So sieht eine Menschenkette in Zeiten von Corona aus. Foto: Lichtgut/Leif Piechowski

Knapp 1700 Beschäftigte von städtischen Ämtern und Eigenbetrieben wie dem Klinikum Stuttgart haben am Montag und Dienstag in Stuttgart gestreikt. Sie beklagten lange Schichten und zu geringen Lohn.

Stuttgart - Wie eine Menschenkette in Zeiten von Corona aussieht, haben am Dienstagmorgen die Mitarbeiterinnen Mitarbeiter und des Klinikums Stuttgart gezeigt. Statt an den Händen halten sich die rund 300 Streikenden an einem blauen Plastikband fest, sie tragen die obligatorischen Masken und stehen 1,50 Meter voneinander entfernt. Die Kette beginnt vor der Blutzentrale des Klinikums und zieht sich entlang der Kriegsbergstraße und am Hegelplatz vorbei bis zur Sattlerstraße. Bei den Streikenden, die Plakate mit Aufschriften wie „Wir sind es wert“ in die Höhe recken, handelt es sich vor allem um Frauen.

„Der Krankenhausbetrieb ist ein Frauenbetrieb“, sagt Ursula Ernst, bei Verdi für das Gesundheitswesen im Bezirk Stuttgart zuständig. Das Pflegepersonal sei weit überwiegend weiblich. Seit Beginn der Corona-Krise gelten Pflegerinnen und Pfleger als systemrelevant. Doch verbessert habe sich ihre Situation seitdem nicht. „Lange Schichten, Personalmangel und ein zu niedriger Lohn“, fasst eine der Demonstrantinnen die Lage zusammen. Knapp eine Stunde lang machen sie ihrem Ärger Luft, dann gehen sie nach Hause.

Beschäftigte wollen 4,8 Prozent mehr

Die Aktion ist Teil des Warnstreiks, zu dem die Gewerkschaft Verdi von Montag bis Mittwoch aufgerufen hat. Die Gewerkschaft fordert für die Beschäftigten des öffentlichen Diensts unter anderem ein um 4,8 Prozent höheres Einkommen, mindestens aber 150 Euro mehr im Monat. Der Lohn für Auszubildende und Praktikanten soll ebenfalls um 100 Euro pro Monat steigen. Allein am Dienstag legten in Baden-Württemberg laut Verdi rund 5000 Beschäftigte aus verschiedenen Bereichen des öffentlichen Diensts ihre Arbeit nieder. In Stuttgart waren es nach Angaben der Stadt 1660 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aus städtischen Ämtern und Eigenbetrieben. Am letzten großen Streik im April 2018 nahmen noch 2350 Beschäftigte der Stadt teil. „Der Klinik-Streik soll sichtbar machen, dass wir unverzichtbar sind“, sagt Volker Mörbe, Krankenpfleger im Klinikum Stuttgart und Vorsitzender des Verdi-Bereichs Gesundheit, Soziale Dienste, Wohlfahrt und Kirchen in Baden-Württemberg. Der Warnstreik betraf am Montag und Dienstag die Früh-, Spät- und Tagschicht.

Mit dem Klinikvorstand hatten die Verdi-Verantwortlichen zuvor eine Notversorgung ausgehandelt. Erstmals wurden sieben Stationen komplett dichtgemacht: zwei Stationen im Olgahospital, drei im Katharinenhospital und zwei im Behandlungszentrum Mitte.

Corona-Patienten werden normal behandelt

Alles, was mit der Behandlung von Corona-Patienten zu tun habe, sei vom Streik ausgenommen, sagt Mörbe und reagiert damit auf die Kritik von Stuttgarts Oberbürgermeister Fritz Kuhn (Grüne). Dieser nannte am Montag auf Twitter das Verhalten der Streikenden verantwortungslos und zeigte kein Verständnis für einen Streik am Klinikum während der Corona-Krise. „Wir konnten uns den Zeitpunkt nicht aussuchen“, entgegnet Ursula Ernst. Verdi wollte den Warnstreik auf das Frühjahr verschieben, doch die kommunale Arbeitgebervereinigung lehnte ab. Neben Verdi kritisiert auch die Fraktionsgemeinschaft aus Linke, SÖS, der Piraten- und der Tierschutzpartei die Äußerungen Kuhns. „Bei der Bezahlung der Klinikumsleitung hatte man keine Hemmungen, das Gehalt mitten in der Corona-Pandemie deutlich anzuheben. Für die übrigen Beschäftigten, die jeden Tag an vorderster Front stehen, ist die Stadt dann aber nicht bereit, längst überfällige Gehaltserhöhungen vorzunehmen“, sagt deren Vorsitzender Thomas Adler (Die Linke).

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