Schwaab, Rüdiger, Niedermeier, sakai: VfB-Abwehr mit neuem Selbstvertrauen Foto: Baumann, Getty/Montage: StN

Der Spruch ist alt, aber immer noch richtig: Vorne gewinnt man Spiele, hinten Meisterschaften – und in vielen Fällen verhindert eine intakte Defensive sogar den Abstieg.

Stuttgart - Manchmal ist es kein Fehler, auf die alten Kämpen zu hören. Karlheinz Förster zum Beispiel ließ sich einst lieber das Bein absägen als einen Gegner zum Schuss kommen. Weshalb ihm seine Zuhörer gern eine gewisse Voreingenommenheit unterstellen, wenn er über die Balance von Offensive und Defensive im Fußball philosophiert. Dem ehemaligen Weltklasse-Verteidiger schwante jedenfalls schon wenige Wochen nach der Winterpause, dass es ein Problem für die VfB-Abwehr sein könnte, wenn der Rest der Mannschaft nach Trüffeln im Strafraum des Gegners sucht. Förster warnte: „So spielen wir gegen den Abstieg.“ Gehör fand der sachkundige Bürger mit VfB-Vergangenheit nicht. Bis sein Mantra mehr und mehr zur Gewissheit wurde.

Jetzt geht Förster mit Krawatte ins Bett, und der VfB hat einen neuen Trainer, der selbst mal ein brauchbarer Verteidiger war. Huub Stevens (60), der Coach nach Thomas Schneider, änderte den Code im VfB-Spiel und öffnete den Tresor, in dem der Schlüssel zu neuen Erfolgen lag. Und sollte der Verein für Bewegungsspiele an diesem Samstagabend zu jenen gehören, die den Abstieg vermieden haben, dürfte sich die Diskussion über einen Satz wiederholen, der zu Stevens gehört wie der Wohnwagen zum Holländer: Die Null muss stehen.

Die hohe Kunst des Fußball

Gesagt hat er ihn, so verriet er dieser Tage in einem Interview, in der Saison 1996/97 im Viertelfinale des Uefa-Cups vor dem Duell gegen den scheinbar übermächtigen FC ­Valencia. Weil Schalke 04 danach auch im Finale gegen Inter Mailand triumphierte, gerieten die Worte zum Symbol eines unerwarteten Erfolgs – und nie mehr in Vergessenheit. Stevens deshalb einen Hang zum Catenaccio zu unterstellen wäre aber ebenso unsinnig wie Giovanni Trapattoni eine Liebe zu den Stürmern. Die Wahrheit, das weiß seit dieser Woche auch der FC Bayern, liegt wie immer auf dem Platz. Weil der italienische Meistertrainer Carlo Ancelotti den Königlichen ihr unwiderstehliches Offensivspiel ließ, sie aber das Verteidigen lehrte, wurden sie zur Nuss, die auch mit Pep nicht zu knacken war.

Es ist nun mal die hohe Kunst des Fußballs, im einen Moment das eigene Tor zu schützen, um im anderen das gegnerische zu bedrohen. Der Fachmann spricht von Balance, von Umschaltspiel, von Pressing. Huub Stevens spricht darüber hinaus von Spielern und von deren Qualitäten. „Ich schaue sie mir an, orientiere mich an ihren Fähigkeiten. Daran richte ich die Strategie aus.“ Das klingt nicht so, als plane der VfB, seine ­Gegner im Offensivwirbel zu ersticken, aber auch nicht so, als dürfe die Abwehrkette mit Antonio Rüdiger, Georg Niedermaier, Gotoku Sakai und Daniel Schwaab die Hälfte des Gegners nur mit Visum betreten.

Sinkende Fehlerquote, steigendes Selbstvertrauen

„Er hat uns schnell klargemacht, dass die Lücken zwischen den einzelnen Mannschaftsteilen zu groß sind“, sagt VfB-Innenverteidiger Antonio Rüdiger (21), einer der größten Profiteure des veränderten Spiels. Von da an kam er wieder in die Zweikämpfe, die Fehlerquote sank im selben Maß, wie das Selbstvertrauen des jungen Mannes stieg – über den Karlheinz Förster sagt: „In ihm steckt noch viel Potenzial. Er kann es bis zum Nationalspieler bringen.“

Bis auf weiteres ist der gebürtige Berliner schon froh, wenn er wieder frei von Versagensängsten gegen den Ball treten kann. „Es gab da ein paar Spiele“, sagt er zerknirscht, „da lief es nicht gut für mich. Und nicht gut fürs Team.“ Er machte sich Gedanken, er sprach darüber mit Sahr Senesie, seinem Bruder. Aber es war wie ein Kreuzworträtsel, in dem sie die entscheidenden Wörter nicht fanden.

Dann kam Stevens und füllte die Lücken. Nach acht Niederlagen und einem Unentschieden. „Ein erfahrener Trainer“, sagt Rüdiger. Und einer mit Autorität. Wenn es unter Schneider gelegentlich so schien, als präpariere sich eine Schülermannschaft fürs Finale von Jugend trainiert für Olympia, dominiert jetzt wieder der Eindruck konzentrierter Professionalität. „Der neue Coach gibt mir viele Tipps mit auf den Weg“, verrät Rüdiger. Wie etwa den, dass es nicht immer zielführend ist, den Stürmer nach Rambo-Art zu erschrecken. Manchmal reicht es, ihm den Weg zuzustellen, ihn nach außen abzudrängen, um ihm dann mit der Gelassenheit des Souveräns das Spielgerät abzulaufen. „Und wenn wir den Ball haben“, sagt Rüdiger lachend, „ist es auch bei Huub Stevens nicht verboten, ein Tor zu schießen.“

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