Das Wasserwerk Rauental muss umgebaut und erweitert werden, um das belastete Trinkwasser reinigen zu können. Foto: Star Energiewerke

Im Norden Mannheims sind in diesem Jahr zahlreiche weitere Äcker entdeckt worden, auf die verunreinigte Papierschlämme ausgebracht worden sind. Die Stadtwerke Rastatt müssen Millionen von Euro investieren, um das Wasser zu schützen.

Rastatt/Mannheim - Es ist eine der größten Umweltverschmutzungen in der Geschichte Baden-Württembergs: Rund um Rastatt, Baden-Baden und Mannheim sind hunderte Hektar Fläche mit der Chemikalie PFC verseucht. Womöglich stammen die Stoffe aus verunreinigten Papierschlämmen, die als Kompost verwendet wurden. Wir fassen die wichtigsten Entwicklungen des Jahres 2017 zusammen.

Steigt die Zahl belasteter Flächen?

Ja – bisher war von rund 500 Hektar die Rede gewesen. Doch in diesem Jahr hat man bei Sandhofen im Norden von Mannheim weitere Flächen entdeckt. „Es gab seit Längerem eine Belastung des Grundwassers, die wir uns nicht erklären konnten“, sagt Thomas Röber von der PFC-Stabstelle im Karlsruher Regierungspräsidium. Deshalb habe man Rasteruntersuchungen gemacht. Das Ergebnis: Die Größe der belasteten Flächen ist bei Mannheim auf 244 Hektar geklettert, insgesamt spricht die Behörde nun von 747 Hektar. Im Gegensatz zu Mittelbaden besteht in Mannheim keine Gefahr, dass das PFC ins Trinkwasser gelangt.

Wie schützt man das Trinkwasser?

Die Bürger von Rastatt und Umgebung sind dagegen stark betroffen. Vermutlich über mehrere Jahre hinweg haben die Menschen belastetes Wasser getrunken – der Kompost wurde in den Jahren von 2006 bis 2008 ausgebracht, entdeckt wurde das PFC per Zufall 2012. Teils war der Vorsorgewert um das Zehnfache überschritten. Es war Olaf Kaspryk, der Geschäftsführer der Star Energiewerke, der damals Alarm geschlagen hat. Eine neue Studie, die an diesem Mittwoch in Baden-Baden den Bürgern vorgestellt wird, zeigt, dass das PFC bereits in 60 Metern Tiefe nachgewiesen werden kann. Mit etwas Glück strömt das belastete Grundwasser aber in den nächsten Jahren am Hauptwasserwerk Ottersdorf vorbei.

Die Auswirkungen sind dennoch dramatisch: Rastatt musste zwei von drei Wasserwerken abschalten und eine Notfallleitung nach Gaggenau bauen. Derzeit läuft der Ausbau des Wasserwerks Rauental – in ein neues Gebäude kommen vier sieben Meter hohe Silos mit Aktivkohle, die das belastete Wasser filtern. Bisher tragen allein die Bürger die Kosten von acht Millionen Euro. Eine Preiserhöhung für das Trinkwasser gab es schon, eine zweite folgt 2019 – das Wasser wird dann ein Viertel teurer sein. Kaspryk meint deshalb: „Für den Kampf gegen das PFC sollten Land, Bund und Wasserversorger gemeinsam die Verantwortung tragen.“ Der Umweltminister Franz Untersteller (Grüne) sieht dies anders: Zwar beteilige sich das Land finanziell bei Messungen, aber der Staat könne nicht Rückversicherer in allen Schadensfällen sein. Vielmehr müsse der Verursacher in Regress genommen werden. Grundsätzlich sagt Untersteller: „Die Bürger der Region werden, auch wenn diese Botschaft schmerzlich ist und ich sie ungern übermittle, zumindest nach heutigem Stand über einen ungewissen Zeitraum mit diesem Umweltschaden leben müssen.“

Sind Gemüse und Getreide belastet?

Seit einigen Jahren werden die Lebensmittel auf belasteten Äckern vor der Ernte auf PFC untersucht – verseuchtes Getreide etwa darf nicht mehr verkauft werden. 2017 lagen eine Gemüseprobe und 16 Getreideproben über dem Grenzwert. Thomas Röber von der PFC-Stabstelle räumt eine „besondere Brisanz“ in diesem Jahr ein – da viele Flächen bei Mannheim erst im Sommer erkannt wurden, konnten nicht mehr alle in das Monitoring einbezogen werden. Sprich: Es kann sein, dass auch belastete Lebensmittel verkauft worden sind. Ohnehin ist der Umfang belasteter Flächen offen – es könnten immer noch Äcker hinzukommen: „Eine ganze Raumschaft zu beproben, ist schlicht nicht möglich“, sagt Röber.

