Als ob morgen schon die ersten Fahrzeuge rollen könnten: Der Rohbau des Rosensteintunnels ist fertig, doch die technische Ausstattung wird noch einige Zeit in Anspruch nehmen. Foto:  

Zwischen Wilhelma und Mineralbad Leuze beherrscht eine gewaltige Baustelle die Szenerie. Der Umbau des Leuzeknotens wird jetzt nochmals teurer. Doch es gibt auch gute Nachrichten: Es geht endlich voran.

Stuttgart - „All das hier gab es vor drei Monaten noch nicht. Es war angeblich nicht baubar“, sagt Christian Buch mit einem ironischen Unterton. Der Gesamtprojektleiter für das Straßenbauprojekt Rosensteintunnel aus dem Tiefbauamt steht neben dem Mineralbad Leuze auf dem Rosensteinsteg und schaut hinunter auf eine Baustelle, auf der es sichtlich vorwärts geht. Der Leuzeknoten mit seinen Tunneln und Rampen hat sich in den vergangenen Jahren zu einem der größten Sorgenkinder der Stadt entwickelt. Kostenexplosion, Rechtsstreit mit einer Baufirma, massive Verzögerungen – doch nun kommt die Stadt voran. „Jetzt bauen wir gemeinsam mit der Firma Züblin endlich das, was wir hier immer bauen wollten“, bekräftigt Buch bei einem Rundgang über die Baustelle. Und erklärt den Stand der Dinge.

Was wird gebaut?

Die Stadt gestaltet den kompletten Leuzeknoten um. Der Bereich rund um Wilhelma, Leuzebad und Schlossgarten gilt als eine der am meistbefahrenen und stauträchtigsten Kreuzungen der Stadt. Dort treffen sich unter anderem die Bundesstraßen B 10 und B 14. Der Verkehrsfluss soll sich verbessern, Anwohner von Schadstoffen und Lärm entlastet werden und Fußgänger sowie Radfahrer bessere Verbindungen bekommen. Das geht bis hin zur Umgestaltung der Uferböschung des Neckars. „Das Projekt hat großen Nutzen für die Bürger“, sagt Buch. Das dürfe trotz der Probleme nicht vergessen werden.

Kernstück ist der Rosensteintunnel. Künftig wird die B 10 nicht mehr um die Wilhelma herumgeführt, sondern in zwei jeweils 1300 Meter langen zweispurigen Tunnelröhren unter ihr und dem Rosensteinpark hindurch. Um die Verkehrsströme am Leuze zu entflechten, bekommt der Leuzetunnel eine dritte Röhre. Außerdem wird ein neuer Kurztunnel gebaut, der als Abbiegemöglichkeit in die Innenstadt dient. Für den B 10-Verkehr aus Richtung Pragsattel entsteht zudem eine Rampe auf die König-Karls-Brücke in Richtung Bad Cannstatt. Auch Sanierungsarbeiten im Schwanenplatztunnel und in den bisherigen Leuzetunnelröhren sowie gewaltige Abwasseranlagen werden durch das Team Rosensteintunnel in die Tat umgesetzt.

Der Stand der Arbeiten

Den Rosensteintunnel könnte man schon fast mit einem Auto befahren. „Der Rohbau ist beinahe fertig“, sagt Buch. Die beiden Röhren sollen Mitte 2021 in Betrieb gehen. Vier Querverbindungen gibt es und alle 50 Meter eine Abluftanlage an der Decke. Die gewaltigen Ventilatoren in der Abluftzentrale werden einen Durchmesser von 2,40 Meter haben und damit auch der Brandschutz auf dem besten Stand sein. Als Besonderheit wird die Abwärme aus der Betriebszentrale in Kombination mit Geothermie die künftige Elefantenanlage der Wilhelma direkt darüber mit bis zu 80 Prozent der dort notwendigen Energie versorgen. Die Idee ist in Zusammenarbeit mehrerer Ämter entstanden.

Problempunkte finden sich vor allem abseits des Rosensteintunnels. So sind Teile der Baustelle, besonders die dritte Röhre des Leuzetunnels, um bis zu sechs Jahre in Verzug. Die Stadt macht Probleme mit der Firma Wolff & Müller dafür verantwortlich. Das Gesamtprojekt soll deshalb erst Ende 2024 fertig sein.

