Staubige Chefs: Jan Uwe Berner und Hannes Laipple befüllen die Container mit Abbruchmaterial Foto:  

Bis Ende März will der CVJM Fellbach sein Domizil in der Gerhart-Hauptmann-Straße barrierefrei umbauen. Etwa 450 000 Euro kostet die Sanierung. Auslöser für das Projekt ist, dass ältere Besucher und Mütter mit Kinderwagen das Haus meiden.

Fellbach - Der Baulärm gehört beim CVJM in Fellbach in dieser Woche zum guten Ton. Schon auf dem Weg in die Gerhart-Hauptmann-Straße sind Bohrmeißel und Trennschleifer zu hören. Vor dem Eingang wird gebaggert, im Foyer wird geklopft, auf dem Gehweg sind zwei Helferinnen mit der Heckenschere im Einsatz. Fast fünf Jahrzehnte nach der Erweiterung krempelt der christliche Verein beim CVJM-Heim erneut die Ärmel hoch – und reißt ab, was dem Traum von einem für auch wirklich alle Besucher offenen Haus im Weg steht.

Mit dem behindertengerechten Ausbau im Erdgeschoss ist es in der Gerhart-Hauptmann-Straße freilich nicht getan

Um reine Schönheitskosmetik geht es bei den seit Montag laufenden Arbeiten nämlich keineswegs. Geplant ist vielmehr, das 1955 begonnene und 1974 erweiterte Domizil barrierefrei zu machen. Dazu gehören nicht nur eine für Kinderwagen und Rollstühle taugliche Rampe vor der Eingangstür und das behindertengerechte WC. Eingebaut werden auch eine Induktionsschleife für Hörgeräte und Orientierungshilfen für sehbehinderte Besucher.

„Der ganzheitliche Ansatz war ein sehr wichtiges Argument für den Umbau“, sagt der CVJM-Vorsitzende Hannes Laipple, der mit blauem Bauhelm und staubigem T-Shirt aus der Wand gebrochene Steine schleppt. Zwei Container mit Bauschutt sind schon abgefahren, zwei weitere schon gut gefüllt – dass beim CVJM etwas bewegt wird, wird spätestens beim Abraum unübersehbar. Mit dem behindertengerechten Ausbau im Erdgeschoss ist es in der Gerhart-Hauptmann-Straße freilich nicht getan.

Groß reden will der Senior nicht, keine Zeit, die Arbeit ruft

Die mit zwei Personalstellen für die Jugendarbeit, einer Buchhalterin, einer Verwaltungsmitarbeiterin und dem FSJler besetzte Geschäftsstelle soll ein zusätzliches Büro erhalten. Und: Auch zwei zusätzliche Gruppenräume – einmal 30, einmal knapp 60 Quadratmeter groß und mit einer Faltwand ins Foyer erweiterbar – kann sich der Verein nach Auszug der Kindergartengruppe gönnen.

Deshalb ist Robert Lorenz mit seinen 85 Jahren in diesen Tagen dabei, exakt die Wände einzureißen, die er vor 45 Jahren selbst mit aufgebaut hat. Groß reden will der Senior nicht, keine Zeit, die Arbeit ruft. Schließlich gibt es auf der CVJM-Baustelle reichlich zu tun, was angepackt gehört. „Eigentlich fangen wir morgens um 8 Uhr mit einem gemeinsamen Frühstück an. Aber Robert ist immer schon um 7.30 Uhr da und schafft“, sagt der Co-Vorsitzende Jan Uwe Berner über den Arbeitseifer des gelernten Ofenbauers. Mit seinem Engagement auf der Baustelle steht Robert Lorenz nicht alleine da. Es gibt viele, denen bei den Abrissarbeiten eigentlich das Herz bluten müsste – die aber mit Begeisterung dabei sind, dem neuen CVJM-Heim den Weg zu ebnen.

Für den Montag hatten sich gut 30 Helfer in die Arbeitsliste eingetragen

„Die Unterstützung ist phänomenal, wirklich klasse“ lobt Hannes Laipple den Einsatz der Helfer. Für den Montag hatten sich gut 30 Helfer in die Arbeitsliste eingetragen, auch am Dienstag und Mittwoch war der CVJM mit zwei Dutzend Helfern im Eigenleistungs-Einsatz. Jüngste Bauarbeiterin auf Zeit ist Alisa Hess. Die blonde 13-Jährige aus der Mädchenjungschar kratzt mit ihrer Freundin die Tapete von der Wand, das Baustellen-Outfit besteht aus Tarnfarben-Hose, Tank-Top und Ohrstöpseln. „Den Staub spürt man irgendwann gar nicht mehr. Aber der Lärm, der nervt“, antwortet sie auf die Frage nach der Baustellen-Premiere. „Für die jungen Leute ist die Baustelle auch eine Möglichkeit, sich mal auszuprobieren. Wo bekommen sie die heute schon noch?“, sagt Diakon Kurt Schmauder, ganz in seiner Rolle als Jugendreferent. Er hofft, dass das CVJM-Heim durch den Umbau „noch mal einen ganz neuen Impuls“ bekommt – und auch von Leuten besucht wird, die schon lange nicht mehr da waren. Weil die Treppe ins Obergeschoss für sie immer beschwerlicher wird, nehmen laut Kurt Schmauder mittlerweile fast eine Handvoll Senioren nicht mehr am Familienkreis teil. Da sei es ein Segen, dass es künftig auch zwei ebenerdig erreichbare Gruppenräume gebe.

Ein Grundstock für den Spendentopf ist schon mal gelegt

„Es findet sich in Fellbach bisher leider kaum ein öffentliches Gebäude, das wirklich behindertengerecht ist – nicht mal das Rathaus ist da über jeden Zweifel erhaben“, sagt Schmauder. Vor allem Sehbehinderte würden allzu oft vergessen. Für die CVJM-Planung verantwortlich zeichnet der Fellbacher Architekt Hans-Jörg Bährle. Sein Vater, der Anfang des Jahres verstorbene Kurt Bährle, hat seinerzeit den Erweiterungsbau geplant. Noch so eine Parallele. Für den – von den Mitgliedern einstimmig beschlossenen – Traum vom neuen Domizil greift der Verein tief in die Tasche. Auf 450 000 Euro wird der Umbau taxiert. Zum eigentlichen Baupreis in Höhe von knapp 335 000 Euro kommt nämlich noch das Inventar. Fast ein Viertel der Bausumme bekommt der Verein als Zuschuss der Stadt, vom Sparbuch des CVJM sollen maximal 150 000 Euro kommen. Für den Rest der Baukosten – mehr als 100 000 Euro – hofft der Verein auf die Spenden seiner Mitglieder und die Unterstützung von Firmen. Ein Grundstock für den Spendentopf ist schon mal gelegt. Bis zum als „Abrissparty“ titulierten Baustart gingen immerhin schon 11 500 Euro auf dem CVJM-Konto ein. Fertig sein soll der Umbau im März 2020.

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