Die Nürnberger Oper – bald eine Attraktion für Rems-Murr-Stammgäste? Foto: Ludwig Olah (Staatstheater Nürnberg)

Landes-Verkehrsminister Winfried Hermann und sein grüner Parteifreund, der Murrhardter Abgeordnete Ralf Nentwich, preisen die Einführung einer neuen Zugverbindung, um die sensationellen Nürnberger Kulturangebote zu genießen. Allerdings geht’s nicht ohne Spurterqualitäten, so die nicht ganz ernst gemeinte Einschätzung unseres Redakteurs.

Regelmäßig fährt unsere Landeshauptstadt Bestwerte ein, wenn es um große und kleine Kunst, um Schauspiel, Konzerte, Ausstellungen geht: Stuttgart, die Kulturhauptstadt der Republik. Sicher, die Titulierung als Mekka für Kulturaffine mag mit Blick auf Berlin oder Hamburg übertrieben wirken – aber völlig absurd ist es auch nicht.

Reichlich Kultur auch im Stuttgarter Speckgürtel

Wobei, auch im Speckgürtel drumherum gibt es genügend Möglichkeiten, Hochkaräter nur wenige Meter von einem entfernt auf der Bühne zu erleben – sei’s bei den Theaterprogrammen der Kulturämter in Fellbach, Waiblingen oder Backnang, bei Independent- oder Free-Jazz-Darbietungen in der Manufaktur Schorndorf, Kabarett im Waiblinger Schwanen oder Ausstellungen in der Q-Galerie Schorndorf oder der Galerie Stihl in Waiblingen.

Doch das wahre Leben tobt offenkundig nicht hierzulande. Denn zwei grüne Spitzenpolitiker des Landes, Verkehrsminister Winfried Hermann und der Murrhardter Landtagsabgeordnete Ralf Nentwich, empfehlen eine ganz spezielle Pilger-Tagesreise – nämlich nach Nürnberg.

Denn seit dem Fahrplanwechsel vom 10. Dezember verkehren zwei zusätzliche Regionalexpress-Zugverbindungen von Stuttgart über Crailsheim bis Nürnberg und zurück – und „bereichern so das kulturelle Leben und die Mobilität in der Region“. Beispielsweise am frühen Morgen: Der erste Zug verlässt Stuttgart um 4.23 Uhr und erreicht Nürnberg um 7.17 Uhr, „was Geschäftsreisenden und Frühaufstehern entgegenkommt“, so Nentwich.

Letzter Zug startet in Nürnberg um 22.38 Uhr

Doch die „bequeme Reisemöglichkeit ermöglicht auch abends“, die „kulturellen Angebote von Nürnberg, wie Theater- und Konzertbesuche, ohne Sorge um die Rückreise zu genießen“. Der RE 90 startet als letzter Zug in Nürnberg um 22.38 Uhr – „und kommt so insbesondere den jungen und alten Nachtschwärmern im Raum Backnang zugute“.

Na ja: Bequem? Ohne Sorge? Das kann man auch anders sehen. Zum Beispiel, wenn man etwa die nächste, noch nicht ganz ausverkaufte Aufführung von Verdis „Nabucco“ am Donnerstag, 21. Dezember, in der Nürnberger Oper genießen möchte. Dieses Opernhaus wurde 1905 als Neues Stadttheater am Ring gebaut und galt seinerzeit als teuerster europäischer Theaterbau der damaligen Zeit – nun, einen ähnlichen Superlativ kann der komplett für mindestens eine Milliarde Euro zu sanierende Stuttgarter Littmann-Bau bald ebenso verbuchen.

Nach dem Schlussapplaus eiligst zum Nürnberger Hauptbahnhof

Immerhin, die Nürnberger Premiumkarten kosten 72,30 Euro – da ist man von Stuttgart (teuerste Kategorie dort 119 Euro) durchaus anderes gewöhnt. Der Freiheitskampf der Hebräer, garniert mit diversen Stilmitteln des Stummfilms, startet in der Frankenmetropole um 19.30 Uhr, das Ende ist so gegen 22 Uhr. Wer sich nach dem Schlussapplaus sputet, schafft’s mit Hecheln gerade so zum zehn Minuten entfernten Nürnberger Hauptbahnhof. Bei einem hochkarätigen Jazzkonzert, das erst um 21.30 Uhr beginnt, wird’s eher ein Ding der Unmöglichkeit – muss man als „Nachtschwärmer“ halt im Bahnhofswartezimmer bis zum Frühzug ausharren.

Was Nentwich überdies außen vor lässt: Wer den Zug doch erreicht, kommt in Backnang nach halb eins, in Stuttgart gegen 1 Uhr an. Da guckt man bedröppelt aus der Wäsche und muss halt sehen, wie man von den jeweiligen Bahnhöfen nach Hause kommt, wenn man nicht fußläufig im Zentrum der Murr-Metropole (so die einstige Wortkreation des Ex-OB Frank Nopper) oder im Kessel von Spätzlescity wohnt.

Und was sagt Friedrich Schiller?

Aber sei's drum, halten wir’s eben frei nach Franz Moor aus dem Drama „Die Räuber“ unseres Landsmanns Friedrich Schiller: „Auf! Hurtig! Alle! nach Franken!“