Der Abwehrchef als Feierbiest: VfB-Innenverteidiger Timo Baumgartl Foto: Baumann

Gehen oder bleiben? Das war vor einem Jahr die Frage. Nach einem Jahr in der zweiten Liga sagt Timo Baumgartl: „Ich bin froh, dass ich beim VfB geblieben bin.“ Nun folgt der nächste Schritt.

Stuttgart - Von vielen Dingen weiß man ja erst im Nachhinein, ob sie sich gelohnt haben. Der VfB Stuttgart kennt da ein gutes Beispiel: die zweite Liga. Groß war die Depression nach dem Abstieg. Ein Jahr später ist die Rückkehr in die Bundesliga gelungen – und halb Deutschland bescheinigt den Cannstattern, die Chance zur Runderneuerung genutzt zu haben. „Die zweite Liga“, sagt Timo Baumgartl, „hat uns gut getan.“ Auch ihm persönlich?

Die Frage ist eine wichtige, schließlich gehörte auch der Abwehrspieler zu jenen Profis, die sich nach dem Absturz gedanklich mit einem Neuanfang beschäftigten. Nach dem Abwägen aller Argumente entschied er sich, auch auf Drängen des Vereins, zum Bleiben. Viele sahen das als Risiko. Was wird aus dem Jungen, wenn es mit dem VfB nicht gleich wieder nach oben geht?

Baumgartl ist der Beste in der Online-Notengebung dieser Zeitung

Karlheinz Förster war damals schon sicher: „Für ihn ist es richtig zu bleiben.“ Nun ist der frühere Nationalspieler nicht derjenige, der Einfluss auf Baumgartls Entscheidung gehabt hätte. Was er aber hat: Die Erfahrung, wie es ist als junger Abwehrspieler in der zweiten Liga. Und das Wissen, was aus solch einer Saison werden kann. Noch nicht einmal 19 Jahre alt war Förster, als er 1977 mit dem VfB in die erste Liga aufstieg. Was in den Jahren danach kam? Vizemeister, Europameister, Meister, 81 Länderspiele. „So eine Saison in der zweiten Liga“, sagt Förster, „kann sehr wichtig sein, um Sicherheit zu bekommen.“

Nun hat Timo Baumgartl diese Erfahrung gemacht. Er sagt: „Ich bin froh, dass ich beim VfB geblieben bin.“ Ein Beleg ist die Online-Notengebung dieser Zeitung. Von allen VfB-Spielern, die in dieser Saison regelmäßig zum Einsatz gekommen sind, hat Baumgartl den besten Schnitt (2,68). Auch bei der Aufstiegsparty am Sonntag war Baumgartl einer der Aktivposten.

Auf 29 Einsätze kommt der 21-Jährige in dieser Saison, jeden davon absolvierte er über 90 Minuten. „Es hat ihm gut getan, dass er regelmäßig gespielt hat“, sagt Ludwig Kögl, mit dem VfB 1992 deutscher Meister und heute der Berater Baumgartls. Denn: Mit jedem Spiel wächst die Erfahrung. Doch das allein ist es nicht. Timo Baumgartl spricht von wichtigen „Entwicklungsschritten“ über den Routinefaktor hinaus. „Es geht in der zweiten Liga robuster zur Sache, ich musste auch kämpfen lernen“, sagt er, „dadurch bin ich ein kompletterer Spieler geworden.“ Noch dazu einer, der nun weiß, was heißt, Verantwortung übernehmen zu müssen.

Wie ein Quarterback im American Football

Egal, welchen Kollegen er in der Innenverteidigung an seiner Seite hatte, immer war klar: Derjenige, der am Ende die kniffligen Situationen zu lösen hat, ist Timo Baumgartl. Der Juniorchef der VfB-Abwehr, der entsprechend auch einen Sitz im Mannschaftsrat zugeteilt bekam. Wobei er das gar nicht zu hoch hängen will. Schon gar nicht die Sache mit der Chefrolle. „Bei uns übernimmt jeder Verantwortung“, sagt er, „und die Abwehr ist auch nicht allein fürs Verteidigen zuständig.“

Seine Rolle vergleicht er eher mit der des Quarterbacks im American Football. Der moderne Innenverteidiger ist kein reiner Zerstörer mehr, sondern im Aufbauspiel der erste entscheidende, wichtige Part. „Wir haben oft den Ball und damit viel Verantwortung“, sagt er. Schnelligkeit, Kopfballstärke, ein gutes Stellungsspiel, Zweikampfhärte – es gibt zahlreiche weitere Fähigkeiten, die ein guter Innenverteidiger haben sollte. Viele davon spricht Karlheinz Förster seinem Nachfolger zu. „Timo hat das Potenzial, ein überdurchschnittlicher Bundesligaspieler zu werden“, sagt er, „aber wie alle junge Spieler muss er noch einiges lernen.“ An der Konsequenz in der Zweikampfführung etwa, könnte Baumgartl, der auch schon 39 Bundesligaspiele für den VfB gemacht hat, noch arbeiten.

Der Basketball-Fan treibt die eigene Professionalisierung voran

In einigen Situationen dieser Saison wirkte er noch etwas zögerlich. Manche Beobachter wollen auch ab und an den Bruder Leichtfuß in Baumgartl erkannt haben. Immer wieder zupft er seine Hose zurecht, richtet die Stutzen, stört so die eigene Konzentration? Sollte es so sein, hat er in Hannes Wolf einen Trainer, der den Blick seiner Schützlinge konsequent aufs Wesentliche lenkt. „Wir brauchen einen, der auf jedes Detail achtet. Das tut unserer Mannschaft gut“, sagt Baumgartl über seinen Coach.

Der soll ihn nun weiterentwickeln, soll den 1,90-Meter-Mann bereit machen für die Duelle mit den „Ausnahmekönnern“ (Baumgartl) der Bundesliga. Er selbst treibt derweil die eigene Professionalisierung voran. Eine schmerzhafte Schambeinverletzung hat ihn gelehrt, seinen Körper noch besser zu pflegen.

So will sich das bisherige Toptalent endlich als gestandener Akteur im Oberhaus etablieren. Also dort, wo viele den Basketball-Fan (Riesen Ludwigsburg und Cleveland Cavaliers) als festen Bestandteil sehen. „Der VfB hat auf lange Sicht in der zweiten Liga nichts verloren“, sagt Wiggerl Kögl, „und Timo auch nicht. Er ist ein Bundesligaspieler.“

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