicht alleine, sondern mit der Stadt eng verbunden. Das ist eine gute Ausgangssituation, um die uns viele beneiden.

Böpple: Wir brauchen neue Ideen, neue Themen, neue Köpfe.

Warum gerade jetzt?

Braun: Jetzt ist es Zeit, den Verein so zukunftsfähig so aufzustellen, dass eine Aufbruchstimmung damit einhergeht. Es kommen ja vielleicht auch mal wieder schwierigere Zeiten. Dann wäre es vielleicht zu spät.

Ist die Einrichtung einer Geschäftsstelle schon beschlossen?

Braun: Nein, wir müssen uns nun konkreter damit befassen.

Die Voraussetzung für einen funktionierenden Wirtschaftsstandort

Was soll dann anders werden: soll gleich das große Konzept umgesetzt werden?

Braun: Wir müssen versuchen, uns mit vielen kleineren Schritten breiter aufzustellen, um Wirtschaftsthemen zu vermitteln. Wir müssen nicht gleich große Würfe machen. Das können wir sowieso nicht, da müssen wir realistisch sein. Wir müssen mit kleinen Projekten dafür sorgen, dass man wahrnimmt, dass sich im Wirtschaftsbereich Ditzingens viel bewegt. Für den Standort müssen wir derzeit fast gar nicht werben, der läuft zurzeit quasi von selbst.

Warum sollen die Großen Mitglied werden?

Braun: Für ihre Ziele alleine sicher nicht. Aber in der Solidargemeinschaft wäre es schön, wenn wir vom großen Unternehmen genauso Impulse bekommen würden, wie der kleine Händler oder Handwerksbetrieb. Sie haben natürlich alle unterschiedliche Anliegen, aber im Großen und Ganzen trägt jeder Betrieb zur Belebung des Wirtschaftsstandorts auf seine Weise bei.

Böpple: Die Mitgliedschaft ist schon eine gute Basis. Aber die Mitarbeiter der großen Firmen leben auch hier, sie profitieren davon. Ein Wirtschaftsstandort funktioniert nur dann gut, wenn sich alle einbringen.

In zwei Jahrzehnten vom BDS zur AWD

Vergangenheit
Vor ziemlich genau 19 Jahren hoben 20 Gründungsmitglieder die „Aktive Wirtschaft Ditzingen“ aus der Taufe. Dem Präsidium gehörte der langjährige Vorsitzende des Bund der Selbstständigen (BDS), Horst Brose, der Oberbürgermeister Michael Makurath und der damalige Trumpf-Chef Berthold Leibinger an. Der BDS ging in dem neuen Verein auf.

Gegenwart
Seit die Vorsitzende Milena Cobisi 2017 nicht mehr für das Amt kandidierte, ist der Posten vakant. Martin Böpple, Guido Braun und seit dem vergangenen Jahr Christoph Kämpf führen den Verein in ihrer Eigenschaft als stellvertretende Vorsitzende. An diesem Donnerstag findet die Mitgliederversammlung des Wirtschaftsvereins in Ditzingen statt.

Zukunft
Mit Christoph Kämpf vom gleichnamigen „Mode + Schuh Kämpf“ ist die nächste Generation in den Vorstand des Vereins aufgerückt. Kämpf ist ebenso stellvertretender Vorsitzender wie der selbstständige Malermeister Martin Böpple (57) und Guido Braun (54), Leiter des Haupt- und Personalamts der Stadtverwaltung und mitverantwortlich für das Stadtmarketing.

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