Bietigheim-Bissingens OB Jürgen Kessing (li.) und Stuttgarts City-Manager Hans H. Pfeifer können sich vorstelen, VfB-Präsident zu werden, aber auch... Foto: StN/Leif Piechowski

Bereits am Mittwoch nimmt der VfB-Aufsichtsrat die ersten Bewerber in persönlichen Gesprächen unter die Lupe. Dabei sollen sich die Kandidaten vorstellen, die von einer Personalberatungsfirma in die engere Wahl genommen wurden. Drei von ihnen, so ist zu hören, haben die Nase vorn.

Stuttgart - Der König ist tot – lang lebe der König: Dieter Hundt war noch nicht recht aus dem Aufsichtsrat ausgeschieden, da war sein Nachfolger bereits in Amt und Würden. Gegen 18 Uhr hatte der VfB am Montag Hundts Abgang verkündet, wenig später hatte das Gremium einstimmig Hundts bisherigen Stellvertreter Joachim Schmidt zum neuen Vorsitzenden gewählt. „Gemeinsam müssen wir dafür sorgen, dass der VfB möglichst schnell in ruhigeres Fahrwasser kommt und das zweifelsohne vorhandene große Potenzial ausgeschöpft wird“, sagte Schmidt. Gemeinsam – mit Tempomacher Schmidt an der Spitze.

Der neue starke Mann: Intern gilt Schmidt, der Vertriebs- und Marketingchef von Mercedes, als der Mann, der die Geschicke des VfB Stuttgart maßgeblich lenken soll – zunächst, bis 2014, als Aufsichtsratsvorsitzender, danach auch als möglicher Präsident. Schon jetzt gilt der 64-Jährige vielen als Wunschkandidat, wenn die Mitglieder am 22. Juli den neuen VfB-Boss wählen. Doch Daimler-Chef Dieter Zetsche lässt ihn kurzfristig nicht ziehen, und Schmidt scheint auch nicht gewillt, seinen bestens dotierten Job in Untertürkheim aufzugeben. 2015 aber scheiden Zetsche und Schmidt aus, dann ergibt sich eine neue Konstellation.

Überraschend kommt seine Wahl also nicht. Überraschend ist aber das Tempo, das er vorlegt. Schmidt zündet den Turbo. Das hat vor allem zwei Gründe: Hundts Rücktritt hatte sich zusehends abgezeichnet, weil ihm am 22. Juli die Abwahl gedroht hätte. Schmidt war also vorbereitet. Zum anderen drängt die Zeit, um die überaus zähe Kandidatensuche endlich zum Abschluss zu bringen. Wobei – einen Schnellschuss wird es nicht geben. „Wir haben eine große Verantwortung gegenüber den Mitgliedern des VfB, deshalb geht es in dieser Frage nicht um Schnelligkeit, sondern um Gründlichkeit“, sagte Schmidt am Dienstag den Stuttgarter Nachrichten.

Die Kandidaten fürs Präsidentenamt: Bereits an diesem Mittwoch nimmt der Aufsichtsrat die ersten Bewerber in persönlichen Gesprächen unter die Lupe. Dabei sollen sich die Kandidaten vorstellen, die von einer Personalberatungsfirma in die engere Wahl genommen wurden. Drei von ihnen, so ist zu hören, haben die Nase vorn.

Jürgen Kessing (56): Der SPD-Oberbürgermeister von Bietigheim-Bissingen geht als Favorit ins Präsidenten-Casting. „Ich wurde gefragt, ob ich mir das Amt vorstellen könnte – und ich habe nicht Nein gesagt“, erklärte er kokett. Als Chef von rund 500 Mitarbeitern hat Kessing seit 2004 nachgewiesen, dass er eine Verwaltung von der Größe eines mittelständischen Unternehmens führen kann. Als Kämmerer der Stadt Kaiserslautern (von 1991 bis 1994) hatte er die Finanzen der 100 000-Einwohner-Stadt zu verantworten. In dieser Zeit verschaffte er sich auch Einblicke ins Innenleben eines Fußball-Profivereins. Jahrelang vertrat Kessing den damaligen Kaiserslauterer OB Gerhard Piontek (SPD), der kraft seines Amtes einen Sitz im Aufsichtsrat des FCK hatte, und verhandelte mit dem Land über Zuschüsse in Millionenhöhe für den Stadionumbau. „Der VfB ist eine hochemotionale und vibrierende Marke“, sagt Kessing und schätzt: „Unsere Stadtverwaltung entspricht mit rund 500 Mitarbeitern und einem Etat von 120 Millionen Euro einem mittelständischen Unternehmen wie dem VfB. Und die Aufgaben eines VfB-Präsidenten und eines Rathauschefs kommen sich ziemlich nahe. Ich finde es eine tolle Sache, dass ich für fähig befunden werde, dieses Amt zu bekleiden.“

