In der Vesperkirche freuen sich die Menschen auf ein warmes Mittagessen. Foto: Lg/Kovalenko

In der Vesperkirche bekommen Bedürftige und Obdachlose vom 15. Januar an wieder sieben Wochen lang täglich eine warme Mahlzeit – in diesem Jahr unter einer neuen Leitung.

Stuttgart - In diesem Jahr findet in der Vesperkirche ein Wechsel statt: Diakon Kurt Klöpfer übernehme die Leitung der siebenwöchigen Hilfsaktion in der Leonhardskirche und löse damit Diakoniepfarrerin Karin Ott ab, kündigt Dekan Klaus Käpplinger bei der Vorstellung des Programms für 2017 an. Ott habe in den vergangenen acht Jahren das Angebot nicht nur geleitet, sie sei das „Gesicht der Vesperkirche“ gewesen. Laut dem Geschäftsführer der Kreisdiakoniestelle Stuttgart ist dies die einzige große Veränderung bei der 23. Vesperkirche. Käpplinger betont: „Gerade Rituale und gleiche Abläufe sind für unsere Gäste wichtig.“ So werde jeder Tag in der Vesperkirche mit einer kurzen Andacht beendet. „Das gibt einen Rahmen.“

Die Zahl der Besucher wird vermutlich wachsen

Bei der Hilfsaktion, die von der Kirche organisiert, aber vornehmlich von Hunderten Ehrenamtlicher getragen wird, geht es vor allem um Menschen, die sonst im Abseits stehen; sie erhalten in den sieben Wochen täglich von neun bis 16 Uhr ein umfassendes Angebot mit Mittagstisch für 1,20 Euro, Vesperbrote, ärztlicher Behandlung und zudem einem Kulturprogramm an den Sonntagen.

„In unserer Stadt muss eigentlich niemand erfrieren oder verhungern“, sagt Dekan Käpplinger. Dennoch werde während der Vesperkirche immer sichtbar, was sonst im Verborgenen geschehe. Oder anders gesagt: „In der Leonhardskirche sind während der Vesperkirche die zu finden, die selten satt werden an Gutem“, sagt Käpplinger. Zur Klientel der Vesperkirche gehören nicht nur Obdachlose, sondern auch viele Menschen, die arm und einsam sind. „Auch in diesem Jahr werden sie kommen und sind willkommen“, sagt der Dekan. Vermutlich werde die Zahl auch nicht kleiner sein als im vergangenen Jahr. „Leider“, fügt er hinzu. „Die Not bleibt in unserer Mitte. Ein Stachel in unserem Fleisch.“

Jeden Tag sorgen sechs hauptamtliche Mitarbeiter der Evangelischen Kirche – die Diakone und Mitarbeiter aus den Kreisdiakoniestellen – und 50 bis 60 Ehrenamtliche in der Leonhardskirche für einen reibungslosen Ablauf. Sie geben 600 Essen pro Tag aus, hören aber auch mal zu, spenden Trost, wenn es nötig ist. Dennoch seien alle Helfer Realisten: „Probleme werden in der Vesperkirche nicht gelöst, nur gelindert“, sagt Käpplinger.

Auf osteuropäische Armutsmigranten will man sich besser vorbereiten

Wohnungsnot, Armut, Nicht-Dazugehören – davon seien in Stuttgart immer noch zu viele betroffen. Mit der Zunahme der Flüchtlingszahlen hat sich vor allem die Wohnungsproblematik aus seiner Sicht noch verschärft. Der Dekan fordert deshalb seit Jahren von der Stadt, mehr in den sozialen Wohnungsbau zu investieren.

Im vergangenen Jahr waren zur Zeit der Vesperkirche Hunderte von Flüchtlingen in die Stadt gekommen. Da hätte man damit rechnen können, dass sich dies auch auf die Besucherzahlen niederschlägt. Doch nur wenige Flüchtlinge haben das Hilfsangebot laut Käpplinger in Anspruch genommen – vielleicht aus Unwissenheit.

Immer größer werde dagegen die Zahl der Armutsmigranten aus osteuropäischen Ländern. „Im letzten Jahr war es eine große Gruppe“, sagt Kurt Klöpfer. „Es ist genug für alle da“ – das ist das Motto der Vesperkirche. Natürlich soll dies auch für die Gruppe der Sinti und Roma gelten. Trotzdem sei diese Gästeklientel etwas schwieriger. Oft kämen sie mit Sack und Pack, blieben den ganzen Tag und trügen so manchen gruppeninternen Clinch dort aus. „Das ist nicht einfach zu handhaben“, sagt Klöpfer. In diesem Jahr wolle man sich deshalb speziell vorbereiten, versuche Wissenslücken abzubauen. Dazu werde man an einem Infotag von Pfarrer Andreas Hoffmann-Richter geschult. Er gelte als Experte für Armutsmigranten aus Osteuropa.

Zum Auftakt der Vesperkirche am Sonntag, 15. Januar, tritt Cornelia Lanz mit dem Verein Zuflucht auf. Dieser setzt sich für Völkerverständigung durch Kultur ein. Der Chor singt deutsch-arabische Lieder. „Darauf freue ich mich besonders. Sie werden uns Mut machen für das interkulturelle Miteinander“, sagt Käpplinger.

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