Auch wegen der Tarifreform vermeldet der VVS einen neuen Fahrgastrekord. Foto: Lichtgut/Leif-Hendrik Piechowski

Die Halbjahresbilanz des VVS meldet nach der Tarifreform einen Fahrgastrekord. Doch ist die neue Spitzenmarke ein verkehrspolitischer Erfolg? Der Landesnaturschutzverband meint nein.

Stuttgart - Die Halbjahresbilanz des VVSmit 192 Millionen Fahrten in Bussen und Bahnen der Region Stuttgart gilt als Erfolg: Vier Millionen oder zwei Prozent mehr Fahrten als im Vorjahr, bei den von der Tarifreform betroffenen Fahrkarten sogar eine Steigerung von fast fünf Prozent. „Die Tarifreform wirkt“, sagt OB Fritz Kuhn, der Aufsichtsratschef des VVS. Das sieht Rudolf Pfleiderer vom Arbeitskreis Stuttgart des Landesnaturschutzverbands ganz anders: Die Reform verfehle wie viele Verbesserungen im ÖPNV der vergangenen Jahre ihr eigentliches Ziel, nämlich weniger Autoverkehr in der Stadt.

Mehr Fahrten, aber auch mehr Fahrgäste?

Er bezweifle nicht, dass es mehr Fahrten mit dem VVS gebe, sagt Pfleiderer, aber ebenso unzweifelhaft sei, dass „davon auf den Straßen nichts zu bemerken ist“. Erstens bedeute mehr Fahrten ja nicht, dass automatisch mehr Leute mit dem VVS fahren würden. Es könne genauso gut sein, dass dank der besseren Ticketangebote viele Fahrgäste nun Busse und Bahnen öfters nützten und Fahrten mit dem VVS zurücklegten, die sie früher gar nicht unternommen hätten, sagt Pfleiderer.

Der Autoverkehr in Stuttgart werde trotz aller ÖPNV-Aktivitäten schon deshalb zunehmen, weil zahlreiche Straßenbauprojekte vor der Realisierung stünden, prophezeit er. Dazu zählt er den Rosensteintunnel im Zuge der B 10 und den Leuzetunnel im Zuge der B 14, zudem Autobahnen und Bundesstraßen, die nach Stuttgart führen und in nächster Zeit verbreitert werden sollen. „Die Folge davon wird eine Zunahme des Autoverkehrs sein“, sagt Pfleiderer, „doch statt dagegen etwas zu unternehmen, macht man eine VVS-Tarifreform.“ Auch wenn es noch keine Zahlen für die Entwicklung des Autoverkehrs nach der Einführung der Tarifreform am 1. April gibt, scheint die bisherige Entwicklung Pfleiderers Einschätzung zumindest nicht zu widersprechen.

Im Frühjahr legte die Stadt Stuttgart das Ergebnis einer Verkehrszählung vor, die am 16. Oktober 2018, also ein halbes Jahr vor der Tarifreform, an der Stadtgrenze stattfand. Danach hat dort der Autoverkehr gegenüber 2016 um knapp ein Prozent zugenommen. Im Mai diesen Jahres, also nach der Tarifreform, sind die Autos am Kesselrand gezählt worden. Diese Zählung wird aber momentan noch ausgewertet. Bekanntlich will OB Kuhn die Zahl der Autos mit Verbrennungsmotor im Talkessel um 20 Prozent senken.

Noch keine Zahlen

Pfleiderer verweist darauf, dass beispielsweise trotz neuer Verbindungen nach Remseck (Stadtbahn) und in den Kreis Böblingen (S-Bahn) der Autoverkehr von dort in die Stuttgarter Innenstadt stark zugenommen habe. Diese Erfahrungen würden auch auf anderen Strecken gemacht. Und falls doch einzelne Autofahrer umsteigen würden, kämen rasch neue hinzu. Mit einer Tarifreform komme man dagegen nicht an. „Die Tarife wirken sich auf den Straßenverkehr nicht aus“, sagt Pfleiderer.

Zumindest OB Fritz Kuhn erwartet da anderes. Mit der Tarifreform sei es „wesentlich einfacher und oft auch günstiger, die Bahnen und Busse zu nutzen“, sagt er: „Ich bin mir sicher, dass noch mehr Menschen in Stuttgart und der Region umsteigen werden.“

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