Die erste, nicht unumstrittene afroamerikanische Oscar-Gewinnerin: Hattie McDaniel als Mammy mit Viven Leigh als Scarlett O’Hara. Foto: © Warner Home Video

Auch im Kino haben sich Afroamerikaner ihren Platz hart erkämpft – und dabei das Medium Film ebenso verändert wie die Gesellschaft. Wir erinnern an einige der großen Filme.

Stuttgart - Auch Hollywood war rassengetrennt – schwarze Darsteller kamen zunächst nur als Sklaven oder Dienstboten vor. Die erste Hauptrolle bekam eine Afroamerikanerin in Frankreich: Josephine Baker, als Tänzerin und Sängerin in Paris ein Star, spielte in „Zouzou“ (1934) ein Zirkuskind.

In den USA erfanden Schwarze aus der Not den Independent-Film, sie erzählten von Diskriminierung und der Hoffnung auf eine bessere Zukunft. Oscar Micheaux zeigte in „Within our Gates“ (1920) ungeschönt die „Great Migration“ von Millionen Afroamerikanern aus dem Süden in die Städte des Nordens und den Wiederaufstieg des Ku Klux Klan. Der Film gilt als Antwort auf W. D. Griffiths offen rassistischen Film „Birth of a Nation“ (1915), der Schwarze als triebgesteuerte Idioten darstellte und den Ku Klux Klan verherrlichte.

Die Pioniere

Im Bürgerkriegsmelodram „Vom Winde verweht“ (1939) beeinflusste Hattie McDaniel als schwarze Haussklavin Mammy Scarlett O’Hara (Vivien Leigh) und machte sich über Rhett Butler (Clark Gable) lustig. Dafür bekam sie als erste Afroamerikanerin einen Oscar – nicht unumstritten, denn der Film bediente viele Stereotypen. Der erste Hauptrollen-Oscar ging an Sidney Poitier für seinen Auftritt in „Lilien auf dem Feld“ (1963) als Helfer europäischer Nonnen in Arizona. Poitier wurde zum Gesicht des schwarzen Amerika, und brillierte „In der Hitze der Nacht“ (1967) als afroamerikanischer Polizist aus dem Norden, der in einem rassistischen Südstaaten-Kaff einen Mord aufklären soll.

Blaxploitation

Ein neues Selbstbewusstsein in Folge der Bürgerrechtsbewegung brachte in den 70ern die „Blaxploitation“ hervor. Unter schillernder Oberfläche mit Afros, extravaganten Schlaghosen und farbenfrohen Oberteilen boten die Filme meist wenig Handlung und Charakterentwicklung, Bürgerrechtler und Feministinnen kritisierten sie als stereotyp und sexistisch. Zum Symbol wurde die langbeinige Pam Grier, die in „Foxy Jones“ (1974) in sexy Outfits Schurken vermöbelte. Überdauert haben der Krimi „Shaft“ (1971) und das Drogen-Drama „Superfly“ (1972) – wegen der legendären Soundtracks von Isaac Hayes und Curtis Mayfield.

Ohne Eddie kein Happy End

Derweil gelang es schwarzen Schauspielern, sich im Mainstream zu etablieren. Ohne Richard Pryor hätte es für Gene Wilder in „Trans Amerika Express“ (1979) kein Happy End gegeben, ohne Eddie Murphy als Kleingauner mit Stil im harten Thriller „Nur 48 Stunden“ (1982) keines Nick Nolte als abgehalfterten Cop. Murphys Lohn: die Hauptrolle in „Beverly Hills Cop“ (1984). Im Action­Thriller „Lethal Weapon“ (1987) brach Danny Glover alte Stereotypen: Während der weiße Mel Gibson den Chaoten spielte, gab der schwarze Glover den treusorgenden Familienvater. Und Morgan Freeman spielte in „Miss Daisy und ihr Chauffeur“ (1988) einen Fahrer, der mit Rassismus umgehen muss.

Schwarze Identität

Ende der 1980er riefen Regisseure wie Spike Lee und John Singleton eine „New Black Wave“ aus. Lee erzählte in „Do the right Thing“ (1989) von ethnischen Spannungen in Brooklyn, die in eine Tragödie münden, Singleton in „Boyz n the Hood“ (1991) von der harten Realität in den Ghettos von South Central Los Angeles.

Schützenhilfe kam von weißen Filmemachern. Steven Spielberg verfilmte 1985 das historische Frauendrama „Die Farbe Lila“ der afroamerikanischen Pulitzer-Preisträgerin Alice Walker und machte Whoopi Goldberg zum Star, Morgan Freeman trat in Spielbergs Sklavendrama „Amistad“ (1997) auf. Edward Zwick holte Denzel Washington und Freeman für „Glory“ (1989) vor die Kamera, einen Film über eine afroamerikanische Militäreinheit im Bürgerkrieg. Washington bekam den Oscar und war dann für Spike Lees „Malcolm X“ (1992) nominiert. Quentin Tarantino gab Samuel L. Jackson in „Pulp Fiction“ (1994) eine Plattform, er holte Pam Grier für einen Auftritt in „Jacky Brown“ (1998) zurück, und er ließ Jamie Foxx in „Django Unchained“ (2012) stellvertretend für alle Afroamerikaner Rache üben für die Sklaverei – mit einem gigantischen Blutbad in einer Südstaaten-Villa. Roland Emmerich machte den jungen Will Smith in „Independence Day“ (1996) zum Star, der Filmkünstler Jim Jarmusch Forest Whitaker in „Ghost Dog“ (1999), und die Wachowski-Geschwister besetzten die Rolle des Revolutionsführers im Zukunfts-Thriller „Matrix“ (1999) mit Laurence Fishburne.

Ein zähes Ringen

Zur Wegmarke wurde das Jahr 2002: Beide Hautrollen-Oscars gingen an Afroamerikaner, Denzel Washington („Traing Day“) und Halle Berry („Monster’s Ball“). Morgan Freeman wurde für seine Rolle als Boxtrainer in Clint Eastwoods „Million Dollar Baby“ (2004) ausgezeichnet, Octavia Spencer als schwarze Hausangestellte in „The Help“ (2011), Steve McQueens Sklavendrama „12 Years a Slave“ (2013) als bester Film.

Der Durchbruch schien geschafft – doch 2016 kam es zum Oscar-Boykott, weil zum zweiten Mal in Folge keine Afroamerikaner nominiert waren. Die von weißen Männern dominierte Academy reagiert, sie lud Frauen und Angehörige ethnischer Minderheiten ein. 2017 wurde das schwarze Sozialdrama „Moonlight“ von Barry Jenkins zum besten Film gekürt, Mahershala Ali bekam ebenso einen Oscar wie Viola Davis für ihre Rolle im schwarzen Beziehungsdrama „Fences“.

Das Jahr 2019 nun steht ganz im Zeichen der Afroamerikaner: Der erste schwarze Superhelden-Film „Black Panther ist in sieben Oscar-Kategorien nominiert, Spike Lees Rassismus-Drama „BlacKkKlansman“ in sechs, „Green Book“ (siehe nebenstehende Kritik) in fünf, das Sozialdrama „If Beale Street Could Talk“ von Barry Jenkins in drei. Eines haben sie alle gemeinsam: Die alten Stereotypen spielen keine Rolle mehr.

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