Yvonne Becht hat erst mit 49 den Busführerschein gemacht. Foto: Lg/Oliver Willikonsky

Der Verkehrsverbund Stuttgart hat Yvonne Becht den Titel Busfahrerin des Jahres 2019 verliehen. „Ich fahre immer mit einem Lächeln durch die Gegend“, sagt Becht.

Stuttgart - Vor zwei Tagen hatte ich einen Fahrgast auf dem Dach“, sagt Yvonne Becht und lacht. Die 50-Jährige ist zwar erst seit einem Jahr Busfahrerin, hat aber schon einige Geschichten auf Lager. So wollte der Fahrgast auf dem Dach nicht etwa rebellieren oder dergleichen – er wollte helfen.

„An einer Haltestelle hat es auf einmal einen Schlag getan, und ich dachte, ich hätte irgendein Schild mitgenommen“, erzählt Becht. Das vermeintliche Schild war ein Schlüssel, den eine Frau für ihre Freundin aus dem Fenster geworfen hatte – und der nicht in deren Hand, sondern auf dem Dach des Busses landete. „Ein Fahrgast hat gemeint, er könnte auf das Dach klettern“, sagt Becht. Dabei bekam der Mann auch noch Hilfe: Eine zufällig anwesende Polizeistreife beförderte ihn per Räuberleiter nach oben. „Die Frau hat also zum Glück ihren Schlüssel wiederbekommen“, sagt Becht, „und ich hatte nur eine leichte Verspätung.“

Am liebsten fährt Yvonne Becht

Yvonne Becht liebt ihren Beruf. Wegen solch kurioser Geschichten, wegen der unterschiedlichen Fahrgäste und wegen der schönen Strecken, die Stuttgart teilweise zu bieten hat. Ihre Leidenschaft kommt bei Fahrgästen und Arbeitgeber so gut an, dass sie am Dienstag vom Verkehrsverbund Stuttgart (VVS) als Busfahrerin des Jahres ausgezeichnet wurde. Damit ist sie die erste Frau der Stuttgarter Straßenbahnen AG, die diesen Titel bekommt.

Am liebsten fährt Yvonne Becht früh am Morgen. „Wenn alle noch verschlafen an der Haltestelle stehen, mache ich die Tür auf und strahle sie an“, sagt die Busfahrerin. Sie weiß, wie sie mit ihren Gästen umgehen muss. „Ich hatte mal eine italienische Reisegruppe, die mir vom Pragsattel bis zur Schottstraße italienische Lieder gesungen hat“, erzählt sie und lacht. Eigentlich ist es egal, mit wem und wohin Yvonne Becht fährt: „Ich fahre immer mit einem Lächeln durch die Gegend.“

Auszeichnung wird seit 16 Jahren verliehen

Da kann ihr auch der dichte Verkehr der Landeshauptstadt nichts anhaben – sie ist als Fahrerin der 40er-, 50er-, 60er- und 90er-Linien überwiegend in der Innenstadt im Einsatz. „Ich versuche, mir immer nur das Positive zu merken“, sagt sie, „und es gibt einfach nichts Schöneres, als den Berg rauf in den Sonnenaufgang zu fahren.“

Seit 16 Jahren zeichnet der VVS Mitarbeiter, die in Fahrstil, Freundlichkeit und fachlicher Kompetenz hervorstechen, als Busfahrer des Jahres aus. Ursprünglich haben diesen Titel nur Männer bekommen – es gab schlichtweg keine Frauen in dem Beruf. Laut VVS-Geschäftsführer Horst Stammler sind heute etwa zehn Prozent der 700 Busfahrer in Stuttgart Frauen. „Diese Zahl gilt es zu steigern“, sagt Stammler, „deshalb freuen wir uns sehr über Quereinsteiger wie Yvonne Becht.“ Die Stuttgarterin hat mit 49 Jahren noch den Busführerschein gemacht. In ihrem alten Beruf als Verkäuferin war sie nicht mehr zufrieden. „Meine Schwiegermutter hat gesagt, ich soll mich als Busfahrerin bewerben, und ich meinte, ich sei viel zu alt dafür“, erzählt Yvonne Becht, „aber wenn man etwas will, sollte man unbedingt dafür kämpfen, und dann klappt das auch.“

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