Demonstrant im Tanktop beim Stuttgarter Christopher Street Day. Foto: Lichtgut/Julian Rettig

Was früher ein Unterhemd war, ist heute ein Tanktop. Kleidung wird zum Statement, wie die Rainbow-Community zeigt. Alle Verklemmtheit, so scheint es, schüttelt, tanzt und hüpft die bunte Stadt weg. Unsere Modekolumne zum CSD.

Stuttgart - Fein gerippt hat’s angefangen. Tanktops, die am Samstag beim Christopher Street Day in Stuttgart das sind, was bei einem VfB-Spiel der weiß-rote Schal ist oder beim Hipster der Bart, hießen mal Unterhemd. Als das bisschen Stoff diesen Namen trug, gehörte er zum Spießigsten, was Männer in ihrem Kleiderschrank vorgefunden haben. Doch der Imagewandel hat bereits begonnen, als der große Marlon Brando dereinst in Hollywood schulterfrei im Stil eines Landarbeiters den Prolo gab und mit dem Schweiß des ganzen Kerls der Ärmelfreiheit zum Sex-Appeal verholfen hat.

Ein schwuler Freund hat berichtet, dass am Samstag fast seine gesamte Clique im weißen Tanktop mit Regenbogenfarben auf der Brust am Straßenrand zur CSD-Parade erscheint. Nur er kommt mit Jeans und normalem T-Shirt, was für ihn spricht. Denn ein Tanktop, das zwischendurch auch mal Muscle-Shirt hieß, sieht nur dann gut aus, wenn es der Körper hergibt.

Der CSD ist eine Art sexy Karneval

Oder sollte man bei einer Demonstration für Toleranz und Akzeptanz nicht all das tolerieren, akzeptieren und vor allem auch noch gutheißen, was die Natur erschaffen hat? Hat der Mensch nicht Wichtigeres zu tun, als selbstverliebt ins Fitnessstudio zu rennen und sich selbst anstatt lieber die zu quälen, die ihm das Leben schwer machen? Die gesellschaftliche Verantwortung geht weit über den eigenen Körper hinaus. Wär’ es nicht besser, die Welt zu retten, als die Zeit auf der Hantelbank oder auf dem Crosstrainer zu verbringen?

Doch jetzt ist CSD. Jetzt wird Körperlichkeit gelebt, als wolle man sich frei machen von Enge und Zwängen. Alle Verklemmtheit, so scheint es, schüttelt, tanzt und hüpft die Stadt in einigen Stunden weg. Ausgefallen, schrill, figurbetont, fetischlastig, divenhaft, maskulin – eine Art sexy Karneval ist der CSD. Kleidung wird zum Ausdruck von Stolz – zum Statement.

„Es kommen nicht nur Leute aus dem Queer-Bereich“

Vor einem Jahr war ich mein erstes Mal auf einem Truck der Parade, als ich beim Dreh für die ZDF-Serie „Dr. Klein“ mitfuhr. So verrückt, vergnügt, ausgeflippt, laut und partyverliebt habe ich Stuttgart von oben zuvor noch nie erlebt. Am Samstag nimmt mich Alle Farben alias Frans Zimmer, einer der erfolgreichsten House-Produzenten in Deutschland, mit bei seiner Musikfahrt durch die feiernde Stadt. Im Interview hat der Berliner mir gesagt, was er so toll am CSD findet. „Die Stimmung auf dem CSD ist einfach so wundervoll“, schwärmt der Berliner DJ mit dem Namen Alle Farben, „es kommen wahnsinnig viele Leute zusammen, es sind nicht nur Leute aus dem Queer-Bereich, sondern es sind Leute aus allen Bereichen, die beim CSD zusammen stehen und zusammen feiern.“

Gays, Heteros, Bisexuelle, Lesben, Transsexuelle, Asexuelle, Transgender, Intersexuelle und noch viele mehr – eben alle, die von der Natur so gewollt sind, wie sie sind –, erleben jetzt ihren großen Zusammentag. Zusammenhalten ist wichtiger denn je, da von ganz rechts Gefahr für die Freiheit droht. Die ganze Spannbreite des Menschseins feiert gemeinsam, ob mit Tanktop, Langarmhemd, oben ohne und nur mit seinem Geschirr auf der Brust, was Harness heißt. Die inneren Werte der Äußerlichkeit dürfen wir an einem Tag mal suchen.

Die Vielfalt wogt wie eine La Ola durch die Stadt

Freie Arme für freie Männer! Bei Frauen war es modisch schon immer erlaubt, jetzt haben wir Gleichberechtigung. Die Tanktops inszenieren den muskulösen Körper der Jugend. Es gibt Stilberater, die sagen, man sollte ab 35 Jahren auf die Schulterfreiheit in der Öffentlichkeit verzichten. Ist das nicht gut so? Der CSD ist immer noch eine politische Demo für alles, was erreicht worden ist, aber auch für Länder, in denen man nicht so ausgelassen feiern kann.

CSD – das bedeutet, sich so zeigen, wie man sich gut fühlt, sich nicht mehr verstellen zu müssen. Den Hashtag Allislove hat ein großes Stuttgarter Kaufhaus ausgegeben und sein ganzes Schaufenster danach dekoriert. Die Vielfalt wogt wie eine La Ola durch die Stadt. Stuttgart ist wunderbar bunt – in allen Farben.

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