Der Vorstandschef Rainer Hinzen und die Diakonie Stetten stehen vor großen herausforderungen. Foto: Rainer Kwiotek

Die Behinderteneinrichtung baut ihr stationäres Angebot grundlegend um. Binnen 20 Jahren müssen mehr als 100 Millionen Euro investiert werden.

Kernen - Der Umbau der Behindertenhilfe unter dem Dach der Diakonie Stetten schreitet voran. Das Ziel ist die Schaffung inklusiver und dezentraler Wohnangebote als Ersatz für bisherige stationäre Großkomplexlösungen. Allein in den vergangenen fünf Jahren hat das Sozialunternehmen dazu bereits unter anderem neue Wohnhäuser in Filderstadt-Plattenhardt (Kreis Esslingen), Schorndorf, Endersbach und Fellbach geschaffen. Bis zum Ende des Jahres soll eine neue Heimat für rund 20 Menschen in Großbottwar (Kreis Ludwigsburg) fertiggestellt werden, Weitere Projekte in der Region Stuttgart und im Ostalbkreis sind in Planung oder der Umsetzung.

Zahlreiche Um- und Neubauten nötig

Auch der Hauptstandort um das Schloss in Kernen-Stetten, wo zurzeit noch 573 Menschen leben, müsse grundlegend neu strukturiert werden, das haben der Vorstandsvorsitzende der Diakonie Stetten, Rainer Hinzen, und sein Stellvertreter Dietmar Prexl in einem Pressegespräch jetzt deutlich gemacht. Die geänderte Landesheimbauverordnung mache in einem erheblichen Maße Um- oder Neubauten und Sanierungen nötig.

Die eigentlich vom Jahr 2019 an gültige Verordnung schreibt unter anderem Einzelzimmer und Raummindestgrößen vor, außerdem darf es an einem Standort nicht mehr als 100 Heimplätze geben. Weil sich gezeigt hat, dass Einrichtungen in der Größenordnung der Diakonie Stetten, die im stationären Bereich insgesamt fast 1400 Menschen mit Handicap betreut, einen solchen Umbau nicht bis dahin schaffen können, hat das Land einen sogenannten Komplexträgererlass eingeräumt. Die Großeinrichtung muss allerdings einen Gesamtplan vorlegen, aus dem ersichtlich ist, was gemacht werden soll und wann man damit fertig sein will.

Auf 20 Jahre hat die Diakonie Stetten diese „Roadmap“ jetzt angelegt. Ein äußerst ehrgeiziges Unterfangen, wie Rainer Hinzen einräumt. Denn schließlich gehe es nicht nur um eine geschätzte Investitionssumme von mehr als 100 Millionen Euro, von der voraussichtlich ein Drittel aus eigenen Mitteln aufgebracht werden müsse; an 38 von 69 Wohnstätten stünden Veränderungen an. Der Umbau sei auch in der Durchführung mit vielen selbst schwer beeinflussbaren Unwägbarkeiten verbunden, schließlich müssten Grundstückskäufe getätigt, Baugesuche erstellt und genehmigt, Interimslösungen geschaffen, Förderanträge verhandelt werden sowie viele Dinge mehr. Auch reiche es nicht, einfach nur irgendwo einen neuen Wohnplatz für die Heimbewohner zu schaffen, auch deren Mobilität und persönliche Beziehungsgeflechte, die Arbeitsstellen sollten nach Möglichkeit berücksichtigt und erhalten bleiben.

Hangweide ist Ende des Jahres Geschichte

Einen großen Schritt auf dem Weg zur proklamierten Dezentralisierung ist man indes bereits auf der „Hangweide“ vorangeschritten. Das einstige „Modellprojekt der Behindertenhilfe“ am südöstlichen Ortsrand von Rommelshausen, in dem bis in die 1990er-Jahre noch rund 320 Menschen mit geistigem Handicap lebten, soll bis zum Ende des Jahres der Vergangenheit angehören. Das Dorf mit eigener Infrastruktur, Kirche, Gärtnerei und Schwimmbad soll verkauft und neu entwickelt werden. Lediglich zwei Wohnhäuser bleiben erhalten. Für alles andere soll im Dezember endgültig das Licht ausgeknipst werden. Hinzen: „Am 26. September wird auf der Hangweide das letzte Sommerfest gefeiert.“ Die Gemeinde hat bereits ein Büro beauftragt, Vorschläge für die Nachnutzung des Areals auszuarbeiten.

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