Wurden schon Menschen krank?

Nach derzeitigem Kenntnisstand ist das nicht der Fall. Da PFC in der Umwelt ein relativ neuer Stoff ist, gibt es die noch keine abschließende Aussage zur Gefährlichkeit; wie sich PFC im menschlichen Körper langfristig auswirkt, ist unbekannt. Die Bürgerinitiative „Sauberes Wasser für Kuppenheim“ hat aber 2015 bei privaten Messungen im Blut teils extrem hohe Werte ermittelt. Sie ist der Meinung, dass die Grenzwerte zu hoch angesetzt sind. Ein Erfolg für die Initiative ist es, dass das Gesundheitsministerium im März eine systematische Untersuchung angekündigt hat – insgesamt 300 Personen sollen nach dem Zufallsprinzip ausgewählt und deren Blut analysiert werden. Ergebnisse gebe es erst 2018, betont Katja Lumpp, die Sprecherin des Stuttgarter Regierungspräsidiums.

Was passiert mit Blutspenden?

In den vergangenen Monaten hat die Tatsache, dass Blutspenden von Menschen aus Mittelbaden nicht auf PFC hin untersucht wurden, Aufregung verursacht. Patienten hätten also belastetes Blut erhalten können. Der DRK Blutspendedienst Baden-Württemberg/Hessen sah die Gefahr als gering an, da Spenderblut fast immer nach Bestandteilen getrennt wird. Dennoch, teilte der DRK-Sprecher Eberhard Weck auf Nachfrage mit, werde das Blutplasma, in dem das PFC nach der Trennung zurückbleibe, seit einigen Wochen nicht mehr verwendet. Es gebe aber weiterhin Blutspendetermine in der Region. Im Übrigen wundert er sich, dass 300 neue Blutproben genommen werden, obwohl dem DRK bereits viel Spenderblut aus der betroffenen Region vorliegt. Eine Anfrage an den Blutspendedienst habe es aber nicht gegeben.

Ist der Verursacher jetzt bekannt?

Ein Kompostunternehmen aus Baden-Baden steht im Verdacht, die belasteten Papierschlämme kostenlos an Landwirte abgegeben zu haben. Mitte November ist erstmals ein recht eindeutiges Urteil in dieser Sache ergangen: Das Karlsruher Verwaltungsgericht sieht „hinreichend belastbare Anhaltspunkte“ dafür, dass diese Schlämme das PFC enthielten. Es verurteilte die Firma deshalb dazu, die Kosten von 242 000 Euro zu tragen, die für die Untersuchung von Böden anfielen. Andere maßgebliche Eintragsquellen könnten ausgeschlossen werden. Das Urteil ist aber noch nicht rechtskräftig. Das Gericht hob im Übrigen hervor: Die Firma „habe in ganz erheblichem Umfang mit gefährlichen Stoffen operiert und verbotswidrig einen neuartigen Geschäftsverkehr eröffnet“.

Was ist PFC?

Per- und polyfluorierte Chemikalien (PFC) bewirken, dass Wasser, Schmutz und Fett von einem Material abperlen – sie werden deshalb beispielsweise bei Outdoorjacken, Bratpfannen und selbst bei Pizzakartons verwendet. Insgesamt gibt es je nach Zählung 800 bis 3000 verschiedene Stoffe; jeder verhält sich anders. PFC baut sich in der Natur nicht ab.

Das Umweltbundesamt stuft das Gesundheitsrisiko von PFC so ein: „In Tierversuchen erwiesen sich die bekanntesten PFC-Vertreter PFOS und PFOA nach kurzzeitiger Belastung über die Nahrung, die Luft und die Haut als mäßig toxisch. In Langzeitstudien mit Ratten und Mäusen förderten beide Verbindungen die Entstehung von Leberkrebs und anderen Tumoren.“ Inwieweit sich die Erkenntnisse auf den Menschen übertragen lassen, ist offen.

Hat Ihnen der Artikel gefallen? Jetzt teilen: