Richard Freitag kommt als Führender im Gesamtweltcup nach Oberstdorf. Foto: dpa

An diesem Freitag beginnt mit der Qualifikation von Oberstdorf die 66. Vierschanzentournee. Das deutsche Team hofft auf den ersten Gesamtsieg seit 2002 – wir erklären, warum die Chancen ziemlich gut stehen.

Oberstdorf - Was nacht die deutschen Skispringer um Richard Freitag und Andreas Wellinger in diesem Winter so stark? Die Konkurrenz rätselt, die hoch Gelobten machen sich dagegen lieber weniger Gedanken über die gute Form. Denn sie wissen: Bei der Vierschanzentournee ist schon so manche Serie gerissen. So weit solle es für die Springer des Deutschen Skiverbandes (DSV) nicht kommen – und die Chancen stehen tatsächlich gut, dass es zum ersten Mal seit dem Triumph von Sven Hannawald zu Beginn des Jahres 2002 mit einem deutschen Gesamtsieg klappt. An diesem Freitag (16.30 Uhr) geht’s mit der Qualifikation von Oberstdorf los. Womöglich legen dann noch nicht alle Favoriten ihre Karten auf den Tisch. Klar ist aber schon jetzt: Vier Trümpfe sprechen für die deutschen Adler.

Richard Freitag, der neue Vorspringer

Das Faustpfand der deutschen Springer bei der Tournee ist Richard Freitag. Warum? Weil er sich sehr gut vorbereitet hat auf die Saison. Und weil er einen Umzug hinter sich hat, der ihn näher an die Mannschaft bringt. Aus Sachsen ging es nach Oberstdorf, wo am Samstag das erste Tourneespingen steigt. Freitag nahm sein Schwesterchen mit, eine Nachwuchsspringerin des DSV. Das ist gut für die Seele. Weshalb Richard Freitag, der in dieser Saison schon drei Weltcups-Springen gewann und den Gesamtweltcup anführt, in diesem Winter das Maß der Dinge ist – er weiß es selbst nicht. Oder er will es nicht wissen. „Keine Ahnung“, pflegt er zu sagen, wenn die Frage aufkommt, warum es bei ihm zurzeit so wunderbar läuft. Die Messlatte liegt auf jeden Fall hoch. Vom überragenden Mann der Saison wird erwartet, dass er die Tournee gewinnt. Das Problem ist: Irgendeiner wächst bei der Tournee immer über sich hinaus, aber keiner weiß, wer es ist. „Richard hat ein Niveau, mit dem er auch mit nicht ganz optimalen Sprüngen vorne dabei ist“, sagt der ehemalige Tournee-Sieger Sven Hannawald und macht damit dem Supermann der Saison damit Mut.

Ein starkes Team

In der deutschen Mannschaft stimmt das Gefüge. Nicht nur Richard Freitag ist siegfähig, auch Andreas Wellinger. Die Leute dahinter haben ebenso ein gutes Niveau. „Wenn einer mal keinen guten Tag erwischt, dann macht eben der nächste einen sehr guten Wettkampf“, sagt der Skispringer Karl Geiger über das prima Klima innerhalb der deutschen Equipe. Der Bundestrainer Werner Schuster führt die gute Stimmung auch auf den jahrelangen Front-Adler Severin Freund zurück, der in dieser Saison verletzt passen muss. Es sei dem Charakter des Bayern zu verdanken, dass die Stimmung so ausgezeichnet sei – ohne Missgunst und Neid. Natürlich käme es hin und wieder zu Reibereien, doch das komme nur selten vor, sagt der Trainer. Sollte Wellinger, der sich auch in überragender Form befindet, Freitag bei der Tournee gefährlich werden, könnte die Stimmung auf den ersten Blick kippen. Dem wird aber wohl nicht so sein: Beleg dafür ist, dass Wellinger in Titisee-Neustadt, wo er sich dem Frontmann geschlagen geben musste, Richard Freitag von ganzem Herzen gratulierte.

Ein guter Plan

Der Bundestrainer Werner Schuster hat viel probiert. So mussten sich die deutschen Adler mal im Sommer an den Tournee-Rhythmus gewöhnen und vier Wettkämpfe in kurzer Zeit absolvieren – als Übung. Den Tournee-Sieg brachte es nicht. Aber viel Erfahrung für die kleine Wissenschaft der optimalen Anreise. Nach Titisee-Neustadt etwa reisten die deutschen Skispringer schon einen Tag früher. Gut angekommen ging es dann in eine gemietete Turnhalle, um die Körper in Bewegung zu halten – ganz ohne Stress. Sich mehr Zeit zu lassen, und dennoch Raum zu haben für kleine Trainingsreize, das ist das Konzept des Bundestrainers. Seine Jungs sind fit, das spürt er. Allerdings: „Es gibt noch eine Handvoll Topspringer, deshalb ist das letzte Wort auch nicht gesprochen“, sagt Schuster im Hinblick auf die Tournee.

Dem Trainer fehlt nur die Krönung

Der Österreicher Werner Schuster hat sich im Laufe der Jahre zu einem wahren Import-Schlager entwickelt. Nach Beendigung seiner aktiven Laufbahn ließ er sich in Innsbruck zum Trainer ausbilden. 2007 wurde er Cheftrainer der Schweizer Nationalmannschaft. Im März 2008 wurde als Nachfolger von Peter Rohwein Trainer beim DSV. Unter Schuster gelang dem deutschen Skispringen der Aufschwung. 2014 konnte er seinen bisher größten Erfolg feiern: Im olympischen Teamspringen in Sotschi gewann die deutsche Mannschaft Gold. Als Severin Freund dann 2015 bei der WM in Falun als erster Deutscher nach 15 Jahren Einzelgold holte, war Schuster ganz aus dem Häuschen. „Ich hätte nie gedacht, dass ich einmal einen Weltmeister abwinken darf“, sagte der Coach mit dem konsequenten, aber sehr menschlichen Führungsstil. Vielleicht winkt er beim letzten Tournee-Springen in Bischofshofen ja auch wieder einen deutschen Sieger ab. Das wäre für Schuster die Krönung. Unabhängig davon würde der DSV den Vertrag mit Schuster gerne über das Frühjahr 2019 hinaus verlängern.

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