Sturmlauf ins neue Amt als Präsident des VfB Stuttgart: Bernd Wahler und die fünf wichtigsten Gründe, die ihm sein triumphales Wahlergebnis von 97,4 Prozent Zustimmung bescherten. Klicken Sie sich durch die Bildergalerie. Foto: Pressefoto Baumann

Es war ein Gefühl, als habe der Erlöser den VfB Stuttgart heimgesucht. Von der Mitgliederversammlung gingen eine ungeheure Kraft, Entschlossenheit und das Bestreben nach Versöhnung aus. Als habe Bernd Wahler, der neue Präsident, magische Kräfte. Der Verein, zuletzt wie betäubt, kommt wieder zur Besinnung.

Stuttgart - Im Augenblick des Triumphes explodierte Bernd Wahler. Die Anspannung der vergangenen Wochen löste sich und setzte Emotionen frei, die den ganzen Saal mitrissen. Der Ex-Kandidat, nun Präsident, sprang von seinem Stuhl auf, sprintete auf die Bühne und hüpfte und tanzte wie ein Irrwisch. 97,4 Prozent! „Das hat fast schon kommunistischen Charakter“, frotzelte Sportvorstand Fredi Bobic.

Wahler wählte, naheliegend, einen Vergleich aus dem Sport. „Das ist, als ob du die Champions League gewonnen, aber nicht damit gerechnet hast“, sagte er und verschwand in die Nacht, allerdings nur für ein paar Minuten. Dann tauchte er im Clubheim auf und feierte mit dem erweiterten Vorstand, dem Aufsichtsrat, Ehrenrat und seiner Frau Petra bis 2 Uhr morgens. Aber erst, nachdem er seine Mutter (82) in Schnait angerufen hatte: „Die wartet darauf.“

Bernd Wahler, der Messias? So schien es an diesem Abend. Der Adidas-Manager bringt jedenfalls das mit, was die Fans und Mitglieder an seinem zurückgetretenen Vorgänger Gerd Mäuser vermisst hatten: fachliche Kompetenz und Führungsstärke, vor allem aber Herzenswärme. Wahler kokettiert mit seinem zuweilen markanten Lachen und sagt: „Es gab schon Menschen, die das aufgenommen, zurückgespult und noch mal angehört haben.“ Er sagte auch: „Der VfB hat die Prozente bekommen“ – er sei nur das Gesicht dieses Erfolgs. Nach so viel Unverstelltheit dürstete die weiß-rote Gemeinde wie ein Schiffbrüchiger nach der Rettung. Unter Mäuser, mit dem die Fans nie warm wurden, und unter Ex-Aufsichtsratschef Dieter Hundt, der Aggressionen in ihnen weckte, fühlten sie sich bevormundet. Wenn deren Namen am Montag fielen, setzte es Pfiffe. Ansonsten gingen die Mitglieder nüchtern mit dem Duo um. Hundt straften sie ab, indem 68,5 Prozent ihm die Einzelentlastung verweigerten. Damit war er für sie Geschichte.

Vertrag mit Viagogo wird wohl nicht verlängert

Sie kannten nur eine Stoßrichtung: Wie ein Pitbull an der Kette zerrten und drängten sie nach vorn. Fans und Mitglieder wollen wieder eine bessere Zukunft, sie wollen sie mitgestalten – und das Beste: Die neue Vereinsführung lässt sie! Zumindest, solange keine Lizenzauflagen betroffen sind. Die neuen Protagonisten Wahler, Joachim Schmidt (Aufsichtsratschef) und Fredi Bobic (Sportvorstand) gehen glaubhaft auf ihre Sehnsüchte nach Konsolidierung in allen Bereichen ein. Die Rückkehr zum alten Wappen, mit 79,9 Prozent Jastimmen beschlossen und mit 92,1 Prozent in der Satzung verankert, war ihnen eine erste Bestätigung, dass Mitbestimmung künftig möglich ist.

Der Sinneswandel der Vereinsführung zeigt sich auch in der Kooperation mit dem Tickethändler Viagogo, den die Fans großteils ablehnen. „Seien Sie gewiss: Wir haben Ihre Botschaft schon verstanden“, versicherte Vorstand Ulrich Ruf. 2014 endet der Vertrag, er wird wohl nicht verlängert. Dass Schmidt im Herbst eine Strukturkommission gründen will, die im Verbund mit Fanvertretern die wichtigsten Themen behandeln soll, kommt ebenfalls an. Im Übrigen zeigte er sich geläutert („Wir im Aufsichtsrat haben auch Fehler gemacht“) und kündigte „eine Debatte auf Augenhöhe“ an.

Wahler hat „Riesenlust auf den Job“

Die ungewohnten Töne verjagen die Verdrossenheit und führen die VfB-Familie zusammen. Von ihr gingen Kraft und Einigkeit aus. Ein Mitglied wagte es, die Neuzugänge kritisch zu sehen – es wurde niedergebuht. Die neue sportliche Angriffslust propagierte Fredi Bobic so: „Der VfB soll Spaß machen. Das ist auch ein klarer Auftrag an den Trainer. Daran lassen wir uns messen.“

Bernd Wahler lebt die Freude bereits vor. Am Dienstag reiste er ins Trainingslager der Profis nach Donaueschingen. „Ich habe Riesenlust auf den Job. Ich habe mich auch nicht zur Verfügung gestellt – ich will das. Ich kann es kaum erwarten“, sagte er. Die Mitgliederversammlung hat seine Lust zusätzlich gesteigert: „Die Stimmung, die Reden, die Emotionen – das war so, wie es in einem Verein sein sollte.“ Ein Lichtblick – nach einer quälend langen Phase der Depression.

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