Die trächtigen Kühe haben ein besonders dickes, gemütliches Strohbett. Foto: Werner Kuhnle/Werner Kuhnle

Wer Kühe hält, muss früh aufstehen. Und gut organisiert sein. Auch wenn die Technik in vielen Bereichen unterstützt, bleibt immer noch viel Handarbeit zu tun.

Steinheim-Höpfigheim - Es ist sechs Uhr früh, und rund um den Steinheimer Teilort Höpfigheim herrscht noch weitgehend Ruhe. Doch am äußeren Ortsrand, auf dem Häslachhof, sind alle schon putzmunter. Nicht nur die Familie Renz und die Mitarbeiter des Familienbetriebs, sondern auch die rund 115 Kühe. Sie scheinen zu wissen, dass es nun gleich zum Melkstand geht. Schwer hängen die Euter der schwarz-weißen Holsteiner herunter, die den größten Teil der Herde ausmachen. Maik Schiele und Florian Eisenmann treiben die Rinder vom Offenstall nacheinander in den Durchgang, der zum sogenannten Laufhof führt. Dort warten die Kühe geduldig, bis im Melkstand, an dem 24 Tiere gleichzeitig gemolken werden können, Platz frei wird.

Hier stehen die Kühe in zwei Reihen, fein säuberlich mit dem Hinterteil und vor allem natürlich mit dem Euter in Richtung des Mittelgangs ausgerichtet. Stünden sie anders herum, könnten sie locker auf die Menschen herabsehen. Denn der Melkstand ist erhöht, damit die Melkzeuge in bequemer Arbeitshöhe angelegt werden können. Zuvor jedoch reinigt Andrea Renz die Euter mit einem trockenen Tuch und melkt die Kühe von Hand ein wenig an: „Dann kann ich kontrollieren, ob die Milch in Ordnung ist,“ erklärt sie.

Erst Melken, dann Hautpflege, dann gibt’s Frühstück für die Kühe

Ein weiterer Grund für das Anmelken: „Ohne das würde der Milchfluss schnell stoppen,“ erklärt Alexander Renz, der den Hof von seinen Eltern Andrea und Kurt übernommen hat. Wenn das Euter leer ist, bekommt jede Kuh noch ein Pflegemittel an die Zitzen. Bis alle gemolken sind, vergeht etwa eine Stunde. Doch damit ist die Arbeit noch nicht erledigt. Nun werden die Oberflächen, auf denen sich auch der eine oder andere Kuhfladen findet, mit Regenwasser gereinigt, die Melkzeuge werden mit Leitungswasser durchgespült, damit auch sie für den nächsten Einsatz am Abend sauber sind.

Wer fertig gemolken ist, darf zurück in den Stall, wo das Frühstück schon wartet. Derzeit gibt es zusätzlich Gras, sonst eine Silage-Mischung aus Gras, Mais, Stroh und Heu, die von den hofeigenen Flächen stammt. Ein bisschen Rapsschrot wird als Eiweißfutter dazugekauft. Die Kühe bekommen alle dasselbe, sonst könnte es passieren, dass eine ranghöhere einer rangniederen den besten Teil wegfrisst: „Kühe sind Meister im Futtersortieren“, weiß Alexander Renz.

Die Futterrationen sind individuell abgestimmt

Und wer glaubt, eine Kuh zu füttern, sei das Einfachste der Welt, wird von ihm eines Besseren belehrt: „Das Futter aus jedem Silo wird auf den Energiegehalt hin überprüft. Danach richtet sich dann die Ration.“ Die hängt übrigens auch von der Milchleistung ab: „Wer mehr Milch gibt, bekommt mehr“, erklärt der junge Landwirt. Das hat aber nichts mit Strafe oder Belohnung zu tun, sondern damit, dass die Kühe weder hungern noch Fett ansetzen sollen. Deshalb wäre auch reines Kraftfutter völlig falsch, sagt Renz: „Eine Kuh ist kein Schwein.“

