Stößt der Waschbär auf Essensreste im Biomüll, leckt er sich genüsslich die Lippen. Foto: dpa

Die Waschbärenpopulation nimmt zu. Weil die Tiere hierzulande keine natürlichen Feinde haben, können sie sich ungestört ausbreiten. Vor allem in den Kreisen Göppingen und Rems-Murr sowie im Ostalbkreis steigen die Abschusszahlen stetig an.

Kreis Esslingen - Die Chancen, im Landkreis Esslingen eines Waschbären ansichtig zu werden, stehen nicht schlecht. Denn die Zahl dieser aus Nordamerika stammenden Tiere hat sich in wenigen Jahren auch hier rasant nach oben entwickelt. Kein Wunder, denn der possierliche Kleinbär hat „keine natürlichen Feinde“, erklärt Sascha Richter, der Wildtierbeauftragte des Landkreises Esslingen. In hiesigen Gefilden könne er sich „ungestört ausbreiten“. Allerdings wächst die Population in den Kreisen Rems-Murr und Göppingen sowie im Ostalbkreis ungleich schneller an, weshalb dort eine weit intensivere Bejagung von Waschbären angezeigt ist.

Eine der herausragendsten Eigenschaften der Waschbären sei ihre Anpassungsfähigkeit, sagt Sascha Richter. Sie fressen, was sie kriegen können und kommen den Menschen deshalb ziemlich nahe. Denn wie auch Füchse und Dachse bedienen sie sich gerne an achtlos auf den Biomüll geworfenen Essensresten wie den Knochen von Hähnchenschlegeln oder altem Brot. In bewohnte Häuser quartiere er sich eher selten ein, sagt der Wildtierbeauftragte des Kreises, denn er liebe die Ruhe.

Den Waschbären dürfen keine Schlupflöcher geboten werden

Dennoch hat das Landratsamt einen Flyer mit Tipps herausgegeben, die verhindern sollen, „dass sich Waschbären im Haus und auf dem Grundstück ansiedeln“. Beispielsweise sollten sie nicht durch Fressbares angelockt werden – auch nicht durch Futter, das für Haustiere oder Vögel bestimmt ist. Zudem sollten Mülltonnen vorsichtshalber waschbärensicher verschlossen sein. Damit er gar nicht erst als Untermieter einzieht, sollten zudem Schlupflöcher wie Risse im Mauerwerk, zersprungene Fensterscheiben oder offene Kamine dicht gemacht werden, heißt es in der Broschüre weiter.

Hat er erst einmal den Dachboden als Unterkunft auserkoren, solle man ihm die neue Wohnung durch „laute Musik und helle Lampen“ verleiden. Denn der Waschbär gilt als nachtaktiv und lärmempfindlich. Deshalb könne es auch nicht schaden, regelmäßig Krach mit dem Motorrasenmäher zu verursachen. Zudem verabscheue der pelzige Kamerad unangenehme Gerüche. Deshalb empfehle es sich, zur Abschreckung beispielsweise Mottenkugeln oder Urinalsteine auszulegen.

Vor allem im Frühjahr, wenn die Waschbären ihren Nachwuchs zur Welt bringen, seien die ansonsten scheuen Tiere am besten zu beobachten. „Denn die Jungtiere sind auch tagsüber unterwegs“, erklärt Sascha Richter.

Der Esslinger Kreisjägermeister Thomas Dietz ist froh, dass zurzeit im hiesigen Raum keine größeren Probleme mit Waschbären zu beklagen seien. In manchen Gebieten in Hessen hätten sie sich hingegen zu einer regelrechten „Landplage“ entwickelt. Auch in den Nachbarkreisen Göppingen und Rems-Murr sowie im Ostalbkreis seien weit höhere Abschusszahlen zu vermelden als im Kreis Esslingen. In der Jagdsaison 2015/2016 wurden allein in diesen drei Landkreisen 889 der landesweit 1214 erlegten Waschbären zur Strecke gebracht, im Kreis Esslingen waren es lediglich 27.

Wildtiere brauchen ihre Ruhe

Für die heimische Vogelwelt stelle der Waschbär allemal eine Bedrohung dar. Zwar existierten keine belastbaren Zahlen, aber so manches geplünderte Nest gehe auf das Konto des geschickten Kletterers. Erreiche er ein Gelege, dann „langt er schon kräftig zu“, sagt Thomas Dietz. Doch würden die Jäger eher selten wegen eines Waschbären gerufen. Eher würde um Hilfe gebeten, weil sich ein vorwitziger Fuchs dem Lebensbereich der Menschen nähere. Als Beispiel nennt Thomas Dietz eine junge Familie, in deren Gemüsebeet Reinecke regelmäßig seine Hinterlassenschaften absondert. „Die Angst ist groß, dass sich die Kinder durch den Kot mit Krankheiten infizieren könnten.“ Auf der Veranda abgestellte Schuhe dienten Füchsen mitunter als Spielzeug und fänden sich im besten Fall auf dem Grundstück des Nachbarn wieder.

Oft seien die Menschen in ihrer Unerfahrenheit mitverantwortlich, wenn es zu Konflikten mit Wildtieren komme, sagt Sascha Richter. Das Wissen, wie man diesen begegnen müsse, sei im Laufe der Zeit verloren gegangen. So benötigten Waschbären wie andere Wildtiere auch „ihren Freiraum und ihre Ruhe“. Begegne man einem von ihnen, sollte man ihm einen Fluchtweg offen halten. „Waschbären haben scharfe Zähne und können unberechenbar sein“, warnt das Landratsamt. Es empfehle sich, bei einem Aufeinandertreffen das Tier mit einem Stock oder Besen auf Distanz zu halten.

Von März bis Juli hersscht friedliche Familienzeit

Waschbär
In der Jagdsaison 2015/2016 wurden im Kreis Esslingen gerade einmal 27 Waschbären erlegt. Im Landkreis Göppingen waren es bemerkenswerte 266, im Rems-Murr-Kreis 221 und im Ostalbkreis sogar 402. Landesweit wurden 1214 Tiere dieser Spezies geschossen. Damit sind die Abschusszahlen stetig gestiegen: In der Jagdsaison 2013/14 waren in Baden-Württemberg 721, in der Saison 2014/15 schon 941 Waschbären zur Strecke gebracht worden. Die Jagdsaison dauert jeweils vom 1. April bis zum 31. März.

Fuchs
In den Jahren 2013/14 wurden 50 220 Füchse in Baden-Württemberg geschossen, in der folgenden Jagdsaison waren es sogar 61 269 Füchse (davon 1380 im Kreis Esslingen). Diese Zahl pendelte sich 2015/16 wieder auf 50 672 ein. Davon mussten 1000 Füchse im Landkreis Esslingen ihr Leben lassen.

Schonzeit
Von Anfang März bis Ende Juli brauchen sich die Waschbären nicht vor den Jägern fürchten. Den in dieser Zeit – der Aufzuchtphase für den Waschbärennachwuchs – herrscht eine Schonzeit.

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