Horst Gaiser leidet unter dem Verkehr, der tagtäglich vorbeidonnert. Foto: Caroline Holowiecki

Die Sperrung der Scharnhauser Straße in Stuttgart-Plieningen ist umstritten. In den Sternen steht sie sowieso. Horst Gaiser sehnt sie indes herbei. Ein Besuch bei einem, dessen Haus bebt, wenn Laster über Gullys fahren.

Plieningen - Was für ein Naturparadies! Prächtige Trompetenbäume säumen die Einfahrt, unter Kiwi- und Hopfenranken, die die Balkone grün einrahmen, steht ein Blumenmeer. „Was wir hier an Schmetterlingen und anderen Insekten haben. Wir haben ein funktionierendes Biotop“, sagt Horst Gaiser und lässt den Blick über seinen Vorgarten schweifen. Nur: In vollen Zügen genießen kann der Plieninger das alles nicht. Denn an seinem Paradies donnern im Sekundentakt Autos, Busse und Lastwagen vorbei.

Horst Gaiser wohnt an der Scharnhauser Straße in Plieningen. Schon immer. Stark befahren sei die Route nach Ostfildern auch schon immer, aber seit das Gewerbegebiet in Scharnhausen floriere, sei es „ganz brutal“. Eigentlich gelte hier ein Lkw-Durchfahrtsverbot, betont er, „eigentlich“. Der Großteil der Brummis, die vorbeipoltern, wird zur A 8 wollen, denn ein Anschluss in Richtung Karlsruhe fehlt auf Höhe des Industriegebiets. Horst Gaiser sagt, dass er die Erschütterungen im Haus spürt, wenn Lastwagen über Gullys donnern. Ein „Höllenlärm“ sei das, 24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche. „Die kassieren die Gewerbesteuer, wir den Dreck“, sagt er in Richtung Ostfildern.

Der 62-Jährige hofft deshalb auf eine Sperrung der Scharnhauser Straße. Seit Jahren geistert die Idee durch den Bezirk. Mittlerweile ist es ruhig darum geworden. „Kann sein, dass das wiederkommt, wenn die Umgehung fertig ist“, sagt der Bezirksbeirat Ulrich Berger. Gemeint ist der Lückenschluss zwischen der L 1192, die von Echterdingen kommend an Plieningen vorbeiführt, und der L 1204, die dann entlang der Autobahn weiter Richtung Neuhausen geht.

Das Bahnprojekt stockt

Der Schlenker dazwischen, der derzeit über die äußere Neuhauser Straße durch Plieningen führt, soll angeglichen werden. Klappen soll das mit einer neuen Brücke über die Mittlere Filderlinie. Bauen wird das Ganze die Bahn, die neben der A 8 die ICE-Trasse errichtet und dafür sowieso ins Straßennetz eingreifen muss. Aber das Projekt stockt. Laut einem Sprecher des DB-Projekts Stuttgart–Ulm ist beim Verwaltungsgerichtshof in Mannheim Klage gegen den Planfeststellungsabschnitt 1.3a – er beinhaltet unter anderem das Schienen-, das Straßenprojekt und den Umbau der Anschlussstelle Plieningen – eingereicht worden. Bis zu einem Urteil würden keine weiteren Aufträge vergeben.

Ob die Scharnhauser Straße je gesperrt oder auch nur umgestaltet wird, diese Frage ist laut dem Stadtplaner Andreas Hemmerich sowieso nicht Teil irgendwelcher Bahn-Planungen, sondern seit Jahren als Option im Verkehrsstrukturplan für Plieningen verankert. Aber freilich könne und werde man beides nicht losgelöst betrachten. Andreas Hemmerich etwa glaubt an eine baldige Entlastung der Scharnhauser Straße, denn „wer auf die Autobahn will, wird dann auf der Südumfahrung fahren“.

Die Diskussion ist längst wieder aufgeflammt

Einen „gewissen Charme“ spricht der Stuttgarter Stadtplaner einer Beschränkung auf Rad-, Fuß-, Bus- und landwirtschaftlichen Verkehr nicht ab, jedoch warnt er auch: Untersuchungen hätten gezeigt, dass westlich der Mittleren Filderlinie mehr Verkehr auf der Bernhauser und der Neuhauser Straße drohen könnte. Das Für und Wider müsse in der politischen Diskussion beleuchtet werden.

Die Diskussion ist indessen längst wieder aufgeflammt. Nachbarn haben sich bereits zu Wort gemeldet und moniert, dass sie zum Einkaufen oder zum Krankenhaus in Ruit Umwege in Kauf nehmen müssten, wenn die Sperrung der Scharnhauser Straße käme. Für Horst Gaiser ist das Egoismus. Er wettert: „Damit ein paar wenige zweimal in der Woche bequem einkaufen fahren können, sollen sehr viel mehr andere Menschen weiterhin gesundheitlich sehr stark belastet werden.“

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