Was freilich nicht heißt, dass die Rinder das Kraftfutter, eine individuelle Mischung aus Rapsschrot und Getreide, nicht mögen würden. Das zeigt eine Spenderstation mitten im Stall, vor der sich eine kleine Schlange gebildet hat. Dafür, dass die Tiere die richtige Mischung bekommen und nicht zu viel davon fressen, sorgt ein mit einem Sensor ausgestattetes Halsband – „das ist die Smartwatch für Kühe“, schmunzelt der Landwirt. Hat eine der Kühe ihre Ration erhalten, kann sie noch so oft zu dem Spender laufen, für sie gibt es nichts mehr. Es sei denn, sie frisst das, was für eine verdrängte Vorgängerin schon hineingerieselt ist. Auch sonst nutzt der Renz’sche Kuhstall die Digitalisierung. Ein Roboter schiebt alle zwei Stunden eine weitere Futterportion nach, ein Schieber beseitigt auf den Laufflächen alle ein oder anderthalb Stunden das, was eine Kuh außer Milch noch so von sich gibt. Für Kuhwellness sorgen zwei große Bürsten, die sich automatisch drehen, wenn ein Tier darunter steht. Auf seinem Smartphone oder dem PC kann der Bauer zudem überwachen, wie aktiv eine Kuh ist oder wie lange sie wiederkäut. „Das zeigt, ob sie fit ist“, erklärt er. „Am besten ist es, wenn sie viel liegt und viel frisst.“

An Handarbeit geht kein Weg vorbei

Fünfeinhalb Tonnen verputzen die Kühe auf dem Häslachhof jeden Tag, hinzu kommen noch knapp zwei Tonnen für die Jungtiere, die dann aber für zwei Tage reichen. Das Futter wird im Mischwagen – „dem Thermomix für Kühe“, grinst Renz – immer frisch angerichtet, weil es sich sonst schnell erwärmt.

Doch es bleibt trotz allem noch genügend Handarbeit. Die Liegebuchten und die Übergänge müssen gesäubert werden, ebenso die Getränkebecken, und auch das frische Stroh in den Liegebuchten wird von Hand verteilt und eingeebnet. Die werdenden Mütter unter den Kühen liegen in einem Extrabereich des Stalls, in dem eine besonders dicke Strohschicht aufgebracht ist, damit sie sich nach dem Kalben, wenn die Bänder des Beckens noch weich sind, nicht verletzen. Und natürlich ist auch viel Arbeit auf den Äckern und Wiesen zu erledigen, auf denen das Futter wächst. Kaum zu glauben, dass der Landwirt für all die Arbeit an sieben Tagen in der Woche nur 33 Cent für den Liter Milch bekommt. Dabei sei der Preis derzeit sogar relativ hoch, sagt Renz. Auch die Kälber, die zum Teil verkauft werden, erzielen nur geringe Preise.

Kälber und Kühe sind unglaublich neugierig

Stichwort Kälber: Sie kommen nach der Geburt auf die „Säuglingsstation“ neben dem Stall. Als Unterstand haben sie weiße Hütten, die „Kälber-Iglus“. Mindestens fünf Tage lang bekommen sie nur Milch der eigenen Mutter, danach kommt auch die Milch anderer Kühe hinzu. Eines der Kälber reißt so gierig an dem Milchsauger des am Gatter aufgehängten Eimers, dass er zu Boden fällt. Aber da ist er schon leer getrunken.

Auch die zehnjährige Mona Renz ist gern im Stall. Vor allem bei Lottchen, einer hübschen Braunen, die quasi ihre Kuh ist. Sie kennt sie schon von Kalbesbeinen an. Doch egal, ob die Kühe nun schwarz-weiß oder braun sind, sie sind alle unheimlich neugierig. Fotograf und Reporterin werden aufmerksam aus großen Kuhaugen betrachtet, dann wird probiert, ob die Jacke der Besucherin vielleicht auch gut schmeckt, und eine große Schwarz-Weiße stellt gar die Vorderhufe auf den unteren Teil des Gatters und verschafft sich so einen besseren Überblick. „Wenn man nicht aufpasst, räumen sie einem auch die Werkzeugkiste leer“, schmunzelt Alexander Renz.

Und ab und zu komme es vor, dass eine Kuh mitten in der Nacht die Tür zum Melkstand öffnet und hineingeht. Dort muss sie allerdings bis zum nächsten Morgen warten, denn raus kommt sie ohne Hilfe nicht mehr. Doch wer so neugierig ist, lässt sich auch von so etwas nicht abschrecken.