Kessing war schon als Kandidat für den Stuttgarter OB-Sessel und als Finanzminister gehandelt worden. In Bietigheim stößt es nicht gerade auf Begeisterung, dass er nun schon wieder den Absprung planen könnte. Andererseits sagt SPD-Chef Volker Müller: „Das ist eine Bestätigung für ihn, quasi der Ritterschlag für seine Arbeit.“ Ziehen lassen will die Fraktion den Parteifreund keineswegs: „Da ist uns der kommunale Rock näher als das VfB-Jackett“, sagt Müller. Auch Steffen Merkle von den Freien Wählern würde Kessings Abschied bedauern. „Wir wünschen uns Kontinuität an der Rathausspitze – auch wenn Kessing als VfB-Präsident sicher umgänglicher wäre als sein Vorgänger Gerd Mäuser.“

Hans H. Pfeifer (64): Der Stuttgarter SPD-Stadtrat war zehn Jahre lang OB von Bad Boll und acht Jahre OB von Freudenstadt. Bis Oktober fungiert er noch als Stuttgarter City-Manager. „VfB-Präsident zu sein ist eine außerordentlich faszinierende Aufgabe und einer der interessantesten Jobs, den man sich vorstellen kann“, sagt er, „ich renne seit 50 Jahren zu diesem Verein, aber ich bin nicht der jugendliche Held, der wie Phoenix aus der Asche kommt.“ Dafür verweist er auf einen anderen Vorzug: „Im Fußball kommt es auf Motivation und Kommunikation an. Beides sind Felder, auf denen ich mein ganzes Berufsleben lang zu Hause war.“

Andreas Renner (54): Der CDU-Politiker blickt auf eine wechselvolle Karriere zurück. Nach zwölf Jahren als OB von Singen wechselte er 2005 als Sozialminister ins Kabinett von Ministerpräsident Günther Oettinger nach Stuttgart. Nach mehreren politischen Affären trat er im Januar 2006 zurück. Bei der Suche der CDU nach einem Kandidaten für die OB-Wahl in Stuttgart unterlag er 2012 seinem Mitbewerber Sebastian Turner deutlich. Zurzeit leitet Renner die Repräsentanz des Energiekonzerns EnBW in Berlin und Brüssel. Renner war für eine Stellungnahme nicht zu erreichen.

Ob einer von ihnen tatsächlich am 22. Juli von Schmidt fürs Präsidentenamt vorgeschlagen wird, ist offen bis fraglich. Noch immer hofft der VfB auf den großen externen und hochkarätigeren Unbekannten, der mit seiner Bewerbung hinterm Berg gehalten hat, solange Dieter Hundt im Amt war – aus Furcht, als dessen Kandidat von den Mitgliedern abgestraft zu werden. Dazu zählen offenbar Cristof Bolay, Oberbürgermeister von Ostfildern, sowie Thomas Haas, ein Vermögensverwalter in Frankfurt mit Stuttgarter Vergangenheit. „Wir wollen nicht mehr versprechen, als dass wir der Überzeugung sind, bei der Mitgliederversammlung einen geeigneten Kandidaten zu präsentieren“, sagte Schmidt, „diese Entscheidung ist für den VfB viel zu wichtig, als dass wir diesen Zeitrahmen nicht ausnutzen.“ Sollte die Suche erfolglos bleiben, ist auch denkbar, dass der VfB einen Übergangskandidaten präsentiert. Dann hätte der Verein Zeit, bis 2014 eine optimale Lösung zu finden.

Intern mehren sich unterdessen die Stimmen, die dafür plädieren, Ex-Präsident Erwin Staudt zu einer erneuten Kandidatur zu bewegen. Allerdings winkte der Leonberger am Dienstag erneut in Bezug auf das Präsidentenamt ab. „Ich bin kein Typ für den Schreibtisch. Ich kann mir das nicht mehr vorstellen, das ist völlig abwegig“, sagte Staudt den Stuttgarter Nachricht. Dagegen wäre er zu einem Einstieg in den Aufsichtsrat bereit. „Wenn der Verein mich will, stehe ich zur Verfügung“, erklärte er – und zwar als einfaches Mitglied oder auch als Vorsitzender. 2014 stehen Neuwahlen an

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