Grün – hier Willi Halder – hat gut lachen. Foto: Gottfried Stoppel

Auch an der Rems ist die Sensation perfekt: Petra Häffner und Willi Halder holen Direktmandate in Schorndorf und Waiblingen. Für Sozialministerin Katrin Altpeter (SPD) wird der Abend jedoch zum Debakel.

Rems-Murr-Kreis - Sonntagabend, noch ein paar Minuten, bis das Wahllokal in der Schwaikheimer Gemeindehalle schließt. Abseits steht ein Mann, der jünger wirkt, als er ist: Stephan Schwarz, 31 Jahre. Er ist Schwaikheimer, seit er denken kann und Landtagskandidat der Alternative für Deutschland (AfD) für den Wahlkreis Waiblingen. Er ist gekommen, um mit Argusaugen zu beobachten, ob bei den Stimmauszählungen auch alles mit rechten Dingen zugeht.

Der AfD-Mann, der früher mal bei der PDS war, zückt einen Vordruck seiner neuen Partei. 18 Uhr. Das Auszählen beginnt. Schwarz macht sich Notizen und erzählt nebenbei, dass er schon immer als Beobachter in dieses, sein Wahllokal, komme. Dieses Mal indes sei er von mehreren Bürgern aufgefordert worden. Schwarz sagt aber, dass er nicht davon ausgehe, dass in Schwaikheim geschummelt werde. Um 18.35 Uhr verabschiedet er sich von den Wahlhelfern, sagt, er gehe jetzt bei der Dönerbude in der Bahnhofstraße einen Kaffee trinken. Dann werde er Fernsehen, die Live-Ticker der Zeitungen im Blick behalten und abwarten, dass jemand anrufe und ihm sage, ob er denn im Landtag ist.

Häffner: Spiel ist erst aus, wenn es abgepfiffen ist

Gespannt verfolgt eine Hand voll Anhänger von Petra Häffner, der Grünen-Landtagskandidatin im Wahlkreis Schorndorf, per Laptop, der auf dem Tresen des Schorndorfer Lokals Concept L steht, die ersten Wahlergebnisse: 27,5 Prozent für die CDU und 32 für die Grünen – die zur Wahlparty Versammelten quittieren das erste Ergebnis mit schadenfrohem Lachen und Letzteres mit kurzem Johlen. Dann ist es wieder ruhig in der Gaststätte. „Das ist typisch Grüne“, kommentiert Peter Höschele, Kreisrat und Grüner der ersten Stunde, „da gibt es ein sensationelles Ergebnis, aber keinen großen Jubel.“ Tatsächlich sieht Wahlpartystimmung anders aus. Die Mienen drücken allenfalls verhaltene Freude aus, nur Höschele grinst über das ganze Gesicht: „Für mich ist das ein erhebender Moment, ein historischer Tag. Die Grünen vor der CDU, das gab’s noch nie.“ Petra Häffner trifft ein, auch sie nimmt eine abwartende Haltung ein. „Das Spiel ist erst gewonnen, wenn es abgepfiffen ist. Solange halte ich mich in Demut. Da bin ich nach wie vor Handballerin“, sagt Häffner, die aktive Spielerin war. Daher warte sie auf die Ergebnisse für den Rems-Murr-Kreis und die Direktmandate. Erst, wenn sie sicher wisse, dass sie den CDU-Kandidaten Claus Paal hinter sich gelassen habe, lasse sie einen Jubelschrei los – und keine Sekunde früher. Erste Ergebnisse aus Schorndorf und Plüderhausen deuten auf ein Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen ihr und Paal hin. Schließlich steht es fest: Häffner darf endlich jubeln. „Das ist ein gigantisches Ergebnis“, freut sie sich über das Direktmandat.

Lorek geschockt vom Ergebnis der AfD

Im Foyer der privaten Bildungseinrichtung Donner & Partner in Waiblingen, wohin Siegfried Lorek seine CDU-Parteifreunde zur Wahlparty eingeladen hat, herrscht gedrückte Stimmung seit der ersten Prognose um 18 Uhr. Dazu ist das Gesamtergebnis der Christdemokraten im Land zu schlimm ausgefallen, und auch für sich hätte Siegfried Lorek durchaus mehr erwartet, auch wenn er bereits während des Wahlkampfes ahnte, dass der CDU-Wahlsieg nicht mehr so selbstverständlich sein würde wie einst. „Ich gratuliere Willi Halder natürlich zum Direktmandat“, sagt er, als gegen 20 Uhr das Ergebnis für den Wahlkreis Waiblingen feststeht. „Ich bin natürlich geschockt von dem Ergebnis der AfD“, sagt er zu den Anwesenden, bei denen er sich ausdrücklich für ihre Hilfe bedankt. „Ich bin stolz und froh über den Wahlkampf, der von allen fair geführt wurde.“

