Schreibt Schauspielern Paraderollen auf den Leib: der in Dettenhausen geborene Schriftsteller und Drehbuchautor Felix Huby Foto: Leif Piechowski

Schreibblockaden kennt er nicht. Und so haben Fernsehzuschauer dem Schriftsteller Felix Huby jede Menge markante Figuren zu verdanken. Am 21. Dezember feiert er seinen 80. Geburtstag.

Stuttgart - Eigentlich hätten sich die Saarbrücker Verbrecher zur Amtszeit des „Tatort“-Kommissars Max Palu schämen müssen: Wie konnten sie einen solch angenehmen Zeitgenossen vom Essen und so kulinarischen Eigenkreationen wie Wachteln in Pflaumenjus wegzwingen? Schwang sich Palu trotz einer gewissen Leibesfülle dann doch sportlich und umweltbewusst in den Rennradsattel, ertönte eine Montmartre-Akkordeonmelodie, die verkündete: Ein Philanthrop rollt an.

Der im März verstorbene Jochen Senf, der Max Palu von 1988 bis 2005 unnachahmlich verkörperte, lebte in Berlin. In Charlottenburg frequentierte er ein traditionsreiches Delikatessengeschäft mit angeschlossenem Fisch-Imbiss. Dort wird er sich zu Austern und Weißwein auch mit Felix Huby getroffen haben, dem Schöpfer des Palu. 1991 zog Felix Huby, der am 21. Dezember 1938 in Dettenhausen bei Tübingen als Eberhard Hungerbühler geboren wurde, ins chaotisch aufregende Nach-Wende-Berlin. Einem Interview zufolge tat er dies, weil er ohnehin wegen des Fernsehens dort viel zu tun hatte, und weil seine aus Ostpreußen stammende Frau sich dort wohler fühle. Gemeinsam erkundeten sie mögliche Schauplätze für Hubys jüngste, von Fabian Busch gespielte Kommissars-Kreation Peter Heiland. Sein Verhältnis zur Hauptstadt, in der ja immer wieder geschmacklose Anti-Schwaben-Provokationen aufwallen, bezeichnet Huby als ambivalent: „Wenn man jedoch gelernt hat, mit den Berlinern so umzugehen, wie sie mit einem selbst umgehen, dann kommt man gut mit ihnen zurecht.“

Er schreibt Schauspielern Paraderollen auf den Leib

„Gäbe es Bienzle nicht – Palu wäre mein absoluter Lieblingskommissar“, gesteht Felix Huby auf seiner Homepage. Zu vier der 18 Palu-Fälle verfasste er das Drehbuch, darunter natürlich für den Eröffnungsfilm „Salü Palu!“, mit dem der frankophile Genussmensch den recht mürrischen Kommissar Schäfermann ablöste. Aber auch anderen schrieb er Paraderollen auf den Leib: Robert Atzorn zum Beispiel mit der Hauptrolle in der Serie „Oh Gott, Herr Pfarrer“ und dem Hamburger „Tatort“-Kommissar und He-Man Jan Casstorff. Außerdem entwickelte er die von Iris Berben verkörperte Figur der Rosa Roth, verfasste einen von zwei Pilotfilmen für Götz George als „Tatort“-Revolutionär Horst Schimanski und schickte den wegen seiner mimischen Präsenz unvergesslichen Klaus Löwitsch als rauhen Hafendetektiv Stepanek im verbeulten Armeejeep los.

Hubys bekannteste Schöpfung ist und bleibt jedoch der leidenschaftliche Stuttgarter Ernst Bienzle, verkörpert von dem 2016 verstorbenen Dietz-Werner Steck. Auch er ist wie sein Kollege Palu mehr Menschenfreund als Moralist, spricht seinem Viertele Trollinger zu und hält in unverbrüchlicher Liebe an der kapriziösen Hannelore fest, dargestellt von der kongenialen Rita Russek. Selten hat sich ein „Tatort“-Kommissar so sehr in die Herzen der Zuschauer gespielt, vor allem der württembergischen. Seit Bienzles Demission kommt im „Tatort“, der doch alle deutschsprachigen Regionen widerspiegeln soll, so gut wie kein Dialekt mehr vor. Dabei hatte Felix Huby seinen Helden Ernst Bienzle zunächst als Romanfigur entworfen – 14 Bücher und 25 Filme hat er dem „schwäbischen Columbo“ mit Herrenhut und Staubmantel gewidmet.

Ein Lehrer entdeckte sein Talent zum Dialogschreiben

Die Schreibhemmung als das Schreckgespenst aller Kreativen ist Felix Huby zum Glück immer fremdgeblieben. Ein Lehrer entdeckte sein Talent zum Dialogschreiben. Nachdem Huby wegen Schummelns durch die Abiturprüfung gefallen war, volontierte kurz er bei der „Schwäbischen Donau-Zeitung“ (der heutigen „Südwestpresse“), um alsbald als Lokalredakteur in Blaubeuren anzufangen. Krönung seiner journalistischen Karriere war die Stelle als Baden-Württemberg-Korrespondent des „Spiegel“. In dieser Funktion deckte er maßgeblich die NS-Vergangenheit des Ministerpräsidenten Hans Filbinger auf, was 1978 zu dessen Rücktritt führte. Als Berichterstatter der RAF-Prozesse in Stuttgart-Stammheim vollendete er während der Verhandlungspausen seinen ersten Kriminalroman. 1979 beschloss er, freier Schriftsteller zu werden, allerdings mit dem Privileg einer Rückkehrmöglichkeit zum „Spiegel“.

Sein bewegtes Reporterleben lange vor der großen Zeitungskrise hat Felix Huby seit 2014 in einer bei Klöpfer & Meyer erschienenen Romantrilogie rund um sein alter Ego Christian Ebinger festgehalten. Nach „Heimatjahre“ und „Lehrjahre“ liegt nun der Abschlussband „Spiegeljahre“ vor, wie stets plastisch und spannend zu lesen, vor allem dank der lebensechten Dialoge: „Hans Filbinger trat vor die Tür, um die beiden Journalisten in Empfang zu nehmen. ‚Da sind Sie ja‘, sagte er in seinem weichen, singenden badischen Ton und reichte den beiden die Hand. ‚Dann wollen wir mal sehen, dass wir es hinter uns bringen.‘“ Hoffentlich steht der so beneidenswert produktive Felix Huby den Feierlichkeiten zu seinem heutigen achtzigsten Geburtstag positiver gegenüber.

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