Die Kostenexplosion

Als das Projekt im Jahr 2012 von CDU, SPD, Freien Wählern und FDP im Rathaus politisch auf den Weg gebracht wird, beläuft sich die Kostenschätzung auf 190 Millionen Euro. Diese Zahl muss schnell nach oben korrigiert werden. 2015 geht man im Tiefbauamt von 275 Millionen Euro aus. Doch es gibt Streitigkeiten mit der Stuttgarter Baufirma Wolff & Müller. Die Stadt kündigt schließlich 2017 den Bauvertrag für den Leuze- und den Kurztunnel, beim Rosensteintunnel bleibt Wolff & Müller über eine Arbeitsgemeinschaft beteiligt. „Wir mussten komplett neu ausschreiben“, so Buch. Das dauert und kostet, auch wenn die Stadt vorbereitet gewesen ist. „Wir hatten zu keiner Zeit eine Bauruine“, betont der Projektleiter, der seit 2012 mit einem Team von etwa zehn Leuten die Planungen vorantreibt. Schließlich erwarte der Bürger, „dass das Projekt fertig wird, klappt und dann seine Vorzüge entfaltet“. Letztendlich führten Baukostensteigerungen, insbesondere bei den Neuausschreibungen, zu erheblichen zusätzlichen Kosten, sodass bisher 330 Millionen Euro zu Buche stehen.

Doch dabei wird es nicht bleiben. „Wir werden weitere 35 Millionen Euro brauchen“, kündigt Buch an. Zehn Millionen davon seien nötig, um die Tunnel in Betrieb nehmen zu können, der Rest sei vorwiegend für den Landschaftsbau, neue Wege oder den Wiederaufbau von Stegen vorgesehen. Im Herbst soll der neue Gemeinderat darüber entscheiden.

Der Rechtsstreit

„Die Krise ist nicht durch uns zu verantworten“, bringt Buch die Sicht der Stadt auf den Punkt. Die wird sich in den nächsten Monaten mit Wolff & Müller vor Gericht treffen und fordert rund 60 Millionen Euro von dem Unternehmen. Es habe gravierende Verstöße gegen die Arbeitssicherheit gegeben. „Das konnten wir nicht mehr verantworten“, so Buch. Die Baufirma habe nur ein Drittel der Bauleistung erbracht, dafür aber Jahre länger gebraucht und hohe Nachschläge gefordert. Wolff & Müller bestreitet die Vorwürfe vehement. Das Unternehmen macht seinerseits die Stadt für Verzögerungen bei den Bauarbeiten durch Planungsänderungen etwa bei der Verkehrsführung verantwortlich. Letztlich werden die Richter entscheiden müssen. Auf sie rollt ein Mammutprozess zu. Die Stadt hat tausende Protokolle und Briefe gesichert. Die Dokumente füllen einen ganzen Baucontainer.

Neue Wegeführung

Am 27. August verlegt die Stadt den Geh- und Radweg, der vom Schlossgarten am Leuze vorbei nach Bad Cannstatt führt. Unmittelbar vor dem Mineralbad wird der Weg nach rechts verschwenkt und in einer Schleife in Richtung Eingang geführt. Die Strecke wird etwa 150 Meter länger. Dafür wird diese Stelle entschärft, weil ein knackiges Gefälle verschwindet. Vom Leuze-Parkhaus wird eine Rampe direkt Richtung Eingang führen. Der Rosensteinsteg vom Leuze zum Rosensteinpark dagegen ist seit Ende 2013 gesperrt und derzeit unterbrochen. „Zum Jahreswechsel werden wir diese Verbindung wieder öffnen“, kündigt Buch an.

Für Autofahrer ändert sich zunächst an der derzeitigen Verkehrsführung nichts. Erst im Herbst 2020 soll der Kurztunnel in Betrieb gehen.

Besondere Herausforderungen

Zwischen Leuze und Wilhelma entstehen nicht nur neue Straßentunnel. Zeitgleich baut die Bahn für ihr Projekt Stuttgart 21 eine neue Neckarbrücke sowie zwei Bahntunnel unter dem Rosensteinpark. „Das ist eine Herausforderung, denn all diese Projekte bündeln sich an einem Punkt“, sagt Buch. Alle zwei Wochen treffen sich die Beteiligten zur Besprechung. Die Zusammenarbeit, betonen beide Seiten, laufe sehr gut. Das hat für die Baufirmen beim Straßenprojekt nicht immer gegolten.

Das Stuttgarter Tiefbauamt hat auf seiner Internetseite eine eigene Projektseite mit vielen Informationen angelegt.

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