Ganz in der Nähe herrscht im Waiblinger Parteibüro der Grünen eindeutig die bessere Stimmung, auch wenn um Willi Halder zuerst nur vier Parteifreunde mitfiebern. „Sie meint, es sieht doch ganz gut aus“, berichtet er nach einem Telefonat mit seiner Mutter. Kurz vor 20 Uhr ist die Sensation perfekt, Halder, der zum zweiten Mal für den Landtag kandidiert, hat das Direktmandat im Wahlkreis Waiblingen errungen. Die Anwesenden können es zuerst kaum fassen, obwohl eine Gemeinde nach der anderen an Halder ging. „Ich kann mich noch erinnern, dass wir hier mit sieben Prozent rumgedümpelt sind“, sagt das Waiblinger Grünen-Urgestein Frieder Bayer, als zuerst klar ist, dass die Parteifreundin Petra Häffner in Schorndorf den Platzhirsch Claus Paal überflügelt hat.

Halder: Hätte ich mir nie träumen lassen

Dann wird Halder klar, dass die Sensation perfekt ist: „Das hätte ich mir nie träumen lassen, dass ich mal in einem liberal-schwarzen Wahlkreis das Direktmandat holen würde. Ich bin natürlich hocherfreut. Schade ist, dass es mit diesem AfD-Ergebnis einhergeht.“

Von einem Traum spricht auch Katrin Altpeter zwei Stunden, nachdem die Wahllokale geschlossen haben, in ihrem Waiblinger Wahlkreisbüro. „Das hier ist mein absoluter Alptraum“, sagt die SPD-Kandidatin und noch amtierende Sozialministerin fassungslos. „Ich konnte mir nicht vorstellen, dass so etwas passiert.“

Noch ist der Wahlkreis Waiblingen nicht ausgezählt, aber jetzt schon steht für Altpeter fest: „Das Gesamtergebnis ist sehr enttäuschend. Wir werden sicherlich in die Opposition gehen.“ Dass das Ergebnis für die SPD schlechter sein würde, als bei der vorigen Landtagswahl, sei zwar klar gewesen, aber dass es so erschreckend schlecht werden würde . . . Katrin Altpeter schüttelt den Kopf. Dann sagt sie, sie habe in den letzten Wochen des Wahlkampfs das Gefühl gehabt, dass es wieder aufwärts gehe: „Ich hatte sehr viel Zuspruch.“ Mit jedem ausgezählten Wahlkreis wird die Stimmung im Parteibüro gedrückter. Ein Pizzabote bringt seine Lieferung, doch den Anwesenden ist der Appetit vergangen. Fünf Jahre Regierungsarbeit zerbröseln in wenigen Stunden. „Fünf Jahre guter Arbeit“, sagt Nancy Greco, die Leiterin des Wahlkreisbüros, „das ist richtig bitter.“ Selbst in den klassischen SPD-Hochburgen, wie gewissen Bezirken Mannheims, seien die Ergebnisse enttäuschend, sagt Katrin Altpeter: „Es ist beschämend, wie viel die AfD abgeräumt hat. Ich glaube, viele unserer traditionellen Wähler sind nach rechts abgewandert.“

Die Flüchtlingsfrage sei das beherrschende Thema im Wahlkampf gewesen, erzählt Nancy Greco – Gespräche über andere Themen seien auf der Straße quasi überhaupt nicht zustande gekommen. Angesichts der Gewinne der AfD überkomme sie große Angst, „was da auf uns zukommen könnte bei dem Menschenbild, das die Partei vertritt“. Kurz vor 21 Uhr ist auch der Wahlkreis Waiblingen ausgezählt. Katrin Altpeter ist zu diesem Zeitpunkt schon überzeugt davon, dass es in ihrem Falle nicht für ein Zweitmandat reichen wird. Sie atmet tief durch. Dann sagt sie: „Jetzt ist es so, wie es eben ist.“ Später am Abend stellt sich heraus: sie hat Recht behalten.

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