Dirndl und Lederhosen, die heutzutage auf den Volksfesten getragen werden, haben mit traditionellen Trachten nur noch wenig gemeinsam. Foto: Getty Images Europe

Die Diskussion über „typisch bayrische Tracht“ auf dem Canstatter Wasen entbrennt immer wieder aufs Neue. Wir haben uns die schwäbischen und bayrischen Unterschiede von einem Experten erklären lassen.

Stuttgart - Beim Heimspiel des VfB Stuttgart gegen den FC Augsburg ist ein heftiger Streit zum Thema Tracht entbrannt. So behaupten viele derzeit, dass die Dirndl und Lederhosen, die auf dem Festgelände des Cannstatter Wasen getragen werden, keinesfalls schwäbisch, sondern typisch bayrisch seien. Wir haben mit einem Trachtenexperten über die wichtigsten Unterschiede gesprochen.

Trachtenexperte Wulf Wager erzählt, dass die Tracht ursprünglich dazu dienen sollte soziale Indikatoren wie Religion oder den Familienstand ablesen zu können. Es habe früher auch Berufstrachten gegeben, welche Aufschluss über die Tätigkeit des Trägers gegeben hätten. Im Ursprung sei die Tracht ein Kleidungsstück des Volkes gewesen, bis dann Ende des 19. Jahrhunderts auch die Adeligen und Herrscher zur Tracht gegriffen und diese mithilfe von hochwertigen Materialien aufgewertet hätten. Heutzutage würde die klassische Tracht fast ausschließlich von Trachtenvereinen bei Festlichkeiten präsentiert.

„Trachtenmode“ weder bayrisch, noch schwäbisch

Dirndl und Lederhosen, die derzeit auf den Volksfesten in Bayern und Stuttgart getragen werden, seien laut des Experten weder mit der bayrischen noch mit der schwäbischen Tracht zu vergleichen. Hierbei handele es sich lediglich um eine abgewandelte „Trachtenmode“, die sich mit der Zeit eingebürgert habe. Die traditionellen Trachten aus beiden Regionen hätten ursprünglich viele Gemeinsamkeiten gehabt, Indikatoren zum Unterscheiden hätte es aber dennoch gegeben.

So wurden im schwäbischen Raum keine kurzen Hosen getragen. „Lederhosen sind zwar üblich gewesen, man trug aber mindestens Kniebundhosen, wenn nicht sogar Stiefelhosen“, so Wager. In Bayern habe sich die kurze Lederhose allerdings auch erst im Laufe der Zeit etabliert und sei nicht von Beginn an typisch gewesen. Die heute gerne getragenen Karohemden seien keiner Region zuordenbar, sondern ein typischer Indikator für die Trachtenmode des 21. Jahrhunderts. Zu einer tradionellen Tracht gehören eigentlich weiße Leinenhemden. Die schwäbische Arbeitstracht griff selten auch mal zu dunklen Hemden. Ein ausschließlich oberbayrisches Trachtenmerkmal sind hingegen die sogenannten „Loferl“, die man auch heutzutage noch auf den Volksfesten, an den Waden der Männer, zu sehen bekommt.

Traditionelle Trachten haben immer eine Kopfbedeckung

Bei den Frauen sei eine Kopfbedeckung damals nicht wegzudenken gewesen, so Wager. Auch seien die weiblichen Trachten, sowohl bei den Schwaben als auch bei den Bayern, waden- oder bodenlang gewesen, erklärt Wager. Das Dekolleté habe man bei schwäbischen Frauen nicht sehen können, die traditionellen Trachten waren klassischerweise hochgeschlossen.

Die derzeitige Trachtenmode auf Volksfesten ist also weder typisch bayrisch noch typisch schwäbisch. Es handelt sich um Trend-Mode. Wer zumindest einen Teil der traditionellen Elemente beibehalten möchte, greift als Mann auf dem Cannstatter Wasen zur Kniebundhose und einem klassischen Leinenhemd. Die Frauen sollten nicht allzu viel Dekolleté zeigen und stattdessen zu einem hochgeschlossenen, etwas längeren Dirndl greifen.

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