Thomas Tuchel steht im Abseits – und vor dem Aus. Foto: dpa

Dortmunds Trainer Thomas Tuchel will weitermachen – doch nun rückt auch der Kapitän Marcel Schmelzer öffentlich von ihm ab.

Berlin - Irgendwie hatte alles etwas Surreales in dieser warmen Berliner Nacht. Thomas Tuchel, der Asket auf der Trainerbank, sprach davon, dass ihm ein paar ordentliche Gin Tonic beim Feiern schon helfen würden: „Ich werde bei der Party nicht zurückstecken.“ Vorher passierte im Olympiastadion fast schon Unerhörtes. Die BVB-Fans feierten nach dem 2:1-Sieg im DFB-Pokalfinale gegen Eintracht Frankfurt lautstark einen Trainer, der nicht Jürgen Klopp heißt. Erst leise, dann immer lauter erschallte es nach dem ersten Dortmunder Titelgewinn seit dem Double im Jahr 2012 durchs weite Rund: „Thomas Tuchel, Thomas Tuchel“. Auch der Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke, der zu diesem Zeitpunkt mit grimmiger Miene unten auf dem Rasen stand, vernahm das genau.

Ein paar Stunden später passierte dann das nächste Unerhörte: Bei der Dortmunder Siegerparty in einem noblen Hotel am Potsdamer Platz schloss Watzke den Coach, mit dem er sich seit Wochen eine deftige und über dritte ausgetragene Privatfehde liefert, doch tatsächlich mit in seine Dankesrede ein: „Lieber Thomas, das ist dein erster Titel. Darüber freue ich mich total.“ Und weiter: „Wir haben uns nie gestritten. Es hat sich nichts geändert. Wir werden reden und dann sehen wir weiter.“

Thomas Tuchel, der in seinem nächsten Leben vielleicht Ernährungsberater wird, kippt ein paar Gin Tonic. Und Watzke spricht über seinen Gegenspieler wie über einen guten Freund. Nichts war mehr normal. Seltsame Blüten trieb diese Dortmunder Siegesparty. Der Alltag allerdings wird schnell wieder kommen. Auf den Rausch folgt der Kater.

Schwarzer Peter liegt bei Watzke

Denn noch bevor Watzke zu seiner nächtlichen Rede ansetzte, hatte es schon die nächsten Meldungen gegeben, wonach die Trennung von Tuchel längst beschlossen sei. Watzke dementierte umgehend. Tuchel wiederum hatte schon vorher dafür geworben, beim BVB weiterzumachen zu dürfen. Natürlich wusste das Cleverle Tuchel, dass er seinem Chef mit dem Pokalsieg einen Schwarzen Peter zugeschoben hat. Warum sollte ein Clubboss seinen Trainer nach einer Saison entlassen, in der er mit der direkten Qualifikation für die Champions League das gesteckte Saisonziel erreicht hat und später mit dem Pokalsieg die Spielzeit krönte? Das wird Hans-Joachim Watzke gut erklären müssen.

Tuchel wirkte aufgeräumt und gelöst, als er am späten Samstagabend aufs Pressepodium ging. Er war auf alles vorbereitet. Auch auf die Frage, nach der Umarmung mit Watzke auf dem Rasen, die es kurz nach dem Schlusspfiff gegeben hatte – so wie in der Vorwoche nach dem letzten Bundesligaspiel. Tuchel machte einen Witz: „Nachdem unsere letzte Umarmung ja handgestoppt wurde, haben wir uns dieses Mal mehr Mühe gegeben.“ Dann wurde es ernst. Denn Tuchel betrieb nun Werbung in eigener Sache. „Man kann nur dann besondere Leistungen bringen und Titel holen, wenn die Verbindung zwischen Trainer und Team intakt ist und wenn totales Vertrauen herrscht“, sagte er.

Tuchel sprach bemerkenswert offen – auch über das, was ihm einige als Stärke auslegen. Die meisten aber als Schwäche. Seine Detailversessenheit, sein Ehrgeiz, der auch mal in Wut und Sturheit ausarten kann. „Ich mache meinen Job immer mit Herz und Leidenschaft“, sagte Tuchel: „Ich kann hinter verschlossenen Türen sehr emotional sein, das weiß ich.“

Tuchels Vertrag läuft bis 2018

Was Tuchel nicht weiß ist, ob er in der nächsten Saison trotz laufenden Vertrags bis 2018 noch BVB-Trainer sein wird. Anfang dieser Woche kommt es zum entscheidenden Gespräch zwischen Watzke und dem Coach. „Ich möchte nicht naiv erscheinen“, sagte Tuchel, „aber es scheint, als ob das Gespräch ergebnisoffen ist. Ich will meinen Vertrag erfüllen.“

Klar ist: Tuchel hat mit dem Pokalsieg nochmal massiv gepunktet. Und Watzke weiß , dass ihm ein Rauswurf des nun selbst beim Fanvolk beliebten Trainers in große Erklärungsnöte bringen kann. Dass sich die beiden nach all den Streitigkeiten zusammenraufen, ist zwar sehr unwahrscheinlich – aber nicht komplett ausgeschlossen.

Nur sollte Tuchel – anders wie von ihm selbst dargestellt – nicht auf großen Rückhalt innerhalb des Teams hoffen. Die Aussagen rund um den Mittelfeldmann Nuri Sahin, den Tuchel am Samstag aus dem Kader gestrichen hatte, ließen tief blicken. „Mich hat es sehr geschockt. Ich verstehe es einfach nicht“, sagte der Kapitän Marcel Schmelzer und wurde sogar noch deutlicher. „Wenn ein Spieler wie Julian Weigl ausfällt, dann ist der einzige, der das mindestens genauso gut kann, Nuri Sahin. Deshalb war ich sehr überrascht. Wir alle wissen, welche Qualität er besitzt. Die Erklärung dafür muss der Trainer geben. Wir stehen komplett hinter Nuri.“ Und offenbar nicht hinter Tuchel. Das Ende für den Coach bei Borussia Dortmund